Vergleich
Coronakrise: Wiederholt sich die Geschichte in der Uhrenindustrie?

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen früheren Uhrenkrisen und der Situation heute mit der Coronakrise.

*Bruno Bohlhalter
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Viele Uhrmacher wurden in Kurzarbeit geschickt. Dieses Instrument fehlte in früheren Krisen.

Viele Uhrmacher wurden in Kurzarbeit geschickt. Dieses Instrument fehlte in früheren Krisen.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Bei der Coronakrise handelt es sich um den schärfsten wirtschaftlichen Einbruch seit der grossen Depression der 1930er-Jahre. Heute wie damals weisen die Auguren darauf hin, dass uns eine tiefgreifende Rezession bevorstehe. Das gilt speziell für die schweizerische Uhrenindustrie. Selbst wenn die Ursachen der beiden Krisen verschieden sind, gibt es vergleichbare Aspekte, nicht nur bezüglich der Ereignisse, sondern auch hinsichtlich der Institutionen, die damals zur Überwindung der Krise beitrugen oder heute dazu beitragen.

So brachen die wertmässigen Umsätze der Uhrenindustrie im Jahre 1930 um 24 % ein. In den beiden darauf folgenden Jahren gingen sie um weitere 38 bzw. 40 % zurück. Von Januar bis November 2020 zeigen die Statistiken den genau gleichen prozentualen Rückgang der Verkaufswerte wie 1930. Aufgrund der erst angerollten zweiten Coronawelle sind weitere Rückgänge nicht auszuschliessen.

Vier Fünftel der Beschäftigten in Kurzarbeit

Während Mitte 1931 hierzulande von rund 34'000 Uhrenangestellten gut 20'000 oder knapp 60 Prozent ganz oder teilweise arbeitslos waren, belief sich laut SWI swissinfo die Zahl der sich in Kurzarbeit befindenden Uhrmacher und Uhrmacherinnen im Frühling 2020 auf 40000 Leute von total 50'000 Beschäftigten. Hier ist die Lage mit 80 % Betroffenen eher prekärer als zur Zeit der grossen Depression.

Schliesslich zeigt ein Blick auf die wichtigsten Institutionen, die bei der Bewältigung der heutigen Krise mitwirken, wieder die gleichen Akteure wie in den 1930er-Jahren: den Staat und die Banken. Allein diese Fakten rechtfertigen die Frage: Wiederholt sich die Geschichte?

In den 1920er-Jahren war die schweizerische Uhrenindustrie mit einem Weltmarktanteil von über 90 Prozent unumstrittene globale Marktführerin. Im Jahre 1928 schuf sie zur Festigung dieser Position ein privatrechtliches Kartell. Dieses legte Mindesttarife fest und bekämpfte Überproduktionen sowie Bestandteileexporte (Chablonnage). Die Letzteren entzogen den Uhrenfachleuten die wichtige Arbeit des Zusammensetzens der Uhr und verschleppten dadurch wertvolle Arbeitsplätze ins Ausland. Die starke Weltmarktposition verlangte von den Uhrenfirmen anhaltend hohe Investitionen, welche sie vorwiegend mit Fremdkapital finanzierten.

Anlagenotstand der Banken

Im Zuge der politischen Unsicherheiten nach dem Ersten Weltkrieg floss den hiesigen Grossbanken enorm viel Geld aus dem Ausland zu, das sie aus Risikogründen nicht wieder dort anlegen konnten. Laut dem Jubiläumsbericht von 1962 zum hundertjährigen Bestehen der Schweizerischen Bankgesellschaft, nahm die Bilanzsumme der Grossbanken von 1925 bis 1929 von knapp 5 Milliarden Franken auf über 8 Mia. Fr. zu. Um ihren Anlagenotstand zu lindern, finanzierten die Banken die Uhrenindustrie über Gebühr, teilweise gar unter Missachtung banküblicher Risikokriterien.

Für die Uhrenindustrie entstand eine gefährliche Mischung aus Überproduktionen, verbunden mit hohem Preisdruck einerseits, und massiver Verschuldung andererseits. Ihre Bankschulden beliefen sich 1929 auf hohe 67 Prozent ihres gesamten Jahresumsatzes und stiegen wegen des Markteinbruches bis 1932 auf exorbitante 148 Prozent an. Das Idealmass hätte 35 bis 40 Prozent betragen, was bedeutet, dass die Banken mit einem grossen Teil ihrer Kredite zu «stillen Beteiligten» an der Uhrenindustrie mutierten.

