Vom Restaurant Chappeli hinter der Allerheiligenkapelle bis hinunter zum Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen fliesst ein Bach ohne Namen durch ein Tal ohne Namen. Genauer: offiziell gibt es keine Namen. Den Grenchnerinnen und Grenchnern sind beide als «Bachtelen-Täli, Bachtal» und «Bachtelenbach» geläufig. Dieses Tal und den Bach haben die beiden Künstler Ueli Studer und Claude Barbey für ein Kunstprojekt ausgewählt, das sie in Zusammenarbeit mit dem Restaurant Chappeli und in erster Linie mit Schülern des Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen realisieren.

«Bachthal heisst das sanfte Tal, das hinter der Allerheiligenkappelle beginnend oberhalb von Grenchen der Jurakette entlang verläuft und dann plötzlich in südlicher Richtung via Bachtelen Bad einen markanten Geländeeinschnitt bildet. Im obersten Talabschnitt befindet sich das älteste Gasthaus (einst Pilgerherberge) von Grenchen, die Wirtschaft Chappeli. 2015/16 renoviert, ist sie wieder ein beliebtes Ausflugsziel in der Stadt Grenchen geworden.» So heisst es in der Einleitung zum Projektbeschrieb der beiden Künstler.

Ein geschichtsträchtiger Ort

Die Wahl des Ortes sei nicht zufällig, sagt Claude Barbey. Denn dieser Teil Grenchen habe schon immer eine ganz besondere Bedeutung gehabt, wurde hier gar internationale Geschichte geschrieben, wie jeder Grenchner weiss. In der Einleitung heisst es weiter: «Dem Bachtelen Quellwasser wurde schon zur Römerzeit (300 nach Christus) Heilkraft zugeschrieben.

Die Überreste römischer Bäder an der Stelle des Bachtelen-Bades stehen am Anfang einer im 19. Jahrhundert erfolgreichen Bäder-Kur. Das Geschäft mit dem Heilwasser war lange Zeit, bevor Grenchen als Uhrenstadt von sich reden machte, neben der Landwirtschaft ein zweites Standbein.

Das Bachtelenbad der Familie Girard – ein Vorläufer der heutigen Wellness-Kuren – galt als eines der vorbildlichsten und preiswertesten in der ganzen Umgebung. Als der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini 1835 im Bachtelenbad von den Girards Asyl erhalten hatte, bekam das Bad gar internationalen Bekanntheitsgrad: Granges-les-Bains.» Aus dem Bachtelen Bad wurde später das Kinderheim St. Joseph – heute ist das Bachtelen ein modernes Sonderschulheim mit einer heilpädagogischen Tagesschule.

Dieses landschaftlich reizvolle und lokalgeschichtlich bedeutende Gebiet sei Inspirationsquelle und Ort der künstlerischen Auseinandersetzung für Claude Barbey und Ulrich Studer, heisst es in der Projektbeschreibung.

Arbeiten in der Natur

«Es ist ein Experiment, auch für uns ist alles immer wieder überraschend», sagt Barbey, der zusammen mit Schülerinnen und Schülern einer Klasse beim renaturierten Teil des Baches oberhalb des Bachtelen arbeitet. Zwischen dieser neuen Anlage und dem Schulheim wurden verschiedene Druckstöcke in die Landschaft eingefügt, auf denen die Kinder und Jugendlichen grossformatige Farbdrucke realisieren. Betonklötze mit einem feinen Metallrahmen, an dem sich Papier- oder Stoffblätter mit starken Magneten befestigen lassen.

Rund 10 Kinder sind heute an der Arbeit. Sie verteilen Farbe auf den Druckstöcken, besprühen sie mit Wasser, pressen Papierbögen von Hand an. Dann ziehen sie die Bögen vorsichtig vom Stein und drehen sie um. «Ah, das ist jetzt gut herausgekommen», so Ueli Studer. «Das kann man gut weiterverarbeiten, eine gute Grundlage. Jetzt müssen wir das Blatt einfach etwas beschweren, damit es nicht weggewindet wird.»

Es wird viel getüftelt und ausprobiert: Welche Farbe eignet sich am besten, wie viel Wasser wird benötigt, wie lange brauchen die Blätter zum trocknen? Wie bringen wir die Farbe wieder am besten weg vom Untergrund und wie viel Wind vertragen die Papierbögen, wenn man sie an einer Leine aufhängt? Claude Barbey rettet einige Blätter von der Leine, bevor ein Windstoss sie zu zerreissen droht.

Den Ort miteinbeziehen

Die Kinder und Jugendlichen arbeiten nicht nur in der Natur, sondern setzen in ihren Drucken, die sie hier realisieren, auch ortsspezifische Themen um. Denn in den oft überraschenden Resultaten, die manchmal etwas an der Rorschachtest der Psychoanalyse erinnern, kann man Figuren erahnen oder das Fliessen des Wassers oder ähnlich.

Bei schlechtem Wetter wurde in den letzten Wochen auch im Innern des Schulhauses gearbeitet: In den Klassen – die beiden Künstler arbeiten mit Schülerinnen und Schülern aus 5 Klassen zusammen – wurden Druckstöcke aus Holz hergestellt, allerdings im kleineren Format. Auch damit werden Papiere und Stoffe bedruckt.

In den Monaten Mai und Juni sollen mehrere Workshops mit Klassen des Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen durchgeführt werden. Draussen bedruckte Papierbögen werden weiter bedruckt, bis das gewünschte Resultat da ist. «Mit der Drucktechnik werden in Verbindung mit Beton und Holz auch abstrakte Kompositionen und Arbeiten attraktiv gestaltet. Während der Workshops soll der Improvisations- und Gestaltungsspielraum erforscht und erprobt werden.

Das Tasten, Fühlen und die sinnliche Erfahrung mit dem Material und der Farbe ist dabei wichtig.» Barbey rühmt die Zusammenarbeit mit der Verwaltung und den Lehrkräften des Bachtelen. «Hier wird sehr viel Gewicht auf das Gestalterische und Künstlerische gelegt. Wir haben jede Unterstützung, die wir uns nur wünschen. Die Jugendlichen sind mit grossem Eifer bei der Sache und das macht auch uns sehr viel Spass.»

Die so entstandenen Werke werden dann sowohl im Chappeli als auch in der Allerheiligenkapelle ausgestellt, ein Teil als Fahnen den Weg zu den Ausstellungsorten markieren. Die Vernissage ist für Mitte Juni vorgesehen. Geplant ist eine Begehung vom Bachtelen hin zum Chappeli.

Begleitet wird das Projekt von einem Filmer und Fotografen, der nicht nur die künstlerische Arbeit dokumentieren wird, sondern mit Drohnenaufnahmen die Besonderheiten des Bachtals zeigen will. Die Druckstöcke übrigens will man in der Natur belassen und verwittern lassen. Sie können auch in Zukunft wieder verwendet werden.

Vernissage des Kunstprojekts ist Anfang Juni, bis dahin werden die beiden Künstler noch ein mehrmals mit den Jugendlichen zusammen arbeiten.