Boris Banga, was hat Sie als Stadtpräsidenten im zu Ende gehenden Jahr am meisten beschäftigt?

Boris Banga: Dauerbrenner ist und bleibt die Wirtschaft. Das beschäftigte mich am meisten: Die Lage in Grenchen, in der Schweiz und weltweit und die Auswirkungen, die diese Lage vor allem auf die Menschen haben kann. Wir wollen schliesslich nicht erst handeln, wenn es zu spät ist. Wobei ich einräumen muss, dass gerade die Uhrenindustrie heute viel konstanter und weniger volatil arbeiten kann als früher, und das ist doch auch ein Zeichen, dass unsere Industrie sehr gut aufgestellt ist.

Wo lagen die Highlights 2012?

Der Baubeginn der neuen Zifferblattfabrik ist sehr positiv. Vor allem aber auch das Velodrome – das hätten wir uns vor Jahren noch nicht erträumt. Generell ist die rege Bautätigkeit in Grenchen sehr erfreulich.

Aber wie bitte wollen Sie es schaffen, auch gute Steuerzahler in diesen neuen Wohnraum zu holen?

Das passiert bereits. Wir haben gesehen, dass die neuen Wohnungen vor allem durch auswärtige Personen bezogen werden. Wir haben aber auch einen Verdrängungsprozess: Leute aus wirtschaftlich sehr gut gehenden Regionen ziehen zu uns, weil man hier noch günstige Mietzinse hat.

Tönt gut. Probleme gibt es dennoch, und zwar in schwachen Quartieren wie Teilen des Lingeriz. Was ist aus der Absicht geworden, diese Probleme zu lösen? Harzt es?

Ja, es harzt. In Grenchen West werden wir daher mehr Druck machen.

Wie?

Der einzige gemeinsame Nenner der Hausbesitzer scheinen die Parkplätze zu sein. Dort gibt es Engpässe, und wir könnten den Besitzern anbieten, als Gegenleistung für ihre Investitionen mehr Parkplätze zu bauen. Wir können noch schroffer sein und der Polizei in Auftrag geben, bestehende Parkplätze aufzuheben. Was denken Sie, wie schnell auch die auswärtigen Verwaltungen dann das Gespräch mit uns suchen würden?

Welche anderen ungelösten Probleme haben Sie 2012 bewegt?

Da ist die Pistenverlängerung zu nennen, bei der uns die kantonale Verwaltung immer wieder neue Knüppel zwischen die Beine wirft. Was mich noch mehr schockiert, ist die Pensionskasse. Die Kantonsregierung will, dass wir die Schuldensanierung mittragen, aber: Es ist erstens nicht unser Verschulden, dass die Kasse so schlecht gestellt ist, zweitens zeigt unsere eigene, städtische Pensionskasse, dass es auch anders geht. Wir zahlen pro Jahr an Arbeitgeberbeiträgen – zwangsweise – rund 2 Mio. Franken. Aufgerechnet hat die Stadt seit den späten 50er-Jahren um die 100 Millionen an die Pensionskasse gezahlt. In Grenchen wurde aber bisher kein einziger müder Rappen investiert.

Das Ende von «Schutz & Rettung» ist kein Tiefpunkt? Immerhin haben Sie selbst die Blaulichtorganisation anfangs stark beworben, dann den Kommandanten wie eine heisse Kartoffel fallen lassen ...

Ich habe hier nur die Aufträge des Gemeinderates und der Gemeindeversammlung umgesetzt. Die Situation hat aber auch gezeigt, dass wir schnell auf die Probleme reagiert haben und es jetzt funktioniert. Am Schluss bröckelte einfach die politische Unterstützung ab, und dem mussten wir uns beugen. Ausserdem: Hätten wir die Möglichkeit gehabt, hätte ich am liebsten gleich zu Beginn die heutige Lösung mit den Bereitschafts- und Rettungsdiensten unter Robert Gerber umgesetzt.

Dann hat man Remo Schneider ins Messer laufen lassen?

Wir haben alle zusammen die erforderliche Zeit für den kulturellen Wandel und auch den dazu nötigen Führungsaufwand unterschätzt. Und die entscheidenden Leute waren noch nicht bereit.

Trotzdem: Auch beim Team des Standortmarketings lief einiges schief. Bis Ende Jahr sollte überprüft werden, warum es zum Eklat gekommen ist und wo die Probleme liegen. Es ist Ende Jahr.

Nach meiner Beurteilung ist es nicht «zum Eklat» gekommen. Barbara Pestalozzi Kohler erkrankte, und eine Mitarbeiterin macht eine Weiterbildung, weshalb sie schon seit geraumer Zeit den Wunsch äusserte, ihr Pensum stark zu reduzieren. Übrigens arbeitet sie immer noch für das SMKS. Die Begleitgruppe SMKS wird die Gelegenheit nutzen, die ohnehin pendente Standortbestimmung zuhanden des Gemeinderates vorzunehmen. Die Zeit reichte nicht, weil die notwendigen Unterlagen sehr mühsam zusammengesucht werden müssen. Mit einem Rumpfteam zu arbeiten, macht es nicht einfacher. Zudem müssen meine Leute nicht aufschiebbare SMKS-Arbeiten fürs nächste Jahr an die Hand nehmen.

Ernsthaft: Das tönt doch zu schön, um wahr zu sein. Das Standortmarketing ist schliesslich direkt dem Stadtpräsidenten unterstellt. Stimmt es, dass die Leiterin jetzt einen Anwalt eingeschaltet hat?

