Ein Kunde reist sogar aus Zürich an, um seine Probleme im Schutz der Anonymität zu besprechen. Nach Grenchen, wo am Marktplatz David Aebischer seit Anfang Juli das erste Männerbüro im Kanton betreibt. Der Berater erklärt, was das Männerbüro leistet und wie er zu dieser Aufgabe gekommen ist. Ein Gespräch über die Gemeinsamkeiten der Geschlechter.

Wann erschien zum letzten Mal eine Frau bei Ihnen im Männerbüro?

David Aebischer: Erst vor einer Woche. Ein Paar kommt regelmässig in die Beratung. Ich habe es schon zweimal erlebt, dass Frauen allein gekommen sind, um sich Rat für ihre Männer zu holen. Der Name «Männerbüro» bedeutet nicht, dass die Frauen ausgeschlossen sind. Ich biete Beratung zu allen Themen, die Männer betreffen, niederschwellig und unkompliziert.

Wieso befindet sich das Männerbüro in Grenchen?

Weil sich hier mein Lebensmittelpunkt befindet. Bisher befinden sich Männerbüros in grossen Städten wie Bern und Zürich. Ich wollte herausfinden, ob es in einer Kleinstadt wie Grenchen ein Bedürfnis dafür gibt.

Haben Sie diese Frage schon beantwortet?

Und ob! Die Nachfrage ist gross. Ich habe mir vorgenommen, für dieses berufliche Standbein ein Pensum von 35 Prozent einzusetzen und habe das mit 18 Klienten schon fast erreicht.

Woher kommen die Männer und was bringt sie zu Ihnen?

Aus der halben Schweiz. Einer reist sogar aus Zürich an und einer aus Freiburg. Ein Mann kommt mit seinem Sohn im Teenageralter. Ich helfe Vater und Sohn, miteinander «z’schlag z’cho» und zeige ihnen, welche Möglichkeiten es gibt, einander im Gespräch zu verstehen. Nur aus Grenchen selbst sind die Männer noch zurückhaltend. Möglicherweise haben sie Bedenken, an dem Ort, wo sie bekannt sind, über Probleme zu reden.

Die Männer haben noch immer Angst, Gefühle zu zeigen?

Sie haben Angst, Schwäche zu zeigen. Die Idee, dass ein Mann erfolgreich und stark sein soll, beruflich und in der Familie, ist immer noch fest in der Gesellschaft verankert. Wenn die Fassade Risse bekommt, schämen sich viele Männer. Darüber reden sich nicht mal mit dem besten Freund, während die Frauen alltägliche Ärgernisse und ihre Beziehungskisten mit ihren Freundinnen ein dutzend Mal durchkauen und sich besser fühlen. Da sind die Frauen im Vorteil. Selbst beim ersten Treffen hier versuchen manche Männer krampfhaft zu zeigen, dass sie alles im Griff haben oder zumindest die Schuld anderen zuzuschieben. Wenn sie sich dem Problem dann stellen, kann es dauern, bis sie die Fassung wiederfinden. Da können schon mal Tränen fliessen.

Weshalb kommen die Männer zu Ihnen?

Meistens wegen Beziehungsproblemen, bis hin zu Trennung und Scheidung. Das Schlimmste, was da passieren kann – und leider passiert es viel zu oft – ist, wenn ein Partner sich gleich einen Anwalt nimmt. Erstens regelt das Gesetz alle entscheidenden Punkte, zweitens braucht die Gegenpartei zu ihrem Schutz dann auch einen Anwalt und drittens werden Trennungsprozesse von Anwälten oft verlängert, was die Verletzungen verschlimmert. Aus diesem Grund arbeite ich nur mit Anwälten zusammen, die das Wohl aller Beteiligten im Auge haben und auf einvernehmliche Lösungen setzen.

Was ist bei Beziehungsproblemen typisch Mann?

Männer machen sich Sorgen um die Kinder, sie fürchten diese zu verlieren. Frauen haben Angst ums Geld, um ihre Existenz und die der Kinder. Beides ist heute gut geregelt, doch besonders von der geteilten Obhut der Kinder wird noch zu wenig Gebrauch gemacht. Und leider wirken Ängste aus früheren Zeiten nach, was zu unnötigem Streit führt. Wer diese Dinge zu Beginn der Ehe oder des Konkubinats in einem Vertrag regelt, erspart sich viele Verletzungen. Das klingt zwar unromantisch, ist aber angesichts der Realität, in der jede zweite Ehe geschieden wird, der beste Weg.

Wann brechen am ehesten Konflikte auf?

Die meisten Beziehungsprobleme entstehen in den Ferien. Die Struktur des Alltags fehlt, man sitzt aufeinander und hat reichlich Zeit, sich über den Partner, die Kinder respektive Eltern zu nerven. Die meisten Scheidungen nehmen so ihren Anfang.

Gewalt und Missbrauch in Beziehungen haben viele Gesichter. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Wer ins Männerbüro kommt, wird zumindest psychisch misshandelt. Gleichzeitig kann der betreffende Mann durchaus selbst Täter sein, das schliesst sich nicht aus. Viele Tragödien entstehen daraus, dass man in Beziehungen aneinander vorbeiredet. Mann und Frau kommunizieren unterschiedlich, auch Eltern und Kinder. Oft mache ich meine Klienten darauf aufmerksam, dass ihr Gegenüber gute Argumente hat. Dann geht es darum, das Verständnis für die Anliegen der anderen Seite zu wecken, das Zuhören zu lehren. Körperliche Gewalt kommt auch vor, meistens mit dem Mann als Täter. Umgekehrt hatte ich noch keinen Fall. Das Männerbüro in Bern ist auf solche Fälle spezialisiert.

Inwiefern verarbeiten Sie im Männerbüro persönliche Erfahrungen?

Jeder Mensch wird im Lauf seines Lebens immer wieder verletzt und von anderen Menschen verlassen. Allein in der Jugendzeit verliebt und trennt man sich ungefähr zwei- bis 20-Mal. In der Regel tröstet einen da das Umfeld, die Liebe von Familie und Freunden leidet nicht unter diesen Trennungen. So sollte es auch bei Erwachsenen sein, doch leider ergreift das Umfeld da oft Partei. Dinge, die ich persönlich erlebt habe, helfen mir, die Situation des Klienten zu verstehen. Doch entscheidend für die Tätigkeit im Männerbüro ist meine jahrzehntelange Berufserfahrung in der Beratung von Erwachsenen und Jugendlichen.