Früher als erwartet und kaum bemerkt von der Öffentlichkeit rollte gestern Abend der schwarze Mercedes mit dem hohen Gast an Bord vor das Parktheater Grenchen. Umgeben von ihrer Entourage – darunter nur wenige Sicherheitsleuten, alle in Zivil, selbst der Bundesweibel – gönnte sich Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey im angrenzenden Restaurant eine kleine Erfrischung.

Und dann gings schon bald los. Immerhin 85 Grenchnerinnen und Grenchner machten der Magistratin ihre Aufwartung. Ganz im Sinne der Bundespräsidentin dürfte dabei gewesen sein, dass sich auch erstaunlich viele Frauen zu Wort gemeldet haben.

Ganz besorgte Landesmutter

«Warum verdienen Frauen 20 Jahren nach dem Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung immer noch weniger als Männer?», wollte etwa eine Bürgerin – einen Tag nach dem Frauenaktionstag vom 14. Juni – wissen. «Frauen müssen kämpfen und dürfen nicht akzeptieren, dass sie weniger verdienen», appellierte Micheline Calmy-Rey an das Engagement der Frauen selber.

Noch grössere Sorgen bereitet der Bundespräsidentin allerdings die so genannte «gläserne Decke». «Es wir heute noch immer nicht akzeptiert, dass Frauen auch Chefs sein können.» Die Frauenmehrheit im Bundesrat bilde da eine löbliche Ausnahme, meinte sie – und fügte verschmitzt hinzu: «Dank dieser Mehrheit funktioniert die Zusammenarbeit besser.»

Nicht Junge strafen, Eltern stärken

Eine Frau, die in der Grenchner Jugendkommission sitzt, machte ihrem Ärger über die hohe Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher («gerade auch der Mädchen») Luft: «Man müsste diese Jungen einmal richtig bestrafen und dürfte sie nicht immer mit Samthandschuhen anfassen.» Der Lösungsansatz von Micheline Calmy-Rey wies dann allerdings in eine andere Richtung: «Man muss die Eltern stärker in die Pflicht nehmen.» Gerade diese seien es nämlich häufig, die sich etwa entsprechenden Sanktionsmassnahmen der Schulen widersetzen würden.

Als besorgte Landesmutter zeigte sich die Magistratin, bei der Bitte einer von der Aussteuerung bedrohten Migrantin, ihr doch einen Job zu vermitteln. Selber könne sie zwar nicht aktiv werden, meinte Calmy-Rey, aber sie solle sich doch an die Grenchner Stadtbehörden wenden. Nun denn, man darf gespannt sein, wie gewissenhaft diese den Auftrag von allerhöchster Stelle ausführen werden.

Bundesrat ist ein Gremium

«Wie gehen Sie mit dem zunehmend raueren Klima in der Politik um?», sprach ein weiterer, männlicher Fragesteller – ein Thema, das Micheline Calmy-Rey besonders am Herzen liegt. «Es besteht, auch dank der Medien, die grosse Gefahr, dass den einzelnen Personen im Bundesrat ein stärkeres Gewicht beigemessen wird als dem Gremium als Ganzes. Unser politisches System basiert aber auf der Konkordanz und funktioniert nur dank dem Kompromiss», argumentierte sie gegen ein ungesundes Konkurrenzdenken.

Neben dem politischen Miteinander unterstrich Calmy-Rey auch die Notwendigkeit der sozialen Kohäsion. «Wir müssen darauf achtgeben, dass die Reichen nicht immer reicher werden.» Und: «Wir sind ein Land der Mittelschicht.»