Geforderte Parteien

CVP-Präsident Marco Crivelli: «Eine Attraktivierung unserer Stadt ist absolut wichtig»

Marco Crivelli auf dem Dach des Sockelbaus des Centro-Gebäudes, wo er auch arbeitet.

Marco Crivelli auf dem Dach des Sockelbaus des Centro-Gebäudes, wo er auch arbeitet.

Der Architekt Marco Crivelli ist seit 2011 Präsident der CVP Grenchen und war vier Jahre lang im Gemeinderat.

Der CVP Stadt Grenchen geht es offensichtlich gut. Die Partei hat bei den letzten Wahlen für den Gemeinderat zwar keinen Sitz gewonnen, aber doch um fast 2 Prozent zugelegt. Hat die Partei demzufolge keine Nachwuchsprobleme? «Alle Parteien kämpfen mit denselben Phänomenen. Menschen für Politik zu interessieren, insbesondere junge Leute, ist schwierig», sagt Crivelli. «Wir hatten das Glück, über eine Anzahl Jahre mit denselben Leuten antreten zu können. So konnte man Vertrauen aufbauen. Wir konnten auch mit der Agenda 2020 der Partei ein Gesicht geben, sodass die Menschen sehen konnten, für was die Partei einsteht, und wir schafften es, auch im Gemeinderat diese Linie durchzuziehen und geschlossen aufzutreten.»

Wie findet man Nachwuchs?

Sicherlich habe Gemeinderat Matthias Meier-Moreno, der hauptsächlich mit Jugendlichen arbeite, die Möglichkeit, diese für Politik zu interessieren, vermutet Crivelli. Mit Andrea Heiri habe man auch eine Person, die sich in der Jungpartei der Kantonalpartei eingesetzt habe. Nun sei sie im Vorstand der Amteipartei. Im Kollegenkreis würden diese Politiker sicher Werbung für politische Themen machen und versuchen, das Interesse zu wecken. Aber es sei schwierig.

«Die Jungpartei hat Erfolg und ist gewachsen in den letzten Jahren, aber offenbar ist es halt etwas anderes, sich unter Gleichaltrigen zu bewegen und zu politisieren, als sich in einer Ortspartei zu engagieren.» Das sei aber eher ein gesellschaftliches Problem, das auch alle Sportvereine haben. «Beispiel: Ich habe vor rund 25 Jahren bei Fulgor Fussball gespielt. Bei den Spielen oder Turnieren waren es immer dieselben Leute, die hinter dem Grill standen, und jetzt nach 25 Jahren sind es immer noch dieselben. Heute wollen sich viele Leute nicht mehr zu irgendetwas verpflichten», sagt Crivelli.

Dadurch lasse sich die schlechte Stimmbeteiligung in Grenchen aber nicht erklären. Die Jungen hätten durchaus eine Meinung zu den Dingen. Nur sei so viel los, und in der Konsumgesellschaft, wollten die Leute einfach geniessen und sich nicht noch verpflichten, neben dem Job, der Familie und dem Freizeitangebot.

Darum gibt es Stimmfaule

Für die schlechte Stimmbeteiligung sind laut Crivelli vielleicht eher demografische Gründe verantwortlich: «Wir haben einen grossen Ausländeranteil und auch einen grossen Anteil an Secondos, die sich wahrscheinlich einfach weniger dafür interessieren. Wenn wir ein Rezept gegen die schwache Stimmbeteiligung hätten, würden wir es auch umsetzen.»

Könnte nicht auch die Art und Weise, wie in Grenchen politisiert wird, dafür verantwortlich sein? Nein, ganz im Gegenteil, sagt Crivelli, der selber seit einem Jahr nicht mehr aktiv im Gemeinderat mitarbeitet, aber dennoch viel von der Arbeit im Gremium mitbekommt. Die Arbeit sei konstruktiv, nicht mehr ein Gegeneinander, sondern vielmehr ein Miteinander. Alle Parteien hätten realisiert, wo die Probleme lägen, und versuchten, diese gemeinsam zu lösen. «Ich habe den Eindruck, es wird gut gearbeitet.» Aber es sei auch klar, dass die Konsensfindung, wenn man vier oder fünf Parteien aus dem ganzen Spektrum von links bis rechts in einem Gemeinderat habe, nicht immer einfach sei. Aber das sei nun mal das Schweizer System. «Der gute Schweizer Kompromiss ist halt für manche Leute nicht immer sexy.» Die Parteibasis sehe dann die Entscheide ihrer Partei eventuell in einem anderen Licht und sei unter Umständen nicht einverstanden, aber das gehöre eben zum Kompromiss.

