Jahresinterview

Boris Banga: «Ich fühle mich manchmal alleine»

(Bild: Oliver Menge)

Stadtpräsident Banga.

(Bild: Oliver Menge)

Der Grenchner Stadtpräsident Boris Banga ist mit dem Jahr 2011 zufrieden, hatte jedoch einige schlaflose Nächte wegen der EU-Schuldenkrise und der schwachen Weltkonjunktur. Diese könnte auch Grenchen hart treffen.

Boris Banga, 2011 war für Grenchen ein Jahr grosser Projekte. Mit der neuen ETA-Zifferblattfabrik, der Pistenverlängerung am Flughafen oder dem Velodrome Suisse gehen Träume in Erfüllung. Hatten Sie dennoch schlaflose Nächte?

Boris Banga: Was mir tatsächlich schlaflose Nächte bereitet hat, ist die ganze Währungsentwicklung des Euro und des Dollars gegenüber dem starken Schweizer Franken. Hinzu kommen die Verschuldungsproblematik und die schwache Weltkonjunktur. Das hat Auswirkungen auf die Grenchner Exportindustrie, auf unsere Firmen, auf die Menschen und die Arbeitsplätze. Der Druck auf die Margen ist bei unseren exportorientierten Firmen irrsinnig. Und es besteht die Gefahr, dass mit der Verschuldungsproblematik im Ausland gewisse Märkte einbrechen könnten. Eine derart rasante Währungsdisparität kann man praktisch nicht bekämpfen.

Kann die Stadt nichts tun?

Nur wenig und nicht sehr schnell. Wir werden den Businessplan der Stadt aktualisieren und darin festschreiben, dass wir die Energiekosten möglichst minimieren wollen. Kürzlich hat die SWG beschlossen, vorübergehend die Durchleitungsgebühren für Unternehmen, die für den Export produzieren, nicht nach den möglichen Ansätzen zu erhöhen und sie so nicht zusätzlich zu belasten. Das gibt den Unternehmen mehr Planungssicherheit. Den Produktionspreis für den Strom selbst können wir ja nicht bestimmen. Ausserdem wollen wir die Investitionsquote der Stadt aufrechterhalten, damit die Binnenarbeitsplätze nicht auch noch gefährdet werden.

Für das Velodrome haben Sie kräftig die Werbetrommel gerührt. Der Beitrag der Stadt ist jetzt gesichert. Dennoch gibt es noch offene Fragen. Eine brennende ist, ob die einheimischen Vereine von vergünstigten Tarifen profitieren können.

Im Gegensatz zu Solothurn sind in Grenchen die Turnhallen für die Vereine von jeher kostenfrei, und ich glaube, dass viele Sportvereine, die heute in Turnhallen trainieren, auch künftig dort und nicht auf dem Dreifachsportplatz im Velodrome sein werden. Da ich aber Stiftungsratsmitglied bin und die Stadt ihren Beitrag an das Projekt gesprochen hat, werden wir bei den Preisen sicher mitreden können. Konkrete Vorgaben können wir der Betreibergesellschaft aber nicht machen. Es ist dennoch klar, dass wir dafür sorgen werden, dass ein Sportverein wie beispielsweise die Trampolinabteilung des Turnvereins die Sportplätze in der Halle auf jeden Fall zu einem angemessenen Preis benützen kann.

Zu den Tiefpunkten 2011 wäre wohl das Scheitern des Kunstrasens an der Urne zu bezeichnen. Enttäuscht ist danach die gesamte Geschäftsleitung des FCG zurückgetreten.

Ich versuche zwar, den Entscheid der Geschäftsleitungsmitglieder zu begreifen, ich verstehe ihn aber dennoch nicht. Wenn eine ganze Crew geht, ist das für einen Verein eine sehr schwierige Situation. Ich hoffe einfach, dass wir den Breitensport und die Jugendförderung beibehalten können. Die Arbeit, die die Vereine in Sachen Integration für Jugendliche leisten, ist hervorragend. Aber eben: Es macht mir schon etwas Angst vor der Zukunft, dass die Geschäftsleitung einfach alles liegen lässt, nur weil es mit dem Kunstrasen nicht geklappt hat.

Was ist mit dem Grenchner Gewerbe los? Viele Läden sind zugegangen. Der Einkaufsstandort leidet.

Grenchen hatte noch nie einen leichten Stand zwischen Solothurn und Biel. Wahrscheinlich hat sich dies mit dem Autobahnzubringer noch verschärft, denn so gut eine gute Anbindung ist, so gefährlich ist sie auch, weil die Leute viel schneller in einer anderen Stadt sind. Diese Sandwich-Situation hat dazu geführt, dass sich in Grenchen immer nur die Stärksten durchgesetzt haben.

Was braucht es?

Vor allem brauchen wir - genau wie in der Industrie - auch im Gewerbe eine Art Cluster. Sich ergänzende Angebote im Non-Food-Bereich also. Ein Beispiel dazu: Wenn wir nur eine Boutique haben, dann denken die Leute, sie können nicht auswählen, und gehen lieber woanders shoppen. Konkurrenz ist nötig, auch wenn das viele Leute nicht gerne hören.

Dieses Jahr hat sich die Investorin Espace Real Estate entschieden, auf der Schild-Rust-Wiese ein Einkaufszentrum zu realisieren. Wo steht das Projekt aktuell?

Die Wirtschaftsförderung der Stadt versucht derzeit, zusammen mit der Espace Real Estate und einem Branchenspezialisten - einer Art Headhunter - potenzielle Mieter zu finden. Detailhandelsketten kommen dabei genauso infrage wie Warenhäuser. Diese Arbeiten gehen jetzt in die heisse Phase, und ich bin zuversichtlich, dass der Startschuss nicht mehr weit ist, wenn die Suche nach Mietern erfolgreich verläuft.