Als die Krisenfolgen 1931 ins Unerträgliche stiegen und die Uhrenindustrie wegen des Chablonnage vom Ruin bedroht war, gingen ihre Industriellen und Verbände, zusammen mit den Politikern und der Bevölkerung der Uhrenregionen, den Bund um Hilfe an. Das Begehren führte zur Gründung der ASUAG Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG, Neuenburg. Der Bund beteiligte sich als grösster Einzelaktionär mit einem Minderheitsanteil von 37,5 Prozent am Kapital dieser Gesellschaft, neben den Uhrenindustriellen bzw. ihren Verbänden und den Banken, die Anteile von je 31,25 Prozent übernahmen.

Als der Bund grösster Uhrenaktionär wurde

Das Aktienkapital der ASUAG betrug 16 Mio. Fr. Ihr Geschäftszweck bestand in der industriellen und finanziellen Sanierung der Uhrenindustrie, der Durchsetzung einer einheitlichen Industriepolitik und in der wirksamen Bekämpfung des Chablonnage. Das finanzielle Ausmass der Sanierung betrug 53 Mio. Fr. und entsprach 13,1 Prozent der Bundesausgaben von 403 Mio. Fr. im Jahre 1931. Das war eine Grössenordnung, die die Uhrenindustrie aus eigener Kraft wohl nie hätte bewältigen können. Aufgebracht wurden die Mittel durch den Bund mit 13,5 Mio. Fr. (6 Mio. Aktienkapital AK, 7,5 Mio. zinsloses Darlehen), die Banken mit 20,5 Mio. Fr. (5 Mio. AK, 15,5 Mio. Kredite) und die Industrie mit 19,0 Mio. Fr. (5 Mio. AK, 5 Mio. Fr. À-fonds-perdu-Beitrag, 9 Mio. Fr. Obligationen und Darlehen).

Der Bund und die Banken traten neben den Industriellen mit starken Vertretungen in den Verwaltungsrat der ASUAG ein und übernahmen damit die unternehmerische Verantwortung für den Konzern. Das heisst, sie begaben sich in eine langjährige, ungewisse Schicksalsgemeinschaft mit der Uhrenindustrie. Für die Banken war es – mindestens kurzfristig – kein grosses Opfer. Das starke Engagement des Bundes sicherte ihre in den Uhrenfirmen festgefrorenen Kredite ab, wenn auch nicht juristisch, so doch wirtschaftlich. Nachdem die ASUAG den Problemen nicht Herr wurde, griff der Bundesrat 1934 mit Notrecht ein. Er beschloss, die Konventionen von 1928 zum Gesetz zu erheben und zum Schutz der kleinbetrieblichen Strukturen eine Fabrikations- und Betriebsbewilligungspflicht einzuführen.

Nun kam es zu einer Beruhigung in der Uhrenindustrie. Das Chablonnage konnte wirksam eingedämmt und die kleinbetrieblichen Produktionsstrukturen gerettet werden. Die Landesregierung verlängerte ihren Beschluss bis 1948 sechs Mal. Das bedeutete, dass mit zunehmender Genesung der Uhrenindustrie die Aktivitäten des Gesetzgebers nicht abnahmen. Die Bundesbehörden schienen sich in ihrer interventionistischen Rolle zu gefallen.

«Dutti» erhebt den Warnfinger

Ende 1951 konnte nicht mehr mit Notrecht weiter kutschiert werden. Deshalb unterbreitete der Bundesrat dem Parlament einen Gesetzesentwurf über Massnahmen zur Erhaltung der Uhrenindustrie. In seiner Botschaft vom 6. Oktober 1950 schrieb er: «Die Rückkehr zu einer absoluten, ungeordneten Freiheit wäre ein schwerer Irrtum. Es wäre sehr gefährlich, die unbeschränkte Eröffnung neuer Betriebe und die unbegrenzte Entwicklung bestehender Unternehmen zuzulassen.» Im Parlament dagegen kamen Zweifel auf, ob es überhaupt noch eine Uhrengesetzgebung brauche. Eine gewichtige Stimme dazu kam von Ständerat Gottlieb Duttweiler, dem Migros Gründer.

