«Der Grossteil unserer Fahrräder wird in Asien hergestellt.» Entwaffnend ehrlich gibt Erwin Steinmann, Chef der Grenchner BMC Group Holding AG, Auskunft. Das sei aber nichts Spezielles, denn 80 bis 85 Prozent aller weltweit produzierten Fahrräder entstehen in Fabriken in Asien, insbesondere in Taiwan. Trotzdem spricht Steinmann immer von «unserer Fabrik in Grenchen». Zu Recht, wie er sagt. «Denn jedes BMC-Fahrrad im Markt wird in Grenchen von A bis Z entwickelt. Das gesamte Know-how befindet sich hier.» Das reiche von der Idee, der Skizze, der Entwicklung und Formenbau über das Design bis hin zum Prototypenbau und durchgehenden Produktetests bis zur Serienreife. Auch die Qualitätskontrolle befinde sich in den eigenen Händen. «Wir haben in Taiwan 15 eigene Mitarbeitende, die dafür verantwortlich sind.»

Dabei hatte Andy Rihs, der die Firma 2001 übernahm, andere Pläne. Während Jahren haben Spezialisten an einem Herstellungsverfahren und dem Bau einer Produktionsanlage für Velorahmen aus Karbon getüftelt. Ziel war es, einen Teil der Produktion aus Taiwan in die Schweiz zu holen. Dafür wurden rund 40 Millionen Franken investiert. Auf der Anlage in Grenchen sollten jährlich 25 000 Rahmen der Modellreihe «Impec» – ein Strassenbike der Edelklasse – gefertigt werden. Diese Vision von Rihs wurde aber nie umgesetzt, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Nachfrage nicht wie gewünscht entwickelte (wir berichteten). Das wird wohl auch am Preis gelegen haben, kosteten das «Impec» durchschnittlich 12 000 Franken. 

Doch die imposante vollautomatische Produktionsanlage stehe nicht still, versichert Erwin Steinmann, der seit Anfang 2014 die Firmengruppe leitet. Sie werde seit vergangenem Herbst unter dem Namen Impec Advanced R&D Lab als Forschungs- und Entwicklungszentrum genutzt. Zudem werden auf der Anlage weiterhin ultraleichte Rahmen aus Karbon gefertigt. Allerdings nur auf Kundenbestellung, insgesamt seien es rund 1000 Rahmen pro Jahr. Im offiziellen BMC-Verkaufsprogramm ist «Impec» nicht mehr aufgeführt. Die Investition in die Anlage sei keineswegs verloren. Die Infrastruktur ermögliche es, fahrbare Prototypen innert kürzester Zeit zu bauen.

Erfolgreich unterwegs

Wie viele Fahrräder BMC jährlich insgesamt verkauft, will Steinmann nicht sagen. Die Marke sei aber erfolgreich unterwegs mit einer Wachstumsrate von gegen 20 Prozent jährlich. Den Exportanteil beziffert er auf rund 90 Prozent. Hauptmärkte seien neben der Schweiz die USA und Kanada, gefolgt von Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien.

Zur BMC Group Holding, der früheren International Sport Holding, gehören nebst BMC zwei weitere Firmen, die vollständig im Besitz der BMC sind. Die 2011 übernommene Stromer AG in Oberwangen produziert Elektrovelos der Kategorie s-pedelec (bis 45 Stundenkilometer). Es sei ein Wachstumsmarkt und Stromer habe sich mit einer jährlichen Umsatzsteigerung von 20 Prozent gut entwickelt. Der Betrieb werde zunehmend internationaler, der Absatz verschiebe sich in ausländische Märkte. Die USA bezeichnet er als «künftigen Schlüsselmarkt». Bereits 2008 kaufte die BMC-Gruppe den deutschen Velohersteller Bergamont in Hamburg. «Die im Mittelpreissegment tätige Firma hat innert fünf Jahren dank ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis den Umsatz verdoppeln können.»

Verschiedene Käuferschichten

Die BMC-Gruppe hat turbulente Zeiten hinter sich, an der Firmenspitze gab es Wechsel um Wechsel. So wurde mit der Übernahme der Stromer AG deren Gründer und Chef, Thomas Binggeli, CEO der BMC-Gruppe und Mitbesitzer. Nur zwei Jahre später trat er zurück, wurde dafür Verwaltungsratspräsident und Erwin Steinmann übernahm das operative Ruder. «Nicht als Fahrradmarktexperte, sondern als Reorganisator», hält der 64-Jährige fest. Seine Hauptaufgabe sei es, die drei Firmen wieder als eigenständig operierende Einheiten auftreten zu lassen. «Es sind drei Marken, fokussiert auf verschiedene Käuferschichten.» Es gelte interne Prozesse und den Vertrieb zu verbessern, die Lieferbereitschaft zu erhöhen und schlagfertige Managementteams aufzubauen. Und BMC geniesse dank dem Sport (Radrennen, Mountainbike und Triathlon) einen enormen internationalen Bekanntheitsgrad. Dieser müsse noch mehr als Marketinginstrument eingesetzt werden.

Firmenbesitzer Rihs kündigte Steinmann als «Spezialist für Transformationsprozesse und Effizienzsteigerungen» an. Kurz: Er muss die Kosten senken und die Erträge steigern. Das sei bis jetzt gut gelungen, zieht Steinmann eine erste Bilanz. BMC als Gruppe sei gut unterwegs und habe sich der 200-Millionen-Franken-Umsatzgrenze genähert. 50 Prozent entfallen auf BMC, 35 Prozent auf Bergamont und 15 Prozent auf Stromer. Und das erste Quartal 2015 sei das Beste in der bisherigen Firmengeschichte. Ertragszahlen nennt er keine. Aber BMC und Bergamont operierten in den schwarzen Zahlen. Noch nicht profitabel sei Stromer. Die Firma befinde sich immer noch in der Start-up-Phase. Es sei ein sehr kapitalintensives Geschäft und man suche Investoren. «Dabei ist auch der Verkauf eine Option.»

Auf die Arbeitsplätze habe die Reorganisation bislang kaum Einfluss gehabt. Insgesamt beschäftige die Gruppe rund 250 Mitarbeitende; bei BMC sind es 125 (davon rund 85 in Grenchen), sowie je rund 60 bei Bergamont und Stromer. Als «echtes Problem» bezeichnet Steinmann die Frankenstärke. «Wir müssen die Verkaufspreise im Euroraum um 15 bis 20 Prozent anheben.» Dies sei durchsetzbar. Die Differenz zur Schweiz dürfe nicht zu gross werden. Am Standort Grenchen seien Verlagerungen oder ein Stellenabbau kein Thema. «Im Gegenteil. Tendenziell wird der Personalbestand eher aufgebaut.»