Bestes Wahlresultat

Einen Teil ihres Wahlerfolgs verdankt die CVP Peter Brotschi, der mit einem hervorragenden Resultat in den Gemeinderat gewählt wurde, nachdem Crivelli seine Demission bekannt gegeben hatte. Auf die Frage, ob da mit ihm und Matthias Meier-Moreno, der auf Andreas Kummer gefolgt war, nicht zwei Exponenten im Gemeinderat sässen, die weniger an einem gemeinsamen Auftritt interessiert sind, als das früher mit ihm und Kummer der Fall gewesen sei, sagt Crivelli: «Eigentlich ist nichts anders, wenn auch Brotschi beim Thema Glasentsorgung eine eigene Linie gefahren ist. Wir von der CVP sind da sicher anderer Meinung, aber er hat das Thema als Privatperson angestossen, als er noch nicht Gemeinderat war. Das ist sein gutes Recht. Wir sind keine Partei-Marionetten, die nur strikt eine Parteilinie befolgen müssen.»

Sparen als Dauerthema

Dass sich die Politik in Grenchen hauptsächlich ums Sparen drehe, sei manchmal schon etwas frustrierend. «Aber der Leidensdruck ist noch nicht so gross, als dass man die Dinge anfassen musste, bei denen es dann wirklich wehtut und einschenkt. Wie zum Beispiel die Stadtpolizei.» Das sei auch gut so. Sobald man etwas aus den Fingern gebe, habe man auch die Kontrolle darüber nicht mehr. Auch wenn das Beispiel Olten zeige, dass für die Gemeinde ein Sparpotenzial bestehe, solange der Kanton die Kosten übernehme. Aber es sei gut möglich, dass diese Politik ändere und die Gemeinden wie im Kanton Bern für die Leistungen bezahlen müssten. «Dann sind wir vielleicht froh, haben wir noch unsere eigene Stadtpolizei. Darum müssen wir in kleinen Schritten vorwärtsgehen und kleine Einsparungen machen. Solange wir das können, sind wir in einer komfortablen Situation.

Muss ein neues System her?

Zur Frage einer ausserordentlichen Gemeindeorganisation sagt Crivelli, das sei zwar nicht ein explizites Thema im Parteiprogramm der CVP, aber die Partei sei auch nicht Gegner der Idee. Grenchen habe eine Grösse erreicht, bei der es von Vorteil wäre, dass eine Abteilung der Stadtverwaltung auch einen politischen Vorsteher hätte. Die Politik wäre viel näher an der Verwaltung als heute, und das wäre positiv.

Auch beim Thema Gemeindeversammlung stelle sich unweigerlich die Frage nach Sinn und Unsinn, wenn eine Handvoll Leute, die sich gut organisiere, Entscheide des Gemeinderats oder der Verwaltung einfach umstürzen könne. Man müsse mit dem aktuellen System umgehen, sollte aber auch die Idee eines Systemwechsels im Hinterkopf behalten meint der CVP-Präsident.

Die Rolle der Gemeinderatskommission sieht Crivelli, der selber jahrelang Mitglied der GRK war, weit weniger kritisch als andere politische Exponenten. 60 bis 70 Prozent der Geschäfte in den GRK seien Personalgeschäfte und per se vertraulich. Beim grossen Rest handle es sich um eine Vorberatung von Geschäften, über die auch der Gemeinderat informiert werde oder darüber abstimme. Von einer Dunkelkammer könne man nicht sprechen.

Das muss man anpacken

Wichtiger Punkt für den Architekten ist die Neugestaltung der Bahnhofplätze. «Der Bahnhof Süd ist seit sehr langem ein Thema, und da muss jetzt einfach endlich etwas gehen.» Fürs Gewerbe und fürs Wohnen sei eine Attraktivierung unserer Stadt absolut wichtig. Man dürfe jetzt nicht aus Spargründen alles wieder nach hinten verschieben. Man müsse das Fingerspitzengefühl aufbringen, trotz Sparbemühungen Dinge ins Rollen zu bringen.

«Die Belebung der Innenstadt ist Teil unserer Agenda und überall schwierig.» Auch in Bern treffe man auf immer mehr leere Schaufenster, in Zürich und Basel sei es nicht anders. «Das hat etwas zu tun mit dem veränderten Konsumverhalten und der Mobilität. Und da sind wir weitgehend machtlos. Aber wir müssen zum hiesigen Gewerbe Sorge tragen.

Die Wirtschaftsförderung muss sich auch um das Gewerbe und nicht nur um die Grossindustriellen kümmern, wie wir das auch in unserer Agenda fordern und wie es Teil des Businessplans wurde. Wenn wir gute Steuerzahler anlocken wollen, müssen wir attraktiver werden und ja nicht die Steuern erhöhen.»

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