Grenchen
Damit alle genug zu essen bekommen

Die Verteilorganisation «Tischlein deck dich» lädt am Samstag zum Tag der offenen Tür im Logistikcenter Grenchen.

Andreas Toggweiler
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Gemeinsam gegen Food waste: Cornelia Schneider (links) und Karin Neuhaus im neuen Logistikcenter.

Gemeinsam gegen Food waste: Cornelia Schneider (links) und Karin Neuhaus im neuen Logistikcenter.

Andreas Toggweiler

In der Schweiz gibt es immer mehr Reiche und Superreiche. 330 000 Millionäre wurden 2013 in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie gezählt. Trotzdem ist auch etwa jeder oder jede Zehnte von Armut betroffen. Diese rund 800 000 Personen gehören zur Zielgruppe, die von Nonprofit-Organisationen wie «Tischlein deck dich» mit Nahrungsmitteln versorgt werden, die zwar einwandfrei sind, aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr verkauft werden können und sonst vernichtet würden. «Wir leisten in diesem Sinne einen doppelten Beitrag, indem wir mit Nahrungsmittelhilfe Food Waste vermindern helfen», meint Caroline Schneider, stv. Geschäftsführerin von «Tischlein deck dich».

Die Nahrungsmittelverschwendung wird seit einigen Jahren vermehrt öffentlich thematisiert. Die bereits 1999 gegründete Verein betreibt inzwischen 102 Abgabestellen für Nahrungsmittel der ganzen Schweiz, zusammen mit der Walliser Partnerorganisation Tables du Rhône/Rottu Tisch sind es sogar deren 110.

Bevölkerung ist eingeladen

Morgen Samstag, 20 Juni, von 10 bis 16 Uhr findet in der Logistikplattform Mittelland von «Tischlein deck dich» an der Neckarsulmstrasse 36 in Grenchen ein Tag der offenen Tür statt. Nebst dem Einblick in die Arbeit der Organisation ist die interaktive Ausstellung des Vereins foodwaste.ch zu sehen. Sie gibt nützliche Infos zur Verwertung von Nahrungsmitteln, zur Lagerung und Haltbarmachung. Zudem zeigt «Food- Waste-Starkoch» Mirko Burri, was man mit altem Brot machen kann; Wettbewerb und Kinderprogramm u. a. mit Liedermacher Christian Schenker; Verpflegungsmöglichkeit.

Neues Logistikcenter

Wegen der neuen regionale Belieferungsstrategie des langjährigen Hauptpartners Transgourmet wurde nun Anfang Jahr die eigene Logistikplattform Mittelland von «Tischlein deck dich» in Grenchen in Betrieb genommen. Denn die Organisation wachse stetig und man sei bemüht, die Transportwege möglichst kurz zu halten. «Das dient der Effizienz und der Umwelt», meint Schneider.

Zwei der sechs Logistikplattformen von «Tischlein deck dich» sind von überregionaler Bedeutung, Winterthur und Grenchen. In Grenchen werden die überschüssigen Lebensmittel von Produzenten, Grosverteilern und Grossisten umgeschlagen und für insgesamt 26 Abgabestellen im Mittelland konfektioniert. Einmal pro Woche wird eine Abgabestelle angefahren, beispielsweise die Heilsarmee an der Zuchwilerstrasse in Solothurn. Dort werden die Nahrungsmittel von ehrenamtlichen Helfern nach dem Lossystem (Haushaltgrösse wird berücksichtigt) an die bedürftigen Kundinnen und Kunden verteilt. «Eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel ist uns wichtig», sagt Schneider.

Ausgewogener Mix angestrebt

«Mit der Ware, die wir bekommen, versuchen wir einen möglichst ausgewogenen Mix zusammenzustellen», erklärt Karin Neuhaus, stv. Plattform-Leiterin in Grenchen. Die Organisation hat zu diesem Zweck im Lagerhaus von Burgener Transport an der Neckarsulmstrasse 1000 m2 Fläche gemietet, darunter auch Kühl- und Tiefkühlräume. Nach einem Umbau verfügt man auch über Büro- und Aufenthaltsräume sowie Garderobe und WC.

Neue Abgabestelle in Grenchen

Auch in Grenchen soll demnächst eine Abgabestation der Organisation «Tischlein deck dich» für überschüssige Nahrungsmittel an bedürftige Personen eröffnet werden, und zwar im Eusebiushof (kath. Kirchgemeindehaus). Die Organisation sucht zu diesem Zweck noch freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Interessenten werden gebeten, sich hier zu melden: franziska.baertschi@tischlein.ch, Tel. Nr. 079/762 11 46.

Für die Verarbeitung von frischem Gemüse wurde eine Rüststation installiert. Die bis zu 9 angestellten Mitarbeitenden von Neuhaus kommen von der Sozialfirma Pro Work. Dazu kommt ein Fahrer, fünf Freiwillige und ein Zivildienstleistender. Sie können sich bei ihrer Tätigkeit mit den Grundlagen der Nahrungsmittel- und Logistikbranche vertraut machen. «Wir sind ISO-zertifiziert und entsprechen in allen Belangen einer modernen Lebensmittellogistik», betont Caroline Schneider. Auch der Lebensmittelinspektor kommt regelmässig vorbei.

«Das Herzstück unserer Organisation sind aber die 2250 freiwilligen Helferinnen und Helfer, die ehrenamtlich für uns arbeiten», betont Schneider weiter. Nur dank ihnen und Spenden könne «Tischlein deck dich» überhaupt existieren. Die Organisation mit rund 20 angestellten (1500 Stellenprozente) Mitarbeitenden verfügt schweizweit über ein Budget von gut 3,5 Mio. Franken.

«2 Millionen Tonnen vernichtet»

Eine enge Zusammenarbeit pflege man auch mit der Organisation «Schweizer Tafeln», welche Waren direkt in den Detailhandelsfilialen abholt und Grossküchen sozialer Institutionen (z. B. Gassenküchen) beliefert. Denn je nach Gebindegrösse sind Produkte eher für die Abgabe an Haushalte oder an Restaurants geeignet.

Nahrungsmittel zum Verteilen gibt es noch mehr als genug. 2 Millionen Tonnen einwandfreie Nahrungsmittel würden in der Schweiz jährlich vernichtet, erklärt Schneider. Davon konnten 3000 Tonnen von Tischlein deck dich «gerettet» werden. Von den geschätzten 800 000 «armen» Einwohnern kommen bisher 15 200 in den Genuss der Abgaben. «Wir haben also noch jede Menge Potenzial für weiteres Wachstum», meint Schneider.

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