Interview
«Beste Zeit, beim Tourismus aufzurüsten»: Präsident von Grenchen Tourismus will bereit sein

Christoph Siegrist, will in der Vermarktung eine neue Ära einläuten, wie er im Interview erklärt. Sein grösster Wunsch sei, dass der Tourismus künftig eine grössere Rolle spielt.

Daniela Deck
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«Man braucht bloss Auswärtigen und Neuzuzügern zuzuhören, die Grenchen entdecken. Da wird so vieles gelobt», meint Tourismuspräsident Christoph Siegrist.

«Man braucht bloss Auswärtigen und Neuzuzügern zuzuhören, die Grenchen entdecken. Da wird so vieles gelobt», meint Tourismuspräsident Christoph Siegrist.

Hanspeter Bärtschi

Grenchen versteht sich im grossen Rahmen als Arbeitsplatz. Welche Rolle soll künftig der Tourismus spielen?

Christoph Siegrist: Wir alle haben im Leben verschiedene Rollen. Niemand ist nur Tourist oder nur Angestellter. Es ist wichtig, dass wir unsere Freizeitangebote den tausenden Pendlern bekannt machen, die jeden Tag in die Stadt strömen. Parallel dazu wollen wir mit konkreten Angeboten unterschiedliche Interessen von Auswärtigen ansprechen. Mein grösster Wunsch ist, dass der Tourismus hier künftig eine grössere Rolle spielt als heute.

Wie lassen sich Präzisionstechnologie und Freizeitgestaltung unter einen Hut bringen?

Das ist kein Problem. Als Technologiestadt im Grünen verfügen wir über Stärken, die uns von klassischen Tourismusorten mit historischen Altstädten abheben. Daraus lassen sich spannende Pakete schnüren, zum Beispiel eine Uhrenstadtführung mit Trottinettfahrt vom Berg oder mit einem Rundflug.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wie wäre es mit Grenchen als Uhrenindustrie-Location zum Anfassen?

Dafür sind wir mit der Firma Fortis in den Startlöchern. Sobald die Lage es erlaubt, können wir für Gruppen die Uhrengeschichte-Stadtführung mit Fortis-Showroom anbieten. Hier kann man Uhrmachern über die Schulter blicken und die aktuellen Kollektionen kennen lernen. Ich hoffe, dass Fortis als modernes Unternehmen bei der Industrie als Eisbrecher wirkt. Denn neben der Uhrenbranche bieten Medizinaltechnik und Präzisionsindustrie Potenzial für attraktive Führungen und Workshops. Solche Angebote würden Gruppen aus dem ganzen Land nach Grenchen holen, zum Beispiel für eine Klassenzusammenkunft.

Wie lässt sich die «Jurasonnen­seite» für die Tourismus-Vermarktung nützen?

Wir durften unser Konzept zur Professionalisierung von Region Grenchen Tourismus letzten Monat dem Steuerungsausschuss von «Jurasonnenseite» vorstellen und haben auch in Lengnau und Bettlach offene Ohren gefunden. Schliesslich heissen wir nicht umsonst Region Grenchen Tourismus; weitere Gemeinden, die touristisch mit uns zusammenspannen wollen, sind willkommen.

Grenchen hat die Tendenz, sich unter Wert zu verkaufen. Welchen Beitrag kann der Tourismussektor ans kollektive Selbstbewusstsein leisten?

Da kann der Tourismus viel beitragen. Man braucht bloss Auswärtigen und Neuzuzügern zuzuhören, die Grenchen entdecken. Da wird so vieles gelobt, von der schönen Umgebung über die entspannte Verkehrssituation bis zur günstigen Wohnlage mit tollem Ausblick. Das sind alles Dinge, die hierzulande nicht selbstverständlich sind, auch wenn sie vielen Grenchnern so vorkommen.

Welche Rolle spielt die Professionalisierung im Rahmen der Geschäftsstelle bei Grenchen Tourismus für den Aufbruch?

In meinen zehn Jahren als Präsident wurden unzählige Ideen an mich herangetragen und viele davon realisiert. Jetzt ist es an der Zeit, die vielen Angebote zu strukturieren und zu einem grossen Ganzen zusammenzufassen. Da stösst die Ehrenamtlichkeit an Grenzen.

Die einzelnen Anbieter vermarkten sich geschäftstüchtig, etwa in der Gastronomie (Molekularkoch Caviezel, Restaurant Chappeli, Berghöfe ...) – aber nicht verknüpft. Kann man Gewerbler, Dienstleister und Industriebetriebe überzeugen, gemeinsame Sache zu machen?

