Grenchen

Beschwerden wegen Randständigen: Kann eine Gassenküche das Problem auf dem Marktplatz lösen?

Mittags essen hier Mitarbeiter der ETA ihren Lunch, oft sind die Schattenplätze aber von Randständigen belegt.

Seit Monaten werden in Grenchen Beschwerden über Randständige laut, die sich im nördlichen Teil des Marktplatzes treffen.

Auf dem Marktplatz Grenchen findet man an Hitzetagen die einzigen lauschigen Plätzchen im nördlichen Teil, wo ein paar Bäume im kleinen Pärkchen für Schatten sorgen. Sonst findet man – mit Ausnahme des Stadtdachs im Süden – kaum Schatten, wenn die Sonne im Sommer vom Himmel brennt.

Die Stadt hat kürzlich farbige Stühle angeschafft, um den Marktplatz zu beleben. Dazu wurde ein öffentlicher Bücherschrank in den ehemaligen Telefonzellen eingerichtet, der rege benutzt wird. Aber kaum jemand setzt sich in der prallen Sonne auf einen farbigen Stuhl, der mit seinem Geschwisterchen irgendwie verloren mitten auf dem leeren Platz steht, um ein Buch zu lesen. Schliesslich gibt es die zusammengebundenen Stühle nur im Doppelpack. Ausserdem sind die Auswahlmöglichkeiten beschränkt, weil öfters ein Grossteil der Sitzgelegenheiten im oberen Teil beim kleinen Park steht. Denn da haben sich seit Monaten ein paar Randständige breitgemacht, die die Stühle in ihr «Rayon» verfrachten, dort zum Teil ganze Nachmittage verbringen und wiederholt zu Klagen Anlass gaben.

Diverse Ideen stehen bereits im Raum

Die Stadt denkt schon länger darüber nach, wie man das Problem lösen könnte. Ideen, wie die Beschallung mit klassischer Musik – die Frage wäre dann, ob die unwillkommene Gruppe Beethoven oder Mozart bevorzugt oder verabscheut – wurde bisher offenbar nicht weiterverfolgt. Eine vermehrte Präsenz der Stadtpolizei ist aufgrund der knappen personellen Ressourcen wohl eher schwierig und der neue Posten der Kantonspolizei zeigte auch nicht die erhoffte Wirkung. Dass es beim Discounter gleich nebenan Billigstbier zu kaufen gibt, hilft in der Frage wenig. Der Bau eines Kinderspielplatzes in unmittelbarer Nähe des Parks, der die Möglichkeit von Alkoholverbot und Wegweisung durch die Behörden ermöglichen würde – im öffentlichen Raum laut Stadtpräsident François Scheidegger nur bei schweren Verstössen umsetzbar, wie er kürzlich sagte –, wird aufgrund von Vorschriften punkto Umzäunung und Sicherheit der Spielgeräte schwierig. Ganz zu schweigen von den Kosten eines solchen Spielplatzes.

Bleibt die Möglichkeit, den Randständigen eine Alternative zu bieten, um sie vom Marktplatz wegzubringen. GLP-Gemeinderätin und Kantonsrätin Nicole Hirt hat auch aus diesem Grund ein Postulat eingereicht, das die Stadtverwaltung beauftragt, zu prüfen, ob die Einrichtung einer Institution analog zur ‹Perspektive› mit ihrer Gassenküche im Restaurant Adler in der Solothurner Vorstadt oder ähnlich angezeigt wäre. Grenchen zahle nicht unerhebliche Beiträge an sinnverwandte Einrichtungen in Solothurn und Biel. Zudem höre man von der Gassenküche in Solothurn, dass zunehmend Grenchnerinnen und Grenchner diese Institution besuchten. «Der Aufbau und Betrieb einer entsprechenden Institution in Grenchen wäre die logische Folge», schreibt Hirt in ihrer Begründung.

Würde eine solche Massnahme die Situation am Marktplatz entschärfen? Beobachtungen in Biel zeigen, dass dem wahrscheinlich nicht so ist. Dort gibt es schon seit Anfang der 90er-Jahre eine Gassenküche, betrieben durch einen Verein, der durch Beiträge des Kantons Bern und der Stadt Biel sowie durch Spenden und Beiträge von kirchlichen Institutionen unterstützt wird. 2015 drehte die Stadt den Geldhahn zu, die Gassenküche am Oberen Quai musste ihre Öffnungszeiten anpassen.

Im Sommerhalbjahr ist sie nur zu den Mahlzeiten jeweils am Mittag und am Abend eine Stunde offen. Nur im Winterhalbjahr können Besucherinnen und Besucher den ganzen Nachmittag an der Wärme bleiben. Die Alkiszene rund um den Bahnhof allerdings wurde dadurch nicht kleiner. Eine Zeit lang wurde diesen Menschen am Rande der Gesellschaft auf der Rückseite des Bahnhofs ein ausgedienter Bauwagen zur Verfügung gestellt, in dem sie sich aufhalten konnten. Sie organisierten sich weitgehend selber und übernahmen auch eine gewisse Kontrolle untereinander. Das Projekt wurde aber nach einer Laufzeit von ca. zwei Jahren ersatzlos eingestellt.

Grenchner besuchen die Gassenküche in der Hauptstadt

In Solothurn wird die Gassenküche in der Vorstadt durch die Perspektive Region Solothurn-Grenchen betrieben. Ruth Marbacher, Bereichsleiterin Beratung und Prävention und stellvertretende Geschäftsleiterin, bestätigt, dass auch Leute aus Grenchen das Angebot der Gassenküche nutzen. Wie viele von den rund 30 erfassten Grenchnern, welche in der Kontakt- und Anlaufstelle registriert sind, ausschliesslich die Gassenküche benutzen, sei allerdings schwierig festzustellen.

Bezugnehmend auf die Grenchner Marktplatz-Problematik ist Marbacher der Meinung, dass man zuerst die Ausgangslage analysieren müsse, um angepasste Massnahmen treffen zu können. Die Fachfrau weist auch darauf hin, dass die sogenannt Randständigen Teil der Gesellschaft seien und teilweise auch von dieser produziert würden. «Der öffentliche Raum darf von allen genutzt werden, auch von ihnen.» Um Ideen zu entwickeln, wie man so ein Problem in den Griff kriegen könnte, müsse die Sache von verschiedenen Seiten beleuchtet und beurteilt werden.

Der Idee einer Gassenküche steht sie eher kritisch gegenüber: «Hinter eine Gassenküche für etwa 10 Personen setze ich ein grosses Fragezeichen. Man muss schon Kosten und Nutzen nebeneinanderstellen.»

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