Stadtbummel Grenchen

Bushüsli Blues

Im Bushäuschen zu warten bietet immer wieder Gelegenheit für Plaudereien.

Im Bushäuschen zu warten bietet immer wieder Gelegenheit für Plaudereien.

Wenn ich den Bus benütze, so bin ich ganz bewusst ein paar Minuten vor dessen Abfahrtszeit da und setze mich entspannt auf die Bank im Bushüsli. Es gesellt sich immer jemand dazu und es kommt zu einem Kopfnicken, gefolgt von einer kleinen Plauderei. Mit der Zeit kennt man sich, weiss, wo er eine und die andere wohnt, weiss, ob es Probleme gibt mit den Nachbarn oder schwierige Situationen in der Familie. Meistens dienstags ist «Jokeren» angesagt, erzählt mir eine ältere Frau und letzten Dienstag habe sie doch sage und schreibe wieder einen Franken und fünfzig Rappen verloren. Diesen Betrag wolle sie heute um jeden Preis wieder zurück gewinnen. Ich drücke ihr die Daumen.

Ein kleines Mädchen drückt mir eine Zeichnung in die Hand und fragt mich, was ich denn darauf sehen würde. Nach kurzem Nachdenken antworte ich: «Das ist ein roter Elefant, ganz ohne Zweifel.» Das Mädchen ist damit nicht einverstanden und meint, dass sie nie und nimmer einen roten Elefanten gezeichnet habe. Erstens gäbe es diese nicht und zweitens habe sie einen Hund gezeichnet, den rotbraunen Hund ihrer Tante und der habe nun einmal eine lange Schnauze. Mittlerweile schauen sich die Zeichnung mehrere Personen an und erkennen zweifelsfrei einen rotbraunen Hund.

Ich gebe mich geschlagen und warte weiter auf den Bus. Als dieser nicht ganz pünktlich eintrifft wird eine Frau unruhig. Sie müsse den Zug nach Biel erreichen, unbedingt. Sie dürfe auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, sonst habe sie «Lämpen» mit ihrem Chef. Der Bus fährt vor, die Frau atmet auf. Und dann ist da die Italienerin, die mir jedes Mal, wenn ich sie treffe, eine wunderbare Geschichte in italienischer Sprache erzählt. Ich nehme an, dass es eine wunderbare Geschichte ist. Wissen tue ich es nicht. Ich spreche nur ein paar wenige Brocken dieser Sprache. Einmal habe ich dummerweise der Frau beim Einsteigen in den Bus einen «buona giornata» gewünscht und seitdem bin ich in ihren Augen eine waschechte Italienerin und nichts und niemand wird mir je das Gegenteil beweisen können, si si….

In den Bushüsli werden auch Kinder erzogen, mehr oder weniger lautstark wird unter anderem auf gutes Benehmen oder schlechte Schulnoten hingewiesen. «Sitz» oder «mach jetzt Platz» wird in manch einem Fall nicht nur für Hunde angewendet. In der kalten Jahreszeit spricht man über Erkältungen die man entweder hatte oder noch zu bekommen glaubt, über immense Heizkosten, die man sich irgendwann nicht mehr leisten kann oder übers Vogelfüttern vielleicht. Auch Grenchen ist ein Gesprächsthema. Man wohnt gerne hier. Man hat sich gewöhnt an diesen Ort. Man ist und bleibt kritisch, man beobachtet, tauscht sich aus, weiss theoretisch vieles besser als «die da oben», mit der praktischen Umsetzung ist es so eine Sache…

Auf den Bus zu warten ist etwas ganz Besonderes, nie Langweiliges und manchmal stelle ich mir vor, dass ich wahrscheinlich auch dann auf das Bushüsli-Bänkli sitzen würde, wenn gar kein Bus mehr fahren würde. Um Zuzuhören. Mich auszutauschen. Dabei zu sein, beim Bushüsli Blues.

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