Grenchen
Chancen für eine Fusion der Grenchner Fussballvereine stehen schlecht

Alle sprechen zwar von Vorteilen, die durch einen Zusammenschluss der Fussballvereine in Grenchen entstehen würden. Jeder will aber eigentlich weiterhin sein eigenes Süppchen kochen.

Oliver Menge, Mitarbeit Simon Binz
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Die Stadien – vorne das Stadion Riedern, im Hintergrund das Stadion Brühl – liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Die Stadien – vorne das Stadion Riedern, im Hintergrund das Stadion Brühl – liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Oliver Menge

Seit dem «Gstürm» um den FC Grenchen werden die Stimmen in Grenchen immer lauter, die eine Fusion der bestehenden Fussballklubs begrüssen würden. Für die vier Fussballklubs der Stadt – FC Grenchen , FC Wacker, FC Fulgor und GS ItalGrenchen – sei ein Zusammenschluss doch eigentlich das Beste, heisst es. Tatsächlich könnte man mehrere Probleme auf einmal lösen, sind die Befürworter überzeugt. Da wäre zum einen die Belegung der Plätze, die immer weniger werden – ein Umstand, der aus Fussballkreisen immer wieder kritisiert wurde. Zum anderen könnte man die Juniorenförderung konzentrieren und so die Kader in den oberen Ligen vorwiegend mit eigenen Spielern alimentieren. Grenchen könnte so wieder die Klasse erreichen, die es früher einmal hatte.

Bei der Stadt geht der Tenor eindeutig in diese Richtung. Man sei sehr dafür, dem Konkurrenzdenken der Klubs untereinander Einhalt zu gebieten, heisst es. Denn schliesslich ist Grenchen als Besitzerin der Sportplätze und des Stadions eine der grössten Sponsoren für alle vier Fussballklubs.

Stadtpräsident François Scheidegger hatte schon vor geraumer Zeit angekündigt, in dieser Sache Dampf machen zu wollen. Er traf sich vor einiger Zeit mit einer Person, die als «Projektleiter Fusion» eingesetzt wird. Die Präsidenten der Fussballklubs erhalten in diesen Tagen Post vom Hôtel de Ville und schon bald sollen die ersten Gespräche stattfinden. Scheidegger: «Es muss jetzt endlich etwas gehen. Die Krise beim FC Grenchen , sowohl finanziell wie sportlich, zeigt den Handlungsbedarf deutlich. Jede Krise beinhaltet auch eine Chance. Und ich bin überzeugt, dass alle Vereine letztendlich als Gewinner aus der Sache hervorgehen werden.»

Auch der neue Vorstand des FC Grenchen hat bezüglich einer Fusion Ende letzter Woche eine 180-Grad-Wende vollzogen: In einer Pressemitteilung hiess es, man strebe eine Kooperation mit den anderen Clubs an und wolle auf eine Fusion hinarbeiten – Töne, die bisher aus dem Stadion des FC Grenchen nie zu vernehmen waren.

Grundsätzlich ja, aber ...

Marcel Bolliger, Präsident des FC Wacker, sieht da einige Probleme: «Wir wären eigentlich offen für eine Fusion. Das wurde an der Generalversammlung diskutiert.» Man habe die Mitglieder auch darüber informiert, dass man mit Fulgor eine Gruppierung habe, auch bei den Aktiven (das heisst konkret: Spieler können bis zur 3. Liga in beiden Vereinen spielen – Anm.d. Red.) Eigenartigerweise sei das an der Generalversammlung des FC Fulgor mit keinem Wort erwähnt worden. «Es gibt bei Fulgor viele Leute, die mit Wacker nichts zu tun haben wollen.» Man mache sich Gedanken, denn die finanzielle Lage beim FC Grenchen sei total unklar. Und mit ItalGrenchen werde man wahrscheinlich nie einen gemeinsamen Nenner finden. «Deren Präsident Silvano Lombardo ist zwar eine gute Führungspersönlichkeit, aber man hat in der Vergangenheit vor allem damit brilliert, gute Spieler von uns abzuwerben.» Früher oder später werde ItalGrenchen so oder so ein Problem bekommen, falls sie sich gegen eine Fusion aussprächen, denn ab 2018 könne der Verein seinen Platz nicht mehr benützen. Bei ihm selber sei das Thema Fusion momentan vom Tisch, sagt Bolliger. «Ich brauche mich nicht mit Leuten abzuquälen, die strikte dagegen sind oder sich nur skeptisch äussern, das ist mir zu blöd.» Dass die Stadt jemanden einsetzen will, der die Fusion begleitet, begrüsst Bolliger, er warnt aber auch davor, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. «Es passieren im Hintergrund Dinge, die kann man sich kaum vorstellen, in Anbetracht der Tatsache, dass man über eine mögliche Zusammenarbeit redet. Die verschiedenen Mentalitäten und Charaktere unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Denn jeder Verein hat seine Eigenheiten.» Ihm fehle die offene Kommunikation.

