Museumsleiterin Angela Kummer betonte anlässlich der Vernissage, dass die Bild-Auswahl «gluschtig» machen solle auf das neue Grenchner Geschichtsbuch. Im Aufgang des Museums sowie im dritten Stock (Marti-Schenk-Raum) sind Originalbilder, Vergrösserungen dazu, aber auch Illustrationen und Dokumente zu sehen, bei denen es sich trefflich Verweilen, Innehalten, Erinnerungen hervorrufen lässt, und die zudem auch den Wandel der Stadt aufzeigen.

Der oder die Betrachtende begleitet zum Beispiel den ehemaligen Stadtpräsidenten Adolf Furrer nach Genua, in die Heimatstadt Giuseppe Mazzinis, die den Grenchnern nie vergessen hat, dass sie den Mitbegründer des modernen Italiens in schwierigen Zeiten Schutz bot. Man trifft Margritta Vogelsang beim Betanken eines Autos in den fünfziger Jahren, sieht das Spital Grenchen kurz vor seiner Eröffnung, fliegt mit einem Zeppelin über Grenchen (1929), ist beim Bau des «Luterbacherhofes dabei, regelt mit einem Polizisten zusammen den Verkehr, bedauert den Abbruch der «Alten Post», ist noch einmal mittendrin im Verkehrschaos auf der T5, bevor verkehrsberuhigende Massnahmen ergriffen wurden oder steht General Guisan anlässlich seines Besuches 1945 gegenüber. Man lacht aber auch mit Edi Fiechter und seinem «Gnusch» in der «Badi» oder staunt über eine innovative Wahlwerbung der Freisinnigen zu den Ammanwahlen 1990.

Die Verantwortlichen des Museums haben überdies einen Bilderparcours zusammengestellt, der sich vor allem an Schulen und Familien richtet, und in welchem wesentliche Veränderungen in der Stadt per Spaziergang erkundet werden können.

Daniel Kauz, Projektleiter der neuen Stadtgeschichte, ging in seinem Vortrag insbesondere auf eine interessante gesellschaftspolitische Konstellation in der Stadt im 19. Und 20. Jahrhundert ein: auf der einen Seite politisch, gesellschaftlich einflussreiche, wirtschaftlich potente Familien (Schild, Girard, Vogt, Obrecht, Glocker und weitere). Und auf der anderen Seite über 100 Jahre sozialdemokratische Ammänner (Josef Luterbacher, Arthur Stämpfli, Adolf Furrer, Eduard Rothen oder Boris Banga). Der Referent förderte in seinem unterhaltsamen Vortrag auch Erstaunliches zutage. So zitierte er den US-Historiker Jonathan Steinberg, der noch 1972 Grenchen als die proletarischste Stadt in der Schweiz bezeichnete, eine Umschreibung «die eher karikaturhaft daherkommt». Aber auch der Bund verwies 1960 auf das «sozialistisch regierte» Grenchen.

Daniel Kauz zeichnete ein differenziertes Bild der Machtverhältnisse in der Stadt mit einem zwar sozialdemokratischen Stadtoberhaupt, aber einem zumeist eher bürgerlichen Gemeinderat (lange spielte die CVP das Zünglein an der Waage).
Er liess hart umkämpfte «Wahlschlachten» (exemplarisch 1960 Eduard Rothen gegen Erwin Berger mit einer Stimmbeteiligung von 95%!) Revue passieren, ebenso die zumeist subtile Einflussnahme obengenannter Familien: oft zum Wohle der Gemeinde (Spitalbau und andere), oft aber auch zum eigenen Nutzen (Verhindern von Ansiedlungsprojekten, die nicht im Uhrensektor tätig waren).

Der Vortrag ermöglichte spannende Einblicke in ein Grenchen, in welchem sich verschiedene Interessen, beziehungsweise deren Vertreter, immer wieder Machtkämpfe lieferten, sich aber schliesslich zum Wohle der Gemeinde zusammenrauften.