Grenchen

Claude Barbey: «So falsch ist Grenchen nicht herausgekommen!»

Claude Barbey vor dem Halden-Schulhaus, auf dessen Renovation er stolz ist.

Claude Barbey vor dem Halden-Schulhaus, auf dessen Renovation er stolz ist.

Der langjährige Stadtbaumeister Claude Barbey hat am 15. April seinen letzten Arbeitstag. Im Interview zieht er Bilanz. Besonders stolz ist er auf die Sanierung des Haldenschulhauses.

Sie haben seit 1996 als Stadtbaumeister sehr viel zur Veränderung des Stadtbildes beigetragen. Worauf sind Sie besonders stolz?

Claude Barbey: Allgemein bin ich stolz, dass sich der Fokus des kommunalen Bauwesens nachhaltig auf Architektur, auf die qualitative Weiterentwicklung der gebauten Stadt und auf die Bedeutung der Raumplanung verlagert hat. Als ich 1996 in Grenchen begann, war das noch ganz anders. Dass Grenchen 2008 aufgrund all dieser Bestrebungen quasi als Krönung den Wakkerpreis erhielt, war eine grosse Genugtuung. Zu erwähnen wäre auch noch die Auszeichnung Fussverkehr Schweiz (2004). Einzelne Projekte sind auch zu nennen, als Beispiele nenne ich die Schwimmbadsanierung oder der Erweiterungsbau Kunsthaus.

Was war für Sie die grösste Herausforderung und inwiefern es gelungen, sie zu meistern?

Diese Liste könnte länger werden ...

Beginnen Sie einfach mal ...

Für mich persönlich war es die Sanierung des Haldenschulhauses und dessen Volksabstimmung (ca. Fr. 8,5 Mio.), aber zum Beispiel auch, dass wir die Post und Raiffeisenbank gewinnen konnten, um im Zentrum neu zu investieren. Das neue Gesicht der Bettlach- und Solothurnstrasse, Markt- und Zytplatz sind auch wichtige Meilensteine. Das kürzlich wiedereröffnete Restaurant Chappeli stellte planungsrechtlich eine unkonventionelle und echte Herausforderung dar.

Gibt es Gemeinsamkeiten?

Damit etwas gelingt, braucht es auch eine Portion politisches Gespür, man muss abwägen können, wann etwas reif ist, und wo und wie man eine Idee lanciert. Stete Überzeugungsarbeit, aber auch das Bilden von «Seilschaften» helfen mit, um etwas zu bewegen. Nicht zu vergessen sind natürlich auch Glück, kreatives Handeln und eine gute Finanzlage.

Der Autoverkehr wurde in den letzten Jahren aus dem Stadtzentrum verdrängt, es gibt aber Bestrebungen, die Restriktionen wieder zu lockern.

Fakt ist, Grenchen litt täglich in der Innenstatt unter dem Verkehr von mehr als 20 000 Autos und Lastwagen. Leerstände, verschmutzte Fassaden und Lärm sowie leere Bauten mit Imageschaden waren die Folgen. Wissen Sie noch, wie vor 12 Jahren der Postmarkt aussah? Er war halb leer und schmutzig und vom Passantenverkehr abgeschnitten. Die Menschen vergessen leider sehr schnell. Das Stadtzentrum galt landesweit als ein Mahnmal, wie der Verkehr einer Stadtgemeinde Schaden zufügen kann und wie lebensfeindlich die Stadtmitte letztlich geworden war! Einige hatten das Zentrum schon aufgegeben. Es soll mir heute niemand erzählen, dass es falsch war, im Hinblick zur Eröffnung der A5, Vorkehrungen für eine starke Verkehrsentlastung einzuleiten. In der gleichen Woche, als die A5 eröffnet wurde, begannen in der Stadtmitte die Tiefbauten zur Aufwertung, hätten wir diesen Zeitpunkt verschlafen, so würde ich Kritik akzeptieren.

Was waren die Auswirkungen?

