Pflanzen und Tiere
Beim Regionalflughafen Grenchen legt man Wert auf Biodiversität

In Grenchen ist man der Zeit – und einer Vollzugshilfe des Bundes – voraus. Zwei Bundesämter haben nämlich eine Vollzugshilfe für Flughäfen bezüglich Biodiversität herausgegeben. In Grenchen beschäftigt man sich seit Jahren damit.

Oliver Menge
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Flughafendirektor Ernest Oggier mit den Karten zur Biodiversität auf dem Regionalflughafen
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Biodiversität auf dem Regionalflughafen
Die DA42 Twin Star steht quasi mitten in einer Blumenwiese
Der Wiesenkopf wächst auf den Ökoflächen entlang der Piste
So auch die Haferwurzel
Die Kuckucks Lichtnelke
Und das Ruchgras
Störche waren auch in früheren Jahren im Winter auf der Piste anzutreffen
Ein Altreuer Weissstorch
Der Weissstorch im Flug
Die Hasenpopulation in der Witi hat ebenfalls zugenommen
Ein neugieriger Feldhase

Flughafendirektor Ernest Oggier mit den Karten zur Biodiversität auf dem Regionalflughafen

Oliver Menge

Biodiversität ist auf Bundesebene ein wichtiges Anliegen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt Bazl veröffentlichte gemeinsam mit dem Bundesamt für Umwelt Bafu letztes Jahr eine Studie, respektive Vollzugshilfe speziell für Flughäfen (siehe separater Artikel unten).

In Grenchen rennt man damit offene Türen ein, wie es aussieht, denn obwohl Flughafendirektor Ernest Oggier von der Broschüre mit den Empfehlungen noch nie etwas gehört hat, ist das Thema Biodiversität auf dem Regionalflughafen Grenchen ein Dauerthema. Lange bevor der Bund Empfehlungen diesbezüglich abgab, bereits im Jahr 2014, hatte der Flughafen eine Studie in Auftrag gegeben. Man wollte sich ein Bild vom Oberflächenmanagement machen, kartieren, welche Flächen wie genutzt und «bewohnt» sind, also welche Pflanzen und Tiere dort anzutreffen sind. Die Kartierung aufgrund der Studie sollte dem Flughafen unter anderem auch die Möglichkeiten aufzeigen, in welchem Gebiet man im Fall einer Überbauung – neuer Hangar etc. – ökologischen Ausgleich schaffen könnte. Für die Studie wurden 60000 Franken budgetiert, der Bund beteiligte sich an diesen Kosten.

Flughafen liegt zu grossem Teil in der Witischutzzone

Der Flughafen Grenchen liegt in einer speziellen Zone: Die Witischutzzone, die 20 Jahre zuvor 1994 von der Solothurner Regierung als kantonale Landwirtschafts- und Schutzzone genehmigt wurde, grenzt nicht etwa an den Flughafenperimeter, der südlich durch den Zufahrtsweg zur Segelflugpiste begrenzt wird, sondern reicht direkt bis zum Südrand der Betonpiste. Der Streifen zwischen Betonpiste und Segelflugpiste, wie auch die Segelflugpiste und die Abstellflächen daneben sind also Bestandteil der Witischutzzone, was strenge Auflagen mit sich bringt.

Aber der Flughafen muss sich weiterentwickeln. Eine Idee wäre vorhanden, aber leider nicht realisierbar, erklärt Oggier: Man möchte im südlichen Teil neben der Segelflugpiste einen Hangar bauen für die Segelflieger. Dieser käme auf dem Kiesplatz zu stehen und könnte durch ökologische Ausgleichsmassnahmen kompensiert werden. Denn an guten Tagen registriert man bis zu 200 Querungen der Flugpiste – was ein nicht unwesentliches Sicherheitsrisiko darstelle. Aber wegen der Witischutzzone sei das unmöglich. Ein paar Meter weiter konnte die Kläranlage neue Bauten erstellen, weil man 1994 ihren gesamten Perimeter ausgenommen habe, nicht so beim Flughafen. Und in der Witischutzzone ist es bekanntlich untersagt zu bauen.