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, Sie hätten eine dünnere Haut als früher, und Sie möchten, dass die Pferde nicht mehr so oft mit Ihnen durchgehen. Ist das gelungen?

Ich glaube tatsächlich, dass ich wieder dickhäutiger geworden bin. Eine dünne Haut schadet letztlich mehr, als sie nützt, denn damit lassen sich keine Geschäfte erledigen. Ich bin aber auch vorsichtiger in der Wortwahl geworden und habe mich zurückgenommen, dafür betreibe ich heute wieder mehr Lobbying.

Als Beobachter hat man auch das Gefühl, die Stimmung im Gemeinderat sei versöhnlicher geworden.

Es ist sicher ruhiger geworden.

Sie meinen, zu ruhig?

Ein Beispiel: An der letzten Gemeindeversammlung kam aus dem Publikum Kritik am Budget der Regionalen Zivilschutzorganisation auf. Von den Gemeinderäten, die in der Versammlung sassen, hat sich aber keiner dazu geäussert, obwohl alle im Gemeinderat oder einzelne auch in den vorberatenden Kommissionen den Voranschlag ohne Diskussion genehmigt haben. Das stört mich. Dann müssen die Abteilungsvorsteher und «der Alte» alles alleine machen. Ich frage mich, wo da die Verantwortung bleibt, denn der Gemeinderat ist letztlich die Vertretung des Volkes. An der Gemeindeversammlung hat sich auch keiner der Gemeinderäte mehr für das Velodrome starkgemacht. Das stört mich.

Klare Kritik am Gemeinderat.

Eher eine Frage. Ich möchte einfach wissen, warum man sich heute nicht mehr so einsetzt wie früher. Da wurde an einer Gemeindeversammlung schon mal das Wort ergriffen und Stellung bezogen. Heute fühle ich mich manchmal ziemlich alleine.

Haben Sie noch Vertrauen in die GRK, nachdem nach der Mobbing-Affäre letztes Jahr jetzt auch in Sachen Anerkennungspreis vertrauliche Informationen nach aussen gedrungen sind?

Im jüngsten Fall ist es kaum ein GRK-Mitglied gewesen, das die Information freigegeben hat. Stossend war eher, dass die Information falsch rausgegangen ist. Nicht die GRK, sondern die Kulturkommission hatte ihren Vorschlag wieder zurückgezogen.

Sie haben also noch genügend Vertrauen in Ihre GRK-Kollegen?

Das Vertrauen für sachliche Diskussionen ist nach wie vor vorhanden - die Frage ist einfach, wie viel davon im persönlichen Bereich übrig geblieben ist. Die fachliche Arbeit ist damit aber sicher nicht behindert.

Der Gemeinderat hat sich dieses Jahr dazu durchgerungen, die Wohnungsprobleme in Quartieren wie dem Lingeriz wieder anzupacken. Die Stadt soll mit den Liegenschaftsbesitzern verhandeln. Gebäude sollen abgerissen und durch neue ersetzt werden. Billiger Wohnraum, der unerwünschte Klientel anzieht, soll verschwinden.

Ich bin froh, dass wir diese Probleme wieder aufgreifen können. Wir müssen den billigen und schlechten Wohnraum reduzieren, weil er Klientel anzieht, welches der gesamten Wohnqualität nicht förderlich ist. Es wird aber auch Überzeugungsarbeit brauchen. Viele auswärtige Liegenschaftsbesitzer interessieren sich nicht für die Probleme der Stadt Grenchen. Man darf auch nicht vergessen, dass momentan viel qualitativ hochwertiger Wohnraum entsteht, wie die vielen Baustellen in der Stadt beweisen. Und ich bin sicher, dass die Nachfrage nach diesen guten Wohnungen vorhanden ist.

Grenchen steuert auf eine Verschuldung zu. Ist es bald Zeit für eine Steuererhöhung?

Ich glaube nicht, dass der Steuerfuss nächstes Jahr ein Thema wird. Die Stadt kann notfalls an ihren Reserven zehren. Man muss verlässlich sein, denn die Menschen und die Unternehmen haben eine planbare Situation verdient. Da muss ich unserem Gemeinderat ein Kränzlein winden: Dass er die Steuern immer wieder in kleinen Schritten gesenkt hat, hat sich bewährt. Das ist viel effizienter, als grosse Sprünge zu machen, wie es zuletzt in einigen Gemeinden im Kanton Solothurn der Fall war.

Was sind die Herausforderungen für Sie als Stadtpräsident, die es im kommenden Jahr zu meistern gilt?

Eine Hauptbeschäftigung wird es sicher sein, genügend Geld für das Velodrome Suisse zu suchen. Da ist der gesamte Stiftungsrat gefragt. Ebenso wird es nicht einfach sein, die Pistenverlängerung des Flughafens umzusetzen, weil sie in eine Schutzzone eingreift, ausserdem muss man fragen, wer die Untertunnelung zahlt, jetzt, da die Pistenverlängerung nach Westen statt nach Osten realisiert werden soll. Im Weiteren braucht die Stadt voraussichtlich neue Industriezonen für weitere Ansiedlungen. Ausserdem will ich mich noch stärker für das Gewerbe einsetzen. Last, but not least wird auch die Umsetzung des Windparks und die Zentralisierung der SWG im Brühl 2012 noch einiges zu reden geben. Die Arbeit geht uns definitiv nicht aus.

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