Seither begann das Stadtzentrum wieder besser zu atmen und es gibt neue Passantenströme, welche es unbedingt braucht, damit ein Ort leben kann. Kürzlich hat mir ein Ladenbesitzer von sich aus persönlich erwähnt, er hätte seit der neuen Zentrumsgestaltung viel weniger Staub im Geschäft. Wir engagierten uns von Solothurn bis nach Bundesbern um finanzielle Unterstützung für die Massnahmen! Wir erhielten je nach Abschnitt über 30 Prozent Beiträge. Wollen diese kritischen Kreise mit einem Rückbau riskieren, dem Kanton und Bund Subventionen wieder zurückzuerstatten? Die Kreise, welche wieder laut den Rückbau und «Freie Fahrt für alle» fordern, nehmen eine grosse Verantwortung auf sich.

Es ist immerhin eine Minderheit

Zum Glück ja. Sie übersehen den wirklichen Zusammenhang und die Wechselwirkung von Verkehr, Stadt- und Lebensraum. Im Zentrum hat es heute (ohne Migros) über 600 öffentliche Parkplätze. Mehr hektischer Verkehr, denn das wäre die Folge, würde die Entwicklungsmöglichkeiten für Gewerbe und Wirtschaft usw. neu erschweren, für den Langsamverkehr (Pw, Velo und Fussgänger) ist die Sättigungsgrenze aber sehr viel höher! Wollen diese Kreise gewissen Strassenzügen eine allgemeine Verschlechterung wegen rückfliessenden und zügigeren Verkehrs zumuten?

Was könnte man noch zusätzlich tun?

Einzelne Korrekturen sind immer möglich, aber auch Ergänzungen wären sinnvoll. Eine davon wäre ein zusätzliches öffentliches Parkhaus von mindestens 200 Plätzen auf der Schild-Rust-Wiese! Vergessen Sie nicht, wir hatten in den letzten 10 Jahren mit fast gleich vielen Einwohnern jährlich einen Zuwachs von mehr als 100 neu eingelösten Pw. Also über 1000 Neuwagen. Ohne Massnahmen gibts da Probleme.

Grenchen hat in den letzten Jahren einen industriellen Boom erlebt. Wird dieser weitergehen?

Mit der letzten Ortsplanungsrevision aus dem Jahre 2003 konnten wir eine attraktive Landfläche einzonen. Gleichzeitig wurde diese Zone mit der Neckarsulmstrasse auch direkt ans Autobahnnetz erschlossen. Die neuen Ansiedlungen erfolgten schneller als erhofft, heute sind rund 50% dieser Arbeitszone genutzt. Es hat also noch eine schöne Reserve für weitere Firmen. Neues Land einzuzonen wird in Zukunft wegen des revidierten Raumplanungsgesetzes wesentlich schwieriger, also muss auch jede Ansiedlung haushälterisch und überlegt erfolgen. Wie schnell es weitergeht, bestimmt im Wesentlichen die Konjunktur.

Und was geschieht im Wohnungsbau? Dass Grenchen boomt, hat man ja inzwischen sogar in Zürich gemerkt ...

Vor allem im Bereiche des guten Mietwohnungsbaus ist in den letzten Jahren nach einer langen Stagnation in der Tat Erfreuliches entstanden, diese Entwicklung ist ebenso wichtig wie die Industrielle. Der Standort Grenchen überzeugt heute nicht nur als Technologie-, sondern auch als Wohnstandort.

Gewisse politische Kreise sprechen aber immer wieder von «Problemquartieren» und möchten sie am liebsten niederreissen und neu bauen. Wie realistisch ist das?

Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, welche das Eigentum garantiert, solche Äusserungen und Forderungen sind nicht konstruktiv und nicht lösungsorientiert. Es gibt reale und pragmatische Lösungsansätze, welche die Baudirektion bereits zuhanden der Behörde skizziert hat. Im gemeinten Quartier (Lingeriz, Anm. d. Red.) sind die Besitzverhältnisse sehr verschieden und daher ist die Aufgabe komplizierter. Einzeln kann ein Eigentümer kaum etwas verändern oder bewegen, gemeinsam schon.