23 Prozent des Flughafenareals ist überbaut

Der Flughafenperimeter umfasst eine Gesamtfläche von 276000 Quadratmetern. Davon sind 23 % überbaut, 77 % sind Grünflächen, 16,27Hektaren inklusive Pisten. Ein Teil davon, 10,43 ha, konkret die Segelflugpiste und die Graspiste zwischen Betonpiste und Rollbahn, werden wöchentlich gemulcht, das heisst, das Gras wird abgeschlagen, nicht geschnitten und liegengelassen. Ein weiterer Teil, entlang des Autobahnzubringers und im südöstlichen Teil ist an Landwirte verpachtet, die dort Feldkulturen anbauen. 58300 Quadratmeter der Grünflächen, 5,83 ha sind Ökoflächen. Der grösste Anteil zieht sich entlang der Piste auf beiden Seiten. Sie werden nicht vor dem 15 Juni gemäht und werden seit über 80 Jahren von der Familie Stutz aus Bettlach bewirtschaftet, die dafür auch Ausgleichszahlungen erhalten. Dort wachsen unter anderem eher seltene Pflanzen wie der Wiesenknopf oder die Kuckucks Lichtnelke. Sowohl auf den gemulchten Flächen als auch den Ökoflächen werden keine Düngemittel oder sonstige Chemikalien verwendet.

Der Clinch Ökologie versus Sicherheit

Seitlich der Betonpiste sind Markierungen und Lichter angebracht, die für den Flugverkehr bei Start und Landung unerlässlich sind. Rund um diese Signale wird ein schmaler Streifen gemäht, um die Sichtbarkeit für die Piloten u verbessern. In guten Jahren, wenn die Witterung sich günstig auf den Graswuchs auswirkt, kann es aber vorkommen, dass das Gras so hoch wächst, dass die Fluglotsen im Tower Teile der Piste nicht mehr vollständig überblicken können. Das wäre aber notwendig, denn sie müssen jederzeit erkennen, ob sich etwas auf der Piste befindet, das dort nicht hingehört. Beispielsweise Wildtiere oder Vögel. «Es gibt generell fast nirgends so viele Wildtiere wie auf Flughäfen», sagt Oggier. In besonderem Mass natürlich auf den grossen Landesflughäfen mit mehreren Pisten, wo man nicht nur Grünflächen, sondern auch Tümpel, Biotope und Hecken findet.

Aber auch in Grenchen finde man jede Menge Kleintiere, vor allem in den Ökoflächen, Insekten, Mäuse, Würmer etc. Das ziehe wiederum Vögel an, welche die Kleintiere jagten, wie Habichte, Bussarde und Störche. Und andere Tiere wie Hasen, die sich auf dem Gelände ungestört bewegen könnten – es hat keine Menschen, keine Hunde, nichts, wovor man flüchten müsste. Auch wenn auf dem landwirtschaftlich genutzten Gebiet neben dem Flughafen gepflügt werde, ziehe das Möwen in Schwärmen an, sagt Oggier. «Krähen stellen bemerkenswerterweise kein Problem für uns dar, die sind zu intelligent und würden nie die Flugbahn eines Flugzeugs kreuzen.»

Tiere und Vögel in Pistennähe werden vergrämt

Sobald der Tower Tiere in gefährlicher Nähe der Pisten sieht, wird der Platzdienst alarmiert, der dann die Tiere mit Schreckschusspistolen vergrämt. «In den letzten zwei Jahren hatten wir keine Zwischenfälle mit Tieren. Es gab in den letzten 8 Jahren zwei sogenannte ‹birdstrikes›, Zusammenstösse mit Vögeln, die den Tieren das Leben kostete und Materialschaden verursachten. Und ein Hase blieb auf der Strecke.» Allerdings rechnet Oggier damit, dass Störche vermehrt ein Problem darstellen könnten. Denn man beobachte immer mehr dieser grossen Vögel – auch im Winter.

Das bestätigt auch Viktor Stüdeli, der ehemalige «Witisheriff» und Spezialist für Storchenfragen im Witizentrum Altreu. «Wir beobachten, dass jedes Jahr mehr Störche hier überwintern. Momentan sind es schätzungsweise zwischen 20 und 30.» Weshalb die Störche nicht mehr in den Süden fliegen, sei wissenschaftlich nicht belegt, aber man könne davon ausgehen, dass das etwas mit dem Klimawandel zu tun habe und dem damit verbundenen Nahrungsangebot hier, so Stüdeli.

Zwei Bundesämter geben gemeinsame Studie und Vollzugshilfe heraus

Letzten Herbst gab das Bundesamt für Umwelt gemeinsam mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt Bazl eine Studie resp. Vollzugshilfe mit dem Titel «Biodiversität und ökologischer Ausgleich auf Flugplätzen» heraus. Flugplätze könnten beim Schutz und bei der Förderung der Biodiversität eine zentrale Rolle spielen. Man müsse eine Brücke zwischen der Biodiversitätspolitik des Bundes und anderen Politikbereichen schlagen. Die Biodiversitätsstrategie Schweiz (SBS) und ihr 2017 vom Bundesrat verabschiedeter Aktionsplan ermutige die Behörden, die Biodiversität zu fördