Friedhof Grenchen

Blumenverbot auf dem Gemeinschaftsgrab: Ein Reglement sorgt für Empörung

Ein solches Bild trifft man heute auf dem Friedhof kaum noch an: Denn Grabschmuck ist auf der Wiese verboten.

Ein solches Bild trifft man heute auf dem Friedhof kaum noch an: Denn Grabschmuck ist auf der Wiese verboten.

Auf der Wiese des alten Gemeinschaftsgrabes des Grenchner Friedhofes haben Blumen nichts verloren, heisst es im Grabmalreglement. Die neue Friedhofsleitung setzte dies um – und sorgte damit für Empörung.

Mehrere tausend Grenchner fanden auf der Wiese des alten Gemeinschaftsgrabes ihre letzte Ruhe. Unzählige Urnen liegen dort nebeneinander unter der Erde. Grabsteine gibt es keine, doch viele Angehörige wissen genau, wo ihre Liebsten begraben liegen und schmücken diese Stelle jeweils mit Blumen oder Kerzen. Zumindest bis vor kurzem.

Wer Ende des letzten Jahres, an Allerheiligen oder Heiligabend etwa, Grabschmuck niederlegen wollte, fand sich einer Holztafel gegenüber, auf der geschrieben stand: «Das Ablegen von jeglichem Blumen- oder Grabschmuck auf der Wiese des Gemeinschaftgrabes ist nicht gestattet.» Und weiter: «Gegenstände, welche auf der Wiese liegen, werden vom Friedhofspersonal an die Mauer mit den Inschriften gelegt.»

Die Friedhofsleitung berief sich dabei auf das Grabmalreglement. Dessen aktuelle Version stammt aus dem Sommer 2017, der Gemeinderat fügte damals betreffend Gemeinschaftsgrab folgenden Artikel hinzu: «Blumen dürfen nur beim dafür vorgesehenen Ablageort vor den Inschriften niedergelegt werden.»

Kritik am Reglement

Geht gar nicht, finden nun zahlreiche Grenchner und tun ihren Unmut insbesondere auf den sozialen Medien kund. «Das kann ich wirklich nicht verstehen!!» oder «Das ist eine traurige Sache, dass man nicht einmal mehr ein Lichtlein niederlegen darf.» lauteten nur zwei der zahlreichen Kommentare. Auch Gemeinderätin Nicole Hirt (glp) beteiligte sich an der Diskussion. Die Annahme des Reglements in dieser Form sei ein Fehler gewesen, schreibt sie. Sie habe diesen Absatz damals schlicht übersehen. Aber jedes Reglement könne man ändern, so Hirt.

Und das versucht die Gemeinderätin nun. An der letzten Gemeinderatssitzung reichte sie einen Vorstoss ein. Sie forderte die Stadt darin auf, dass Grabmalreglement so anzupassen, dass Grabschmuck in Zukunft während den Wintermonaten und an Feiertagen auf der Wiese abgelegt werden darf. «Trauer ist ein sehr emotionales Thema und sehr individuell. Dem sollte mit dem nötigen Feingefühl begegnet werden», begründet Hirt den Vorstoss.

Kritik an der Friedhofsleitung

Hirt nimmt sich aber nicht nur an der eigenen Nase, auch an den Verantwortlichen des Friedhofs übt sie Kritik. Das Reglement sei eine Sache, findet sie, die Umsetzung eine andere. Bei dieser habe ganz klar das Feingefühl gefehlt. Dass im Sommer die Wiese frei gelassen werde, um das Rasenmähen zu vereinfachen, dafür bringe sie Verständnis auf. «Aber zumindest im Winter, wenn sowieso nicht gemäht wird, sollte es möglich sein, Blumen niederzulegen.»

Gerade in der Funktion einer Friedhofs-Leitung müsse man die Bedürfnisse der Menschen besser kennen und sensibler vorgehen, kritisiert Hirt.

Einige Schritte bereits umgesetzt

Bei der Stadt verantwortlich für den Friedhof ist die Baudirektion. Stadtbaumeister Aquil Briggen nimmt schriftlich zu den Vorwürfen Stellung: «Im Stadtgrün und in der Friedhofsleitung haben 2018 diverse Personalwechsel stattgefunden», erklärt er. «Diese Wechsel fanden ohne gemeinsame Übergangszeit statt. Dabei gehen leider Wissen und Gepflogenheiten verloren und müssen zuerst wieder erarbeitet werden.»

Sämtliche Vorwürfe will Briggen aber nicht gelten lassen. So habe man aufgrund der Rückmeldungen aus der Bevölkerung bereits entschieden, das Reglement pragmatisch umzusetzen. So werde das Verbot, Blumen niederzulegen, an Feiertagen nicht mehr durchgesetzt.

Gleichzeitig gibt der Stadtbaumeister zu bedenken, dass der Umgang mit Trauer sehr individuell sei: «Was für jemanden zu sensibel ist, ist für jemand anders wiederum unsensibel.» Grundsätzlich versuche man, so feinfühlig wie möglich vorzugehen.

Der Konflikt soll nun auf politischem Wege gelöst werden. Die Baudirektion wird den Vorstoss von Nicole Hirt beantworten. Und vermutlich werde man dann eine Anpassung des Reglements vorschlagen, lässt Briggen durchblicken. Über diese wird dann wiederum der Gemeinderat befinden.

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