Kann man ihre Interessen denn nicht unter einen Hut bringen?

Ein gemeinsames nachgewiesenes Problem hätten wir für einen Beginn schon zur Hand, das sind die fehlenden Parkplätze. Als die Blöcke gebaut wurden, hatten die wenigsten ein Auto. Das Thema Parkplätze löst kein Eigentümer selbst! Doch es könnten alle Eigentümer an einen Tisch geholt werden, um gemeinsam weitere Schritte zur Quartieraufwertung zu lancieren. Ein solcher Prozess müsste durch die Stadt begleitet, geführt, aber auch politisch getragen werden. Im Raume Zürich würde sich eine ähnliche Situation wegen des hohen Investorendrucks einfacher lösen und das Quartier eventuell abgerissen oder saniert; dieser Druck wird in Grenchen auch in den nächsten Jahren eher fehlen, deshalb sollten wir mit den skizzierten, pragmatischen Interventionen beginnen.

Ist es realistisch, dass in Grenchen wieder einmal Hochhäuser gebaut werden und würden Sie das unterstützen?

Ja, der Gebäudetyp Hochhaus hat sich in den letzten Jahrzehnten technisch und konzeptionell völlig neu entwickelt, das Hochhaus erlebt eine Renaissance. Das Hochhaus bietet heute für das Wohnen ganz neue Qualitäten, auch die Aussenräume gewinnen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob Hochhaus ja oder nein, sondern wo und in welchem Kontext es zu stehen kommt. Es gibt in Grenchen durchaus 3 bis 4 Standortmöglichkeiten, wo das Hochhaus im Quartier- und Stadtbild eine reale Aufwertung darstellen würde. Doch seien wir realistisch, solange die Nutzer und Investoren nicht bereits auf dem Papier mitmachen, wird auch keines gebaut.

Nach dem Velodrome kommen weitere Grossprojekte wie der Windpark. Nimmt der Mensch genügend Rücksicht auf den Boden als Ressource oder das Landschaftsbild?

Diese Grundsatzfrage bereitet mir auch Kopfzerbrechen, doch es ist nicht meine Aufgabe, Sinn oder Zweckmässigkeit eines solchen Projektes zu beurteilen und ob es in das Gefüge des Strommarktes passt oder nicht. Meine Aufgabe ist es, Einfluss zu nehmen, dass der Eingriff in der Landschaft und Umwelt so verträglich wie möglich wird. Ich kann jedoch versichern, das Projekt wurde bisher mit grosser Sorgfalt erarbeitet. Letztlich liegt der raumplanerische Bewilligungsentscheid für den Windpark beim Gemeinderat der Stadt und abschliessend beim Regierungsrat. Die Politik muss sich dieser Verantwortung stellen und ist gefordert.

Welche Dossiers legen Sie Ihrem Nachfolger besonders ans Herz?

Ich wünsche mir in erster Linie, dass mein Nachfolger so handeln kann, wie er es fachlich und sachlich für richtig hält, und dass er die bisher gewählte Strategie der Stadtentwicklung, welche den Schwerpunkt auf die qualitative Weiterentwicklung der gebauten Stadt setzte, weiterführen und verstärken kann. Die Prioritäten und Reihenfolgen wird er in Zusammenarbeit mit der Behörde selbst festlegen müssen. Was ich ihm wünsche, ist die dazu notwendige Gelassenheit, Geduld und Überzeugungskraft.

In welchen Bereichen werden Sie sich in Grenchen weiter öffentlich engagieren?

(Lacht.) Wenn keine grösseren Entgleisungen passieren, so werde ich mich als Bürger still halten, mein Nachfolger soll unbelastet ans Werk. Einige Ämtli behalte ich noch, so das Präsidium der Kantonalen Denkmalpflege oder die Begleitung des Neubaues für den Verein Blumenhaus Buchegg. Dem Parktheater laufe ich nicht davon, besonders weil ein Neubeginn im Restaurant ansteht, aber mehr dazu später. Auch dem Gemeindepersonalverband (PVG) werde ich weiterhin aktiv beistehen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1