Grenchen
Beruhigtes Verkehrsnetz von Grenchen ist noch nicht für alle beruhigend

Das Grobkonzept Tempo30 aus dem Jahr 2004 ist umgesetzt. Bei einem Gesamtüberblick wird ersichtlich, dass rund 30 Prozent der Strassen «beruhigt» sind.

Patrick Furrer
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Das Verkehrsnetz von Grenchen.

Das Verkehrsnetz von Grenchen.

Knapper ging es nicht. Mit 8:7 Stimmen hat der Gemeinderat Grenchen im Oktober 2004 das «Grobkonzept Zonen Tempo 30» bewilligt. Das Konzept geht zurück auf Begehren aus der Bevölkerung, unter anderem an der Oberen Flurstrasse und am Grubenweg. Neue gesetzliche Bestimmungen erleichterten die Einführung von Tempo-30-Zonen und auch Begegnungszonen. Heute – fast 10 Jahre später – sind die Debatten nicht weniger kontrovers und emotional. Allen voran setzt sich die SVP nach wie vor gegen eine grossflächige Umsetzung von beruhigten Strassen ein. Die ehemalige Autopartei Grenchens hat sich Tempo 30 sogar zum Wahlkampfthema gemacht.

Pro und Kontra

Das Grobkonzept ist nun vollständig abgearbeitet. Nicht alle ursprünglich vorgesehenen Zonen wurden umgesetzt, wie die nebenstehende Illustration mit Legende zeigt. Rund ein Drittel des Stadtverkehrsnetzes ist heute beruhigt, schätzt Stadtbaumeister Claude Barbey. «Wir befinden uns aber in einem laufenden Prozess», sagt er. Jedes neue Anliegen sei dabei genau zu prüfen. Grundsätzlich ist Barbey ein bekennender und bekannter Verfechter verkehrsberuhigter Tempo 30 und Tempo-20-Zonen. Er beruft sich dabei auf den Businessplan und das Leitbild der Stadt. Es gehe um Lebensqualität. «Langsamverkehr hat bezüglich Lärmemissionen die gleichen Auswirkungen wie eine Halbierung des Verkehrs.» Und das sei nur einer von mehreren Vorteilen.

Anders sehen das die Kritiker. Vor allem die Kosten geben viel zu reden. Denn es kann durchaus vorkommen, dass die Stadt für die Umsetzung einer Tempo-30-Zone 30 000 Franken an Steuergeldern ausgeben muss.

Zentrumszone vergrössern?

Im Sinne des Grobkonzeptes umgesetzt wurden seit 2005 die folgenden Quartiere: Lingeriz- und Karl Mathy-Quartier, Breiten- und Ruffiniquartier, Grubenweg- und Schmelziquartier, Däderiz- und Weinbergquartier, Ziegelmatt- und Wissbächliquartier sowie das Eichholz- und Garnbuchiquartier.

Trotz der Abarbeitung der Punkte aus dem Grobkonzept geht es natürlich weiter. Vor allem in Sachen Begegnungszone (Tempo 20) sind einige Anfragen bei der Baudirektion hängig, die in den nächsten Monaten zum Thema für die Politik werden dürften. Entlang der Centralstrasse beispielsweise haben sich Anwohner gemeldet, die wünschen, dass Tempo 20 eingeführt wird, sagt Stadtbaumeister Claude Barbey. Angedacht ist ebenfalls, dass die obere Flughafenstrasse und die Leimenstrasse – heute eine beliebte Abkürzung zur Autobahn – mit Tempo 30 belegt werden. Dies aus übergeordneten Überlegungen. Diese Massnahme ist Bestandteil der Gesamtüberprüfung im südlichen Stadtteil, die zurzeit im Rahmen einer Konzeptstudie zur Verkehrsentwicklung in Arbeit ist. Die Ergebnisse der Diskussionen aus den Resonanzgruppen sollen bis im Frühsommer vorliegen.

Begegnungszone verlängern

Noch zu reden geben dürfte vor allem die Anfrage der Raiffeisenbank Wandflue, die im August letzten Jahres an die Zentrumskreuzung Kappelstrasse/Solothurnstrasse umgezogen ist. Die Bank möchte nämlich, dass die Begegnungszone im Zentrum nach Osten hin bis zur Kreuzung – also zu ihrem neuen Standort – verlängert wird. «Ein Anliegen, dass vor 10 Jahren noch keine Chance gehabt hätte», sagt Barbey. Heute seien diese Chancen sicherlich grösser.

Auch noch offen ist, ob zur Entschärfung der teils gefährlichen Verkehrssituation am Nordbahnhof Grenchens dort eine Begegnungszone eingeführt werden könnte. Anlass dafür gab eine Petition der FDP.

Nicht umgesetzt oder noch offen

Einige Punkte aus dem Grobkonzept wurden nicht wie vorgesehen ausgeführt. Im Bachtelenquartier wurde auf eine Umsetzung verzichtet, ebenso im Allerheiligen- und Haldenquartier. Im Kastels- und Studenquartier wurde Tempo 30 erst teilweise umgesetzt, im Allmendquartier liegen die Pläne auf Eis. Beides geht auf ein überparteiliches Postulat der Bürgerlichen zurück, welches im November 2012 bewilligt wurde und den Rückbau vorhandener Tempo-30-Zonen fordert (wir berichteten). Gleichzeitig ist für das Kastelsquartier aber eine Anwohnerpetition hängig, die Tempo 30 erhalten will.

Nun denkt man in der Baudirektion laut darüber nach, das effektive Befinden mithilfe von Workshops oder Umfragen genauer zu ermitteln. Wie genau ist noch offen. Die Anwohnerpetition Kastelsstrasse soll voraussichtlich im Mai in den Gemeinderat kommen. Das überparteiliche Postulat der Bürgerlichen gegen zusätzliche Tempo-30-Zonen wurde übrigens mit gerade mal 8:7 Stimmen gutgeheissen. Knapper geht nicht.