Dieser Schuss ging gewaltig nach hinten los: Just in der heissen Phase des Wahlkampfs um Grenchens Stadtpräsidium versetzt der umstrittene, langjährige Stadtpräsident Boris Banga (SP) wegen der Publikation eines für ihn schmeichelhaften Briefs Swatch-Chef Nick Hayek in Rage.

Vorgestern Mittwoch machte die «Solothurner Zeitung», die zum Zeitungsverbund der «Nordwestschweiz« gehört, das Schreiben publik, das Hayek im April an Banga geschickt hatte.

«Die Zuspielung dieses Briefes deutet auf eine äusserst unseriöse Art und Weise der Machterhaltung des Grenchner Stadtpräsidenten hin. Für mich bedeutet es im besten Fall eine massive Überforderung Boris Bangas in seinem Amt», teilte Hayek daraufhin auf Anfrage mit.

Seine Worte haben Gewicht. Der Industrielle ist in Grenchen ein Halbgott. Das Unternehmen hat in der solothurnischen Kleinstadt jüngst 300 neue Arbeitsplätze geschaffen. 700 weitere sollen folgen, 30 000 sind es insgesamt in der Region am Jurasüdfuss.

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Hayek wünschte «Toi, Toi, Toi»

Was ist passiert? Im April beantwortete Hayek eine Anfrage Bangas, ob er ein Empfehlungsschreiben für dessen Wahlprospekt verfassen könnte, so: «Es ist eine lange Tradition in der Swatch Group, dass wir uns nicht in die Parteipolitik einmischen.»

Dennoch versicherte Hayek den amtierenden Stadtpräsidenten seiner Unterstützung. «Sie wissen, dass ich Sie und Ihre wertvolle Arbeit, die Sie leisten, sehr schätze.»

Sollte ihn ein Journalist fragen, wie die Zusammenarbeit mit der Stadt Grenchen sei, so werde er Banga als den besten Stadtpräsidenten loben. Hayek schloss den Brief mit einem dreifachen «Toi, Toi, Toi».

Das war im April. Letzte Woche aber wollte Hayek im Gegensatz zu seiner Ankündigung im Brief auf Anfrage der «Solothurner Zeitung» keine Stellung zu Banga nehmen. Dieser musste sich mit der öffentlichen Unterstützung durch andere bekannte Unternehmer wie Ernst Thomke oder Andy Rihs zufriedengeben.

Das dürfte den SP-Politiker gewurmt haben. Kurze Zeit später jedenfalls wurde Hayeks Brief unserer Redaktion zugespielt. «Diesen Brief hätte Banga zuhinterst im Tresor wegschliessen müssen», sagt Politberater Mark Balsiger. Hayek sei ein Riesenname. «Die Verlockung, davon zu profitieren, war anscheinend zu gross.»

Banga will sich entschuldigen

Die Posse sorgt in Grenchen für helle Aufregung. Bangas bürgerlicher Herausforderer François Scheidegger dürfte sich die Hände reiben. Im ersten Wahlgang lag er knapp vor Banga. Jetzt darf er sich erst recht Hoffnungen machen, in der Stichwahl am 22. September den seit 22 Jahren amtierenden Banga zu entthronen. Es wäre für den 64-Jährigen die zweite grosse politische Niederlage nach der Abwahl aus dem Nationalrat 2007.

Banga übernimmt auf Anfrage die Verantwortung für die Aktion. «Ich muss dafür geradestehen.» Gleichzeitig betont er: «Ich habe den Brief nicht den Medien zugespielt.» Höchstwahrscheinlich sei es jemand aus seinem Umfeld gewesen. Nur ein kleiner Kreis habe Zugang zu dem Brief gehabt. Mit Hayek habe bereits ein erstes Telefongespräch stattgefunden. «Doch ich werde mich bei ihm noch gebührend entschuldigen», sagt Banga.

Farbloser Gegner

In Grenchen versucht eine bürgerliche Allianz – von den Grünliberalen bis zur SVP – den SP-Mann aus dem Amt zu jagen. Der Erfolg des farblosen Kontrahenten Scheidegger basiert weitgehend auf dem Unbehagen über die problematische Amtsführung Bangas. Ihm werden in einem bisher unveröffentlichten Untersuchungsbericht ein herabsetzender und beleidigender Stil, Selbstherrlichkeit und Beratungsresistenz vorgeworfen. Banga ist seit 1991 Stadtpräsident der 16 000-SeelenGemeinde.