Chômageweg Lengnau
100-jährige Protokolle: Arbeitslosigkeit, Grippe, Maul- und Klauenseuche, Hunger und kein Geld

Der Bau des Chômageweges, der Verbindung von Lengnau nach Romont im Jahr 1921, war Hilfe in der Not. Alte Protokolle mit vielen Details machen diese Zeit lebendig.

Margrit Renfer
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Ein Gedenkstein erinnert an die Notstandsarbeit.

Ein Gedenkstein erinnert an die Notstandsarbeit.

Margrit Renfer

1921 – Arbeitslosigkeit, Grippe, Maul- und Klauenseuche, Hunger und kein Geld, Holzfrevel im Wald. 100 Jahre später 2021 – so nicht vorstellbar. Im Lengnauerwald führt der elegant gebaute und von der Burgergemeinde gepflegte Wanderweg von Lengnau nach Romont. Der Chômageweg, «Erbaut als Notstandsarbeit V 28.III.–26.IX. 192I» ist auf der Erinnerungstafel geschrieben. Wer diesen geplant hat, ist in den zum Teil handgeschriebenen Protokollen nicht zu lesen, jedoch von der Zusammenarbeit mit dem Vermessungsbüro Mülchi in Büren und dem damaligen Förster Ernst Rüfli.

Notstandsarbeiten allenthalben

Im August 1919 beschloss der Burgerrat eine Soldzulage für Wehrmänner, welche Grenzbesetzungsdienste mitgemacht haben, lehnte jedoch eine Subventionszulage an die Biel/Meinisberg/Büren-Bahn ab. Die Bruchsteine aus der Huppergrube kosteten 4 Franken pro Kubikmeter. Die Burger- und die Einwohnergemeinde beschlossen separate Notstandsarbeiten. Im Munterfeld (Mönchweg) in der Pleutenen, in der Oele. Die Burgergemeinde stellte den Schotter und die Verlegesteine der Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung.

Im Juni 1920 steht im Protokoll:

«Es wird beschlossen, den Weg von der Dorfgrenze im Eggen bis hinauf zum hölzernen ‹Wasserbschlag› wieder instand zu stellen.»

Höchstens mit zehn Arbeitslosen. Einen Monat später: Der Gemeindediener wird ermächtigt, während der nächsten Woche 10 bis 15 Arbeiter zu beschäftigen. Es sollten jedoch nur solche Arbeiter angestellt werden, welche ganz arbeitslos sind und für ihre Familien zu sorgen verpflichtet sind. Zeitgleich verlangte die Einwohnergemeinde 30 Stück kleine Tannli zur Abgrenzung der von der Maul- und Klauenseuche betroffenen Häuser. Diese wurden gratis bewilligt.

Der Chômageweg verbindet seit 1921 Lengnau mit Romont.

Der Chômageweg verbindet seit 1921 Lengnau mit Romont.

Margrit Renfer

Aber nach dem Gebrauch sei das Holz ins alte Schulhaus als Brennholz abzuliefern. Im August werden Absperrungen für weitere 60 Familien benötigt. «Von nun an sollen keine solchen Tannli mehr abgegeben werden», wurde da entschieden. Am 3. November 1920 wird festgehalten, dass der Bestand der Burgerkasse von Woche zu Woche durch die Notstandsauslagen stark abnehme und der Eingang von neuen Mitteln nur gering sei. Der Kassier wird ermächtigt, vom Deposit bei der Spar- und Leihkasse Büren nach Bedarf Geld abzuheben. Dazu überschattet der tödliche Holzerunfall des 21-jährigen Werner Spahr das Geschehen. Anstelle eines Kranzes wird eine Barspende von 50.- Fr. «verabfolgt». Einer Anfrage eines Burgers wird nicht entsprochen, seine Holzschulden mit Arbeit zu begleichen. Wildwuchs beim Holzsammeln wird festgestellt.

