Die Gäste sitzen mit einem Glas Tee am grossen Stubentisch. Eine Frau legt Karten nach einem System, das in ihrem Kopf gewiss früher einmal vollständig war. Ein Mann stöbert in einem Fotoalbum. Mit einem etwas verstörten Blick schaut ein Spanier in die Runde. Betreuerin Brigitte Ryser geht zu ihm, legt beruhigend den Arm auf seine Schultern.

Die meisten Gäste im Tageszentrum Läbesrad in Bettlach sind dement. Ihre Angehörigen bringen sie. Sie nehmen ihre Finken aus den Schachteln, die mit den Namen angeschrieben sind. An manchen Tagen kommen auch Betagte mit Halbseitenlähmung oder Schädel-Hirn-Verletzungen.

Daniela Hubler ist Präsidentin des Vereins Läbesrad. Und sie ist zugleich im Komitee der kantonalen Volksinitiative, die fordert, dass die öffentliche Hand Tagesstätten für betagte Menschen künftig finanziell unterstützt. Heute stimmt der Kantonsrat über die Initiative sowie den regierungsrätlichen Gegenvorschlag ab.

115 Franken kostet ein Tag im «Läbesrad». Ein Gast berappt selbst 91 Franken. Die meisten Krankenkassen übernehmen 24 Franken. Ergänzungsleistungsbezüger können die Kosten angeben, falls die Limite von 25 000 Franken noch nicht ausgeschöpft ist. «Hundert Franken sind für viele sehr viel Geld», sagt Hubler.

Tagesstätten seien für die Gäste zu teuer. Alternative für die Angehörigen sei es dann, jemanden aus dem Ostblock anzustellen, gering entlohnt und zu schlechten Bedingungen. Oder die Person ins Heim zu geben. «Beim Heimaufenthalt bezahlt die Krankenkasse weitgehend die Pflege, die Hotelleriekosten können via Ergänzungsleistungen bezahlt werden.»

Ein Heimaufenthalt kommt die öffentliche Hand sehr viel teurer zu stehen als Lösungen mit Tagesstätten, betont auch Hubler. Falls das Tagesstätte-Angebot den Heimeintritt hinauszögert, spare die öffentliche Hand viel Geld.

Für die Angehörigen ist das Angebot eine grosse Entlastung

Durch die geschlossene Türe dringt ein stetiges Gemurmel. Jetzt pocht ein Tennisball auf den Tisch. Die Runde spielt ein Spiel, bei dem man einen Tennisball in ein Eierkarton-Gestell bringen soll. Motorik, Konzentration, Erfolg.

Die allermeisten Gäste hier sind pflegebedürftiger als auf Pflegestufe 3. Zwei Betreuerinnen sind an den vier geöffneten Tagen jeweils anwesend. Hubler, früher selber Heimleiterin, sagt nachdrücklich: «Die Angehörigen können diese Betreuung zu Hause gar nicht rund um die Uhr gewährleisten.»

«Die Angehörigen sind sehr froh über unser Angebot», sagt Hubler, «sie sind entlastet, können durchatmen, Einkäufe oder anderes tätigen.» Sogar ganz alltägliche Tätigkeiten könnten oft erst richtig ausgeführt werden, wenn die Dementen von andern betreut seien. Die Lebenspartner der «Läbesrad»-Gäste seien selbst oft in einem Alter, in dem sie häufig selber krank sind, weiss Hubler.

«Wir haben einen dementen Mann, dessen Partnerin wegen Krebsleidens zur Bestrahlung gehen muss», fährt sie fort, «oder eben brachte ein Mann seine Frau, er muss heute seinen Grauen Star operieren lassen.» Eine anwesende Frau habe sich letzten Sonntag, während ihr Mann duschte, angezogen und lief Richtung Selzach, weil sie dort aufgewachsen sei.

Dank eines aufmerksamen Passanten habe man sie wieder nach Hause bringen können. «Man müsste rundherum Augen haben, man kann sie wirklich nicht mehr alleine lassen», so Hubler. Viele Angehörige könnten dank der Tagesstätte teilweise noch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Von 9 bis 17 Uhr ist das «Läbesrad» offiziell geöffnet, aber man passe sich schon mal den Bedürfnissen an.

Die meisten Gäste haben ihre fixen Tage. «Wir sehen uns als ein Glied der Kette, zwischen Spitex und dem Heim», so Hubler. Das Bedürfnis nach Tagesstätten werde infolge höherer Lebenserwartung zunehmen, ist sie überzeugt.

Die Kantonsbeiträge sollen für eine bessere Auslastung sorgen

Trotzdem: Derzeit ist die Auslastung nicht immer zufriedenstellend. «Wir haben durchschnittlich sieben Personen, während es auch schon schlechtere Zeiten gab.» Hubler wünscht sich eine bessere Auslastung. Bei 2000 Franken monatlicher Raummiete, Verpflegung und den andern Auslagen sind acht Gäste zur Kostendeckung nötig.

«Wenn es für den Nutzer günstiger wäre, kämen mehr Gäste», setzt sie Hoffnungen in die kantonale Initiative. 2015 betrug die Auslastung über den ganzen Kanton gesehen jedoch nicht ganz 40 Prozent, schreibt die Regierung in der Botschaft zur Initiative. Doch diese Übersicht sei nicht zuverlässig, weil manche Einrichtungen nicht während des ganzen Jahres existierten, erklärt Daniela Hubler.

Eine Frau am Tisch verzieht langsam das Gesicht zu einem Weinen. Rasch, aber unaufgeregt geht die Betreuerin Regula von Mühlenen zu ihr. Vermutlich muss sie Wasser lösen. Sie muss halbstündlich auf die Toilette. «Aber wenn sie dort ist, weiss sie nicht, was das ist und was man dort macht. Das braucht dann jeweils Geduld», so Hubler.

Der Verein hat die Betriebsbewilligung für zehn Plätze, es stehen in zwei Räumen der Vierzimmerwohnung für jeden Ruhesessel zur Verfügung sowie ein einzelnes Pflegebett. Im Ruheraum hängen Kopien von Bildern Albert Ankers. Dazumal lebten die Alten in Grossfamilien und starben jünger.

In der hellen, gemütlichen Wohnung sind überall bunte Deko-Windrädchen mit fröhlichen Tupfen angebracht. Hinter den Fenstern bläst draussen der Herbstwind. Das Lebensrad vieler Menschen wird sich so weit drehen, bis sie selber alt und pflegebedürftig sind.