Nach ihm war die Uhrenindustrie im Windschatten des staatlichen Dirigismus träge geworden. Nachdem sie sich wirtschaftlich gut erholt habe, begebe man sich mit der neuen Gesetzgebung auf den besten Weg, die staatliche Einflussnahme in diesem Wirtschaftszweig zu festigen und die Strukturerhaltung für viele weitere Jahre zu zementieren. Duttweilers Befürchtungen traten ein und führten später (1970 bis 1976) zur schärfsten Strukturkrise, die die schweizerische Uhrenindustrie je erlebte. In dieser Zeit sind 33 Prozent der Betriebe verschwunden und über 34'000 Beschäftigte verloren ihre Stelle. Der ab der zweiten Hälfte der 1970er- Jahre einsetzende Technologiewandel von der mechanischen zur elektronischen Uhr kostete die Industrie nochmals 25'000 Stellen.

Das hing indessen nicht mehr mit dem Staatsinterventionismus zusammen, der ursprünglich einen Segen darstellte für die Uhrmacherei, aber im Laufe der Zeit zu einer schweren Belastung verkam. Bund und Banken verpassten den guten Zeitpunkt, um sich zurückzuziehen und diesen Wirtschaftszweig auf den strategisch richtigen Weg zu führen. Zu lange sonnten sie sich in einer am Ende leider nur scheinbaren Erfolgsgeschichte.

Unterschiedliche Bewältigung

Wie erwähnt, gibt es zwischen den Corona-bedingten wirtschaftlichen Problemen und jenen in der Zeit der grossen Depression einige Ähnlichkeiten. Doch die Ansätze zu deren Lösung sind unterschiedlich, speziell in der Uhrenindustrie. Das wichtigste Merkmal liegt darin, dass weder der Bund noch die Banken sich direkt an Firmen beteiligen. Damit schliessen sie aus, sich in die unternehmerische Verantwortung zu begeben und für strategische Entscheide einstehen zu müssen. Gemeinsam stellen sie, um der Häufung von Konkursen vorzubeugen, umfangreiche Liquiditätshilfen in Form von Krediten zur Verfügung. Der Bund verbürgt diese und die Kreditinstitute können sie über die «SNB-COVID-19-Refinanzierungsfazilität, CRF» bei der Notenbank refinanzieren.

Die Banken stellen gleichzeitig sicher, dass keine Strukturpolitik betrieben wird, indem sie Firmen, die schon vor der Krise bonitätsmässig auf der Kippe standen, Covid-19-Kredite verweigern. Im Weiteren deckt der Bund den von Kurzarbeit betroffenen Firmen aus der Arbeitslosenversicherung einen Teil der Lohnkosten ab, damit Entlassungen wegen kurzfristiger und unvermeidbarer Arbeitsausfälle unterbleiben können. Heute existieren viel weniger, dafür deutlich grössere Unternehmungen in der Uhrenindustrie, als zu Beginn der 1930er-Jahre. Dies als Folge von Konzentrationen auf der einen Seite und von starken Vertikalisierungen auf der anderen.

Branchenleader mit solidem Eigenkapital

Diese Prozesse führten zu einer deutlich tieferen Verschuldung der Branche, was vor allem aus den Geschäftsberichten der grossen Konzerne ersichtlich ist. So verfügten z. B. die Swatch Group Ende 2019 über ein Eigenkapital von über 80 Prozent und Richemont von über 60 Prozent, gemessen an ihren Bilanzsummen. Nicht zu vergessen: Die Uhrenindustrie war bis in die 1970er- Jahre durch das Massengeschäft geprägt. Heute steht die Luxusuhr stark im Vordergrund. Das bedeutet, dass es grundsätzlich nicht mehr so sehr auf die Mengen, sondern vielmehr auf die Qualität ankommt. Und da hat die Schweizer Uhrmacherei mit dem Swissmade, ihren innovativen Fachleuten und der guten industriellen Basis nach wie vor sehr viel zu bieten. Aus diesen Gründen darf man wohl annehmen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt!

Der ehemalige Banker und Wirtschaftshistoriker Bruno Bohlhalter hat 2017 zum Thema der Schweizer Uhrenindustrie dissertiert. «Unruh – Die schweizerische Uhrenindustrie und ihre Krisen im 20. Jahrhundert» ist beim NZZ Buchverlag erschienen.