Dann der Chômageweg

Für den neuen Weg Richtung Romont wird im Februar 1921 ein Baukredit von 35‘000 Franken bei der Bank beantragt. Ein Subventionsgesuch an den Kanton wird gestellt und die Gemeinde Romont um einen Beitrag gebeten. Mit der Einwohnergemeinde wird der Stundenlohn von 0.90 Franken bis 1.30 Franken und eine achtstündige Arbeitszeit festgesetzt. Nichtburger werden nicht zugelassen. Eine Lohnzulage von 5 Rappen pro Stunde erhalten diejenigen Arbeiter, welche auf dem Arbeitsplatz mittagessen müssen, weil der Arbeitsplatz zirka 20 Minuten vom Dorf entfernt sei.

Die Kinder hätten jeweils den Vätern Suppe gebracht, blieb in Erinnerung. Am 12. März 1921 wird beschlossen: Die Arbeitszeit sei von 8 auf 8 ½ Stunden zu verlängern, weil das Zimisnehmen von den Arbeitern beizubehalten verlangt wird. Bei nur achtstündiger Arbeitszeit werde die «Zimiszeit» nirgends bezahlt, entscheidet der Burgerrat, dies könne nicht verantwortet werden. Die Arbeitsbedingungen für den Wegebau werden an der Baracke angeschlagen.

Beschluss: Schaufelstiele kaufen

Da begehren 52 Notstandsarbeiter mit einer Initiative eine ausserordentliche Burgerversammlung zur Regulierung der Arbeitszeit und der «Belöhnung. Die halbstündige Zimiszeit wird an der Versammlung mit 35 gegen 26 Stimmen abgelehnt. Es mangelt an Geld. Weil die Firma Hirt in Biel eine monatliche Miete von 8 Franken für eine «Garette» fordert, wird entschieden, zehn gut gemachte Garetten zu 25 Franken selber zu bestellen. Selbst der Kauf von Schaufelstielen braucht einen separaten Beschluss. Zahlungen für Zündschnüre und Sprengstoff sind fällig.

Endlich am 13. April 1921 trifft die Bewilligung vom Regierungsrat für die Ausfertigung des Schuldscheines für den Kredit von nun 45‘000 Franken mit einer jährlichen Amortisation von 2000 Franken ein. Zwei Tage vor dem fälligen Zahltag für die Notstandsarbeiter. Bei leerer Kasse. Der Zahltag erfolgt mit Couvertsystem, obwohl die Couverts teuer seien. Ausbezahlt wird an den Samstagnachmittagen bis und mit dem Donnerstag der gleichen Woche.

Trotz ausstehender Bezahlungen wird weiter Huppererde nach Mailand geliefert. Einem Nachlassvertrag eines Kunden aus Solothurn wird zugestimmt, wenn der offerierte Betrag sofort bezahlt werde. Romont zahlt vorläufig keinen Beitrag. Es wird zu einer Besprechung eingeladen. Notstandsarbeiter beklagen sich über die ungerechtfertigte Zuteilung der Arbeitstage durch die Fürsorgestelle für Arbeitslose der Gemeinde Lengnau. Diese wird ersucht, die Tagesverteilung nochmals zu überprüfen.

Schwierig, Liquidität zu bekommen

Mehr Geld für die Lohnzahlung wollen die Burger durch einen Eigenwechsel bei der Kantonalbank in Biel auftreiben. Zuvor soll jedoch probiert werden, ausstehendes Guthaben von der Renfer & Cie, dem Holzabnehmer in Bözingen, einzutreiben. Die Einwohnergemeinde ersucht vergebens um Bürgschaft der Burgergemeinde für einen Kredit zwecks Erleichterung der Auszahlung von Notstandsunterstützung.

Eine Gesamtabrechnung über die Notstandsarbeiten fehlt leider in den durchsuchten Unterlagen. Der damalige Burgerpräsident Schädeli resümierte, dass infolge der vielen unvorhergesehenen Felssprengungen durch fast ausschliesslich ungeübte Arbeiter (Arbeitslose) das Projekt enorm verteuert worden sei.

Heutige Lengnauerinnen und Lengnauer erinnern sich, dass ihre Grossväter Notstandsarbeiten geleistet hätten. Dabei hätten im Steinbruch die Wägeli von Hand ohne Pferde gezogen werden müssen. Ältere Arbeitslose waren zwei Wochen tätig, jüngere eine Woche, um dann wieder anderen Platz zu machen.