Genau dazu braucht es die Geschäftsstelle. Die Arbeit am Wochenende und Feierabend kann diese Verknüpfung nicht leisten. Weil so viel Initiative schon vorhanden ist, bin ich überzeugt, dass es der Geschäftsstelle gelingen wird, Grenchen touristisch auf der Landkarte zu positionieren.

Grenchen will sich vermehrt als Ort für Events positionieren. Worauf können Eventveranstalter hier zählen?

Von der ehemaligen Howeg über das Parktheater bis zum Velodrome und dem Flughafengelände bietet Grenchen für jeden den passenden Ort, vom Familienfest bis zur Massenveranstaltung mit mehreren zehntausend Besuchern. Entscheidend für den Erfolg ist, dass Veranstalter und Anbieter eine zentrale Anlaufstelle bekommen, die alle ihre Bedürfnisse abdeckt. Dazu gehören Ideen für Aktivitäten ebenso wie Auskünfte zu Bewilligungen.

Im aktuellen Städteranking der Bilanz spielt Grenchen bei der Erholung in einer Liga mit Städten wie Montreux. Wie lässt sich dieser Vorteil nutzen?

In Sachen «Erholungswert» sind wir tatsächlich unter die Top Ten vorgestossen. Diesen Joker gilt es auszuspielen. Wie wäre es mit einer Stadtführung, die augenzwinkernd vermeintliche Schwächen, wie etwa das tiefe Mietzinsniveau, adressiert? Wer genau hinschaut, entdeckt nämlich, dass es sich dabei um eine Stärke der Stadt handelt.

Selbst die Grenchner Bevölkerung verbringt ihre Freizeit an der Peripherie. Geht die Innenstadt leer aus?

Ein guter Punkt. Da müssen wir aufpassen und unsere Höhepunkte, wie das Kunsthaus und das Kultur-Historische Museum, sorgfältig vermarkten. Auch für den Marktplatz gibt es Möglichkeiten, zum Beispiel eine Eisbahn im Winter.

Im Freizeitsektor, mit Velofahrern und Rollerbladern auf der Durchreise, haben die Hotels schon vor Jahren einen Anfang gemacht...

Diese Hotels leben in Realität von Handlungsreisenden und Arbeitern. Für den Freizeittourismus setze ich die Hoffnung auf das Bootshafenprojekt, denn die Velofahrer bewegen sich der Aare entlang und übernachten bisher in Solothurn oder Biel. Neben Hotelzimmern brauchen wir für den Bootshafen dann auch Stellplätze für Camper in Flussnähe. Toll wären zudem Hausboote, die gemietet werden können.

Die Verkehrsanbindung ist für ÖV und Privatverkehr sehr gut. Das spricht eher für Tagestourismus.

Unsere Verkehrsflüsse sind mit den beiden Bahnhöfen und der A5 sensationell gut kanalisiert und damit für Tagestouristen ideal. Wenn es nach mir ginge, könnte man auch die letzte Ampel an der Odeon-Kreuzung noch durch einen Kreisel ersetzen und die Stadt als ampelfreie Zone vermarkten. Digitale Infotafeln für aktuelle Freizeitangebote entlang der Hauptverkehrsachsen sind bereits in der Pipeline. So können wir unsere vielen bereits bestehenden Events den Pendlern bekannt machen.

Bus- und Schiffsfahrpläne sind aber nach wie vor nicht aufeinander abgestimmt ...

Ein leidiges Thema. Das lässt sich nicht auf die Schnelle lösen, da der Anschluss an den SBB-Fahrplan Vorrang für den Bus hat. Aber wenn der Bootshafen kommt, sollten wir zumindest die Fussgängerroute zwischen Stadt und Fluss aufwerten. Apropos Bus: Hunderte Wanderer sind schon auf dem Berg gestrandet, weil der Bus nicht täglich hin­auffährt. Solche Lücken in einem ÖV-Fahrplan sind nicht mehr zeitgemäss.

Welche Rolle spielt der Flughafen?

Als Ausflugsziel kann der Flughafen nicht hoch genug gewertet werden. Für die Positionierung als Eventstadt ist er ebenfalls von zentraler Bedeutung, man denke nur an die Redbull Race Days und die Heli-Days.

Krisenbedingt ist der Tourismus allerorts unter Druck. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in diesen Sektor zu investieren?

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt. Denn wir wollen bereit sein für die Zeit danach. Im Frühling nimmt die Geschäftsstelle die Arbeit auf. Angesichts der Umstände hätte die Planung nicht besser passen können.