Wir müssen mit der Leiterin über die Genehmigung der Überstunden verhandeln. Sie kann das krankheitshalber nicht tun und hat einen Vermittler beigezogen. Das ist sinnvoll. Sie hat sehr viele Überstunden – unserer Meinung nach zu viele.

Zurück zu Positiverem. Das Velodrome ist das gemeinsame Kind von Andy Rihs und Boris Banga. Und, sind Sie stolz auf ihr Kind?

Natürlich. Das Projekt löst landesweit staunende Reaktionen aus. Ich bin überzeugt, dass das eine schweizerische Erfolgsgeschichte gibt. Heute sind alle Mantelnutzungen vergeben, die Erwartungen sind schon übertroffen. Nicht gelöst ist die Sache mit den Vereinen, die im Velodrome trainieren möchten. Heute ist in Grenchen alles gratis, und darüber müssen wir nachdenken. Sie wissen: In Solothurn zahlt man für die Anlagen, ebenso in Biel. Es schwebt uns daher ein neues Konzept vor, wonach nicht mehr alles gratis sein soll.

Hoppla. Dann will man die Vereine sogar noch mehr zahlen lassen, als dass man ihnen wie versprochen eine günstige Trainingsmöglichkeit im Velodrome ermöglichen will?

Wir prüfen mittelfristig eine faire Lösung. Momentan haben wir eine Zwischenlösung für die Vereine, die im Velodrome trainieren müssen. Das sind übrigens nur zwei Abteilungen des TVG. Und denen werden wir helfen, ganz wie wir es gesagt haben.

Trotz den sicherlich enormen Vorteilen für Grenchen: Das Velodrome wird teurer als erwartet.

Mehrkosten von 10 bis 20 Prozent sind bei einem solchen Projekt normal. Der Zeitdruck macht es teurer, ebenso die unvorhergesehenen Kosten durch den schlechten Baugrund.

Letzteres wusste man aber schon, als man noch von 15 Mio. sprach.

Die 15 Millionen Franken waren immer nur eine sehr ambitionierte Vorgabe von Andy Rihs. So oder so ist es vielmehr der Zeitdruck, der Kostentreiber ist. Und egal, ob das Velodrome 15 oder 17 Mio. kostet, Grenchen zahlt stets nur 2 Mio. an den Bau.

Und die Leistungsvereinbarung, mit der die Stadt das Velodrome doch noch zusätzlich hätte unterstützen sollen?

Die Leistungsvereinbarung beabsichtigte, im Sinne eines Rahmenkredites von maximal 250000 Franken über 5 Jahre namentlich die Akquisition neuer Veranstaltungen im Velodrome zu unterstützen. Das gewählte Vorgehen erwies sich aber zugegebenermassen als nicht passend. Kritisch daran ist: Die Stadt hat ein grosses Interesse daran, dass das Velodrome Anlässe anzieht, die unserer Stadt nützen. Schauen Sie, zum Vergleich: Was hat Egerkingen vom Einkaufszentrum? Nur den Verkehr.

Kommen wir zum Budget 2013. Das ist defizitär und weist erstmals wieder einmal eine Verschuldung aus.

Es gehört heute zum guten Ton, vom Sparen zu reden. Ich möchte aber daran erinnern: Vor 15 Jahren hatten wir 30 Mio. Schulden und zirka 6 Prozent Arbeitslose, und die Wirtschaftslage liess nicht erkennen, dass es besser wird. In dieser Zeit wurden dennoch der neue Marktplatz, der Coop und das Kultur-Historische Museum realisiert, worüber wir heute alle froh sind. Die Infrastruktur wurde immer in Schuss gehalten, und das unter enormem Spardruck. Ich möchte daher raten, nicht in Sparwut zu verfallen. Wir müssen realistisch sein, dürfen aber nicht überreagieren.

Kostentreiber bleiben auch die Sozialhilfekosten. Was tun?

Wir haben neu festgestellt, dass es – im Gegensatz zu früheren Einschätzungen – keinen «Sonderfall Grenchen» mehr gibt. Im Gegenteil: In gewissen Regionen finden die Kostensteigerungen massiver statt. Kantonsweit gehen die Kosten tendenziell nach oben, natürlich müssen wir das im Auge behalten, damit wir nicht wieder abrutschen.

Im letzten Jahresinterview sagten Sie, Sie fühlten sich alleine, übten Kritik am Gemeinderat. Sehen Sie das nun – zum beginnenden Wahljahr – immer noch so?

Es hat sich geändert. Heute habe ich das Gefühl, wir haben ein gutes Verhältnis. Ich fühle mich unterstützt und sehe, dass wir wieder am selben Strick ziehen. Der Wille, gemeinsam etwas zu erreichen, ist spürbar. Ich muss zugeben: Früher habe ich sicher auch Fehler gemacht, war zu laut, zu unruhig.

Was steht im kommenden Jahr an?

Im Vordergrund stehen für mich die Eröffnung des Velodrome und Grenchen als Etappenort der Tour de Romandie. Ich freue mich auch, dass der Uhrencup wieder stattfindet. Last but not least wird die neue ETA-Zifferblattfabrik eröffnet werden. Ganz Europa kämpft um Arbeitsplätze in der Industrie, und wir erhalten Hunderte von der Swatch. Ich bin überzeugt, dass das der positiven Haltung der Grenchner Behörden zu verdanken ist.