Flughafen Grenchen
Business-Jet schoss über Piste hinaus - nur zufällig an Katastrophe vorbei

2011 kam es beim Flughafen beinahe zu einer Katastrophe. Der Unfall wurde nie öffentlich thematisiert. Auch deshalb bringt nun der Grenchner Kantonsrat und Hobbypilot Peter Brotschi in Sachen Pistenverlängerung eine (fast) neue Variante ins Spiel.

Andreas Toggweiler
Merken
Drucken
Teilen
Über dieses Pistenende raste der Business-Jet hinaus, als es 2011 zum Unfall kam.

Über dieses Pistenende raste der Business-Jet hinaus, als es 2011 zum Unfall kam.

Hanspeter Bärtschi

«Der Aspekt der Sicherheit wurde bei den bisherigen Diskussionen völlig vernachlässigt», meint der Fliegereiexperte Peter Brotschi, selber Freizeit-Pilot und Autor mehrerer Aviatikbücher. So hat Brotschi beispielsweise eine Chronologie der Flugunfälle der Schweizer Militäraviatik verfasst. Kaum jemand hat hierzulande mehr Flugunfälle recherchiert als er.

Er kennt auch die kritische Situation am westlichen Pistenende des Grenchner Flughafens bestens. «Wir haben hier ein Sicherheitsproblem, das dereinst zu einem schweren Unfall führen könnte: die Querung der Archstrasse bei geringer Flughöhe ist meines Erachtens nicht länger zu verantworten», meint Brotschi. Er hat schon am 15. Mai 2013 im Kantonsrat auf das Sicherheitsproblem am Westende der Piste hingewiesen.

Ein grösserer Unfall hätte empfindlich Folgen. Nicht nur, weil Flieger und Verkehrsteilnehmer auf der Archstrasse gefährdet sein könnten, sondern auch, weil ein Unfall zu Einschränkungen im Flugbetrieb und damit zu einem existenziellen Problem für den Flughafen als Ganzes führen könnten. «Wir hatten bis jetzt einfach enormes Glück, dass bei Starts oder Landungen Richtung Westen nichts Schlimmes passiert ist», meint Brotschi, der der Regierung einen Brief geschrieben hat und diese auffordert, das Sicherheitsproblem am westlichen Pistenende endlich anzugehen. «Die Planung der Autobahnzufahrt wurde zu einem Zeitpunkt ausgeführt, als schwere und schnelle Jets auf dem Regionalflughafen Grenchen noch kein Thema waren», so Brotschi.

Nicht thematisierte «Beinahe-Katastrophe»

Seine Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. So musste letzten Sommer ein Kleinflugzeug seinen Start abbrechen und machte eine Bruchlandung, nachdem es die Archstrasse bei tiefer Flughöhe überquert hatte. Zum Glück kamen keine Menschen zu Schaden.

Nie diskutiert wurde zudem in der Öffentlichkeit ein Zwischenfall, der sich bereits am 16. Februar 2011 ereignet hat und in den ein Jet der damals noch aktiven Mathys Aviation verwickelt war. Die Piloten der zweistrahligen Cessna Citation 525 vergassen, beim Abflug die Parkbremse zu lösen. Trotz Vollgas hob das Flugzeug damit verspätet ab, das rechte Fahrwerk touchierte eine Pistenbefeuerung. Obwohl der Jet danach in Kloten noch landen konnte, zeigten Untersuchungen, dass das Flugzeug durch den Unfall strukturell erheblich beschädigt wurde.

Dieses Flugzeug war in den Unfall involviert.

Dieses Flugzeug war in den Unfall involviert.

zvg

Dieser Start erfolgte infolge Bisenlage glücklicherweise Richtung Osten, wo ausser einem Bachbett keine Hindernisse im Weg sind. Die Bilanz der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle Sust, die im Internet öffentlich einsehbar ist, ist dennoch vernichtend: «Aufgrund der schweren Beschädigungen des Flugzeuges und der Spuren am Ende der Piste kann geschlossen werden, dass der Start nur zufällig gelang und ebenso gut in einer Katastrophe hätte enden können.»

Die Cessna Citation HB VOV, ein siebenplätziges Geschäftsreiseflugzeug, kann voll beladen und vollbetankt fast 5 Tonnen wiegen. «Ein misslungener Start über die Archstrasse hätte noch viel schlimmere Folgen haben können», ist Brotschi nach dem Studium des 23-seitigen Schlussberichts überzeugt. Situationen, in der Feierabendstau Richtung Autobahn herrscht oder noch der Bürenbus unterwegs ist, will er gar nicht weiter ausmalen.

Tunnel nochmals prüfen

Für Brotschi ist klar: Bevor der Regierungsrat über das Pistenprojekt entscheidet, muss er punkto Sicherheit des Flughafens generell über die Bücher. «Eine Unterführung unter die Piste sollte nochmals eingehend geprüft werden, meint der Luftfahrtexperte. Man darf nicht nur auf die Kosten schauen.» Brotschi wäre als «Pistengegner» gar bereit, eine kleine Verlängerung der Piste um 100 Meter in Kauf zu nehmen. In Solothurn sei beim gleichen Autobahnzubringer übrigens auch ein Tunnel gebaut worden, ruft Brotschi in Erinnerung. Dort allerdings aus Lärmschutzgründen.

Eine Pistenverlängerung Richtung Westen mit einem Tunnel unter der Archstrasse wurde bereits einmal ins Auge gefasst. Die Kosten für eine Untertunnelung wurden auf 70 Mio. Fr. geschätzt und für zu teuer befunden.

Der Kommentar zum Thema finden Sie hier!