Kooperation ja, Fusion neinSilvano Lombardo, Präsident des GS ItalGrenchen meint zu einer allfälligen Fusion: «Eine Fusion, unabhängig mit wem, hat Vorteile aber auch gewisse Nachteile.» Grundsätzlich müsse seiner Ansicht nach zwischen Juniorenförderung und Aktivfussball beim Thema Fusion unterschieden werden. «Bei der Juniorenförderung würde ein gemeinsamer Weg sicherlich Sinn machen und wir würden sicher eine solches Vorgehen unterstützen, wenn die Voraussetzungen stimmen.» Im Aktivbereich sehe man für den GS ItalGrenchen zum jetzigen Zeitpunkt keine Fusion. «Wir möchten die Unabhängigkeit und die Autonomie wahren. Ausserdem haben wir als Ausländerverein kulturelle und gesellschaftliche Eigenheiten.» Selber aktiv in puncto Kooperation will man allerdings nicht werden: «Wir werden uns der Diskussion sicherlich nicht verschliessen. Aber wie erwähnt sehen wir zum jetzigen Zeitpunkt für GS Italgrenchen keine Notwendigkeit einer Fusion.» Auf die Frage, ob es richtig von der Stadt sei, eine solche Forderung zu stellen, oder ob das die Vereine in Grenchen unnötig unter Druck bringe, meint Lombardo: «Die Stadt ist frei, Forderungen zu stellen, und irgendwie kann ich sie auch nachvollziehen. Wir sehen uns dadurch nicht unter Druck gesetzt und warten die konkreten Vorgaben ab.»

Peter Zumstein, Präsident des FC Fulgor, bringt es auf den Punkt: «Man muss einen Konsens finden. Sich gegenseitig zu zerfleischen, bringt dem Fussball, unserem Sport, gar nichts.» Es sei richtig, dass die Stadt Druck mache, denn die Grenchner Steuerzahler bezahlten viel für den Fussball. Bei Fulgor habe man konkret noch nicht über eine mögliche Fusion gesprochen, man werde zu gegebener Zeit zu diesem Thema eine Vereinssitzung abhalten. Er selber stehe persönlich einer Fusion positiv gegenüber, nur habe er den Eindruck, dass im Grunde jeder sein eigenes Rössli reiten wolle. Das fange schon damit an, dass jeder Verein seinen eigenen Wirt haben wolle, der das Klubbeizli führt (siehe Kasten). Dazu komme, dass es Usus sei, sich gegenseitig Funktionäre und Spieler abzuwerben. Damit müsse man aufhören. «Auf dem Platz Grenchen hat der Fussball nur dann eine Überlebenschance, wenn alle an einem Strick ziehen. Man muss sich zusammensetzen und einen Schlussstrich ziehen.» Nur dann sei die Einheit auf dem Platz, ein gemeinsames Auftreten, seien gemeinsame Anlässe möglich und Grenchenkönnte zu einer grossen Fussballfamilie werden.

Stadionbeizli Jeder Verein hat seinen eigenen WirtWie stark die Vereine vom Futterneid geprägt sind, zeigt das Beispiel des Stadionbeizlis in der Riedern: Der FC Wackerund der FCFulgor teilen sich das Stadion Riedern als Trainings- und Spielplatz. Das kleine Stadionbeizli ist also während der Saison sieben Tage die Woche geöffnet. Wer aber denkt, dass es einen «Riedern-Wirt» gibt, der irrt. Jeder Verein hat seinen eigenen Wirt. An «Wacker-Tagen» wirtet der Wacker-Wirt, an «Fulgor-Tagen» derjenige des FC Fulgor. Das heisst, beide müssen am Abend «ihres» Tages die Beiz räumen, ihr Material, also Getränke und Esswaren rausräumen und das kleine Restaurant und die Küche reinigen, damit der andere am nächsten Tag sein Zeugs reinräumen kann. Und es kommt noch besser: Cirka alle 14 Tage spielt die erste Mannschaft des GS ItalGrenchen im Stadion Riedern. Auch dieser Verein beansprucht die Beiz, selbstverständlich auch mit eigenen Wirtsleuten. Es kommt also öfters vor, dass der Wirt von Fulgor oder Wacker, je nachdem welcher «Tag» gerade ist, am Wochenende um halb fünf den Platz räumen muss, damit auch GS ItalGrenchen zu seinem Beizenrecht kommt. Dies, obwohl dieser Verein gleich auf der anderen Strassenseite sein Klubbeizli ebenfalls sieben Tage die Woche geöffnet hat.

Für Stadtpräsident François Scheidegger eine unhaltbare Situation. Und selbst aussenstehende Fussballtrainer, die vor einiger Zeit in der Riedern ein Trainingslager leiteten, hätten gesagt, so etwas hätten sie noch nie erlebt, meinte ein Insider, der nicht mit Namen genannt werden möchte, gegenüber dem az Grenchner Tagblatt. Ohnehin sei diese Fusion seiner Meinung nach schon von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Denn alle Mitglieder seines Vereins würden vordergründig ja zu einer Fusion sagen, aber wenn es dann ans Eingemachte gehe, seien die wenigsten bereit, ein Stück ihres Kuchens abzugeben. (om)

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