Bundespräsidentin zu Besuch

Calmy-Rey: «Grenchen hat mehr zu bieten als Nebel am Jurasüdfuss»

Nach Bulle, Genf, Basel, Morges und Baden macht Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey heute Abend in Grenchen Halt.  Chris Iseli

Nach Bulle, Genf, Basel, Morges und Baden macht Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey heute Abend in Grenchen Halt. Chris Iseli

Micheline Calmy-Rey steht heute ab 19.30 Uhr im Parktheater Grenchen der Bevölkerung Rede und Antwort. Im Interview erklärt die Bundespräsidentin, weshalb sie der Uhrenstadt einen Besuch abstattet und was sie den Bürgern vermitteln will.

Weshalb besuchen Sie im Kanton Solothurn nicht Olten oder Solothurn, sondern ausgerechnet Grenchen, das in Städterankings jeweils einen der hintersten Plätze belegt?

Micheline Calmy-Rey: Ich versuche bei meinen Treffen mit der Bevölkerung, alle Sprachregionen und Landesteile der Schweiz zu berücksichtigen. Dabei ist es mir wichtig, nicht nur mit den Menschen in den grössten Städten zu sprechen, sondern auch kleinere Städte zu besuchen. Auf diese Weise lerne ich Gegenden und Menschen kennen, mit denen ich sonst eher selten in Berührung komme.

Hat Sie etwa Ihr Parteikollege, der Grenchner Stadtpräsident Boris Banga, zu einem Besuch der Stadt verleitet?

Nein, keineswegs. Dass Herr Banga und ich der gleichen Partei angehören, ist Zufall. Es ist mir allerdings bewusst, dass Grenchen auf eine lange Tradition sozialdemokratischer Stadtoberhäupter zurückblicken kann – was mich natürlich freut.

Was fällt Ihnen zu Grenchen spontan ein?

Grenchen hat viel mehr zu bieten als den sprichwörtlichen Nebel am Jurasüdfuss. Mir ist die Stadt vor allem als wichtiger Standort für die Uhrenindustrie ein Begriff. Ausserdem erinnere ich mich, dass sie vor einigen Jahren vom Schweizer Heimatschutz mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet wurde. Deshalb freue ich mich ganz besonders, Grenchen und seine Bewohnerinnen und Bewohner näher kennen zu lernen.

Im Mai haben Sie mit der Stadt Baden unserem Nachbarkanton Aargau die Aufwartung gemacht. Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Kantone?

Trotz ihrer unterschiedlichen Grösse weisen die beiden Kantone viele Gemeinsamkeiten auf. Beide verfügen über eine leistungsfähige Wirtschaft, aber auch über attraktive und abwechslungsreiche Landschaften. Dennoch haben beide Kantone bisweilen mit Vorurteilen Aussenstehender zu kämpfen. Das finde ich schade. Unsere Welt ist stark vernetzt und wächst immer mehr zusammen. Meiner Meinung nach sollten wir uns stärker auf das Verbindende besinnen, anstatt das Trennende hervorzuheben.

Was bezwecken Sie mit Ihrem Besuch in verschiedenen Regionen der Schweiz?

Der Draht zur Bevölkerung, der direkte Kontakt mit den Schweizerinnen und Schweizern und der Austausch über aktuelle Anliegen der Menschen in unserem Land – all das ist mir sehr wichtig. Regieren heisst auch zuhören. Ich möchte hören, was unsere Bürgerinnen und Bürger bewegt. Welche Freuden, Sorgen und Ideen sie haben.

In welchen Orten waren Sie bereits zu Gast – und welche Orte werden Sie im Verlauf Ihres Präsidiums noch besuchen?

Der Besuch in Grenchen bildet den Anlass für mein sechstes Treffen mit der Bevölkerung in diesem Jahr. Ähnliche Treffen haben in Bulle, Genf, Basel, Morges und Baden stattgefunden. Weitere Besuche in verschiedenen Regionen der Schweiz sind für die zweite Jahreshälfte geplant. Diese Treffen mit der Bevölkerung bedeuten mir viel. Deshalb will ich mir im reich befrachteten Präsidialjahr unbedingt die Zeit dafür nehmen.

Können Sie uns von einem Erlebnis erzählen, das Sie besonders beeindruckt? Und: Gibt es auch etwas, was Sie stört?

Viele Menschen berichten mir von ihren finanziellen Nöten. Das gibt mir jeweils sehr zu denken – schliesslich leben wir in einem reichen Land. Wir müssen unbedingt Wege finden, um sicherzustellen, dass alle Menschen in unserem Land von diesem Reichtum profitieren können. Im Übrigen fällt mir auf, dass oftmals die Männer eher das Wort ergreifen als die Frauen. Daher möchte ich besonders die Frauen in Grenchen ermuntern: Melden Sie sich zu Wort, überlassen Sie die Bühne nicht den Männern.

Welches sind die häufigsten Fragen oder Anliegen, mit denen Sie bei Ihren Besuchen bis jetzt konfrontiert worden sind?

Diese Treffen verlaufen von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Und wie sich die Regionen unterscheiden, so unterscheiden sich auch die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen. Zugleich gibt es aber Themen, die keine regionalen oder kantonalen Grenzen kennen und die ganze Schweiz in ähnlicher Weise beschäftigen, etwa die Personenfreizügigkeit oder die Energiepolitik.

Müssen Sie sich auch kritische Fragen gefallen lassen? Welche?

Es liegt auf der Hand, dass solche Treffen auch dazu genutzt werden, Erwartungen an den Bundesrat zu formulieren. So hat mich zum Beispiel in Bulle ein Bauer dazu aufgefordert, mich aktiver für den Schutz der Schweizer Landwirtschaft einzusetzen. Solche Rückmeldungen von Bürgerseite nehme ich jeweils sehr ernst.

Welche Botschaft möchten Sie als Bundespräsidentin den Bürgerinnen und Bürgern vermitteln?

Die Menschen in diesem Land sollen wissen, dass die Bundespräsidentin ein offenes Ohr für Ihre Anliegen, Sorgen und Nöte hat.

Inwiefern fliessen die Erfahrungen, die Sie anlässlich Ihrer Besuche in allen Landesteilen machen, in Ihre Arbeit in Bundesbern ein?

Wir haben in der Schweiz eine direkte Demokratie und regieren nicht auf einer Wolke. Damit der Bundesrat seine Arbeit im Interesse der Menschen in diesem Land erfolgreich erledigen kann, muss er ihre Bedürfnisse und Anliegen kennen. Auch dazu sind diese Treffen mit der Bevölkerung da. (Das Interview wurde schriftlich geführt)

Information: Bundespräsidentin Michelin Calmy-Rey wird sich heute ab 19.30 Uhr im Parktheater in Grenchen den Fragen der Bevölkerung stellen. Die Gesprächsleitung übernimmt Werner de Schepper, stv. az-Chefredaktor. Im Anschluss offeriert die Stadt Grenchen eine Apéro, an dem Micheline Calmy-Rey ebenfalls teilnehmen wird.

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