Luzia Meister ist oft auf dem Velo unterwegs. Das war auch 2010 schon so, als sie den Job als Stadtschreiberin im Hotel de Ville annahm. «Ich wusste, Grenchen hatte zwei Jahre zuvor den Wakkerpreis erhalten, nicht zuletzt, weil man zur Architektur der Nachkriegszeit Sorge. Deshalb fuhr ich oft in der Stadt herum und schaute mir dieses für mich neue Grenchen an.»

Die Stadt habe in den 50er und 60er-Jahren eine Blüte sondergleichen erlebt und sei sehr schnell gewachsen. «Grenchen hat im Gegensatz zu anderen Städten keine Altstadt, keinen historischen Kern. Es ist eben eine «Jungstadt».» Das und die spezielle Siedlungsstruktur habe sie immer fasziniert. Die Uhrenstadt Grenchen sei in vielerlei Hinsicht zukunftsweisend gewesen: «Das Hallgarten beim Bahnhof war eines der ersten Hochhäuser der Schweiz und zeichnet sich aus durch eine für die damalige Zeit erstklassige Ausstattung der Wohnungen und eine noch heute bemerkenswerte Architektur. Und im Luterbacherhof wurde die erste Gemeinschafts-Tiefkühlanlage der Schweiz eingerichtet.»

Die Zeit war geprägt durch die Entwicklung neuer Geräte, die das Leben vereinfachten. «Fast alle Lebensbereiche waren betroffen, nach den harten Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit war das eine regelrechte Befreiung.» Eine faszinierende Zeit, die auch jetzt noch viel hergebe.

Ein Händchen für Technik

2010 sei die Idee zu einem Fest im Stil der 50er entstanden. «Eine Idee, die ich seither immer wieder in die Runde warf. Das OK des Grenchner Fests nahm sie auf und setzte sie toll um.» Sie selber sei nicht im OK, helfe aber, wo sie könne.

Nun steht die zweite Auflage des vor zwei Jahren sehr erfolgreichen Anlasses unmittelbar bevor. Viele Schaufenster in der Stadt sind bereits im Stil der 50er-Jahre dekoriert, und manche Gegenstände und Geräte aus der Zeit werden gezeigt. Ein guter Teil davon stammt aus dem Fundus der Stadtschreiberin. Denn nicht nur die Idee eines Festes im Stil der 50er-Jahre brachte Meister dazu, die Dinge zu sammeln: «Von klein auf war ich fasziniert von Haushaltsgeräten. Ich hatte in erster Linie ein technisches Interesse, habe elektrische Geräte auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt, repariert.

Daraus ergab sich über die Jahre eine Sammlung über das ganze letzte Jahrhundert.» Luzia Meister besitzt beispielsweise rund 50 Föhne, obwohl sie selber nie einen verwendet, wie sie lachend sagt. «Darunter sogar ein Original ‹Fön›, so hiess damals die eingetragene Marke.»

Es war aber nicht nur die Technik, die sie faszinierte. Sie habe sich für die Entwicklung interessiert, für die neuen Formen, die aufgrund neuartiger Materialien wie Plastik und Aluminium möglich waren. Im Gegensatz zu den 30er- und 40er-Jahren bestimmte ab den 50er Jahren nicht mehr die Funktion Form und Farbe, es fand eine Entwicklung vom Praktischen zum Gestalterischen und manchmal auch Verspielten statt.

«Spannend sind Geräte mit den Originalverpackungen und Gebrauchsanweisungen, denn Verpackung und Werbung erzählen Geschichten und sagen viel aus über den soziokulturellen Hintergrund, über die Firmen und insbesondere über den Alltag der Frau, der sich rasant veränderte.» Mit Blick auf ein künftiges Fifties-Fest kaufte Meister in den letzten Jahren weitere Gegenstände, Kataloge und Illustrierte. Der Einfluss von Amerika war spürbar und sichtbar, Essgewohnheiten veränderten sich, es war der Beginn von Convenience-Food und allem, was damit zusammenhing.

Längst nicht für alle

Man dürfe dabei nie vergessen, dass in den 50ern zwar die Welt und die Produktepalette grösser wurden, dass sich aber längst nicht alle Leute die Dinge auch hätten leisten können. Es gab Flugreisen nach Afrika, die meisten konnten sich aber knapp Italien leisten. Es ging viel länger als heute, bis neue Produkte in fast jedem Haushalt zu finden waren.

Beispiel Staubsauger: «Den haben sich Familien leisten können, die in den meisten Fällen auch ein Dienstmädchen oder eine Putzfrau beschäftigen konnten.» Genauso wie Waschmaschinen, die den Hausfrauen das Leben doch sehr erleichterten. Fernsehen, das gab es in den 50er-Jahren schon, für die meisten aber nur im Restaurant.

Gebrauchsgegenstände und Kleider hätten einen ganz anderen Wert gehabt als heute: «Ich bin einmal auf eine Schachtel gestossen mit vier Paar edlen Fogal-Damenstrümpfen, jedes einzeln verpackt. Auf der Innenseite hatte die Besitzerin fein säuberlich notiert, wann sie der Schachtel ein Paar entnommen hatte. Daran sieht man, die Dinge hatten einen viel grösseren materiellen und wohl auch ideellen Wert als heute, wo alles selbstverständlich scheint.» Meister ist auch fasziniert von den damaligen Wochenschauen und Werbefilmen, die auf ihre ganz eigene Art die Gesellschaft portraitieren.

Erinnerungen wachrufen

Grenchen habe in den 50er-Jahren nicht nur architektonisch Höhenflüge erlebt, sondern auch wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell. «Das möchte ich den Grenchnerinnen und Grenchnern ins Bewusstsein rufen. Und das funktioniert gut durch Fotos, Erzählungen von älteren Personen und durch Gegenstände, denn die machen Erinnerungen plastisch.»

Und was zieht man an fürs Grenchner Fest? «Die 50er Mode war viel mehr als Getupftes und Petticoats. Es gibt gerade heute wieder Mode, die durchaus als Fifties und Sixties durchgehen würde.» Für Frauen zum Beispiel schlichte, auf die Taille geschnittene Kleider; es passt auch der Cowgirl-Stil, mit Jeans und in der Taille geknüpfter Bluse; allenfalls ergänzt mit einem Kopfband. «Männer haben’s noch fast einfacher: Eine schlichte Hose mit Hemd, weiss, Western oder Hawaii reichen. Bügelfalten und Hosenträger machen sich gut. Bedruckte T-Shirts hingegen gab es damals nicht.»

Meister hofft, dass die Idee eines Festes unter dem Motto Fünfzigerjahre bestehen bleibt: «Grenchen könnte sich hier einen weitherum bekannten Namen schaffen. Mittelalterfeste, Winzerfeste oder Oldtimertreffen gibt es viele, aber gehaltvolle Stadtfeste im Stil der Fifties und Sixties sind selten.» Gerade weil es in Grenchen ein breites Engagement von Gewerbe, Bevölkerung und Vereinen gebe und ein motiviertes Organisationskomitee voller Ideen, sehe sie hier eine grosse Chance für Grenchen.

Das gesamte Programm des Grenchner Fests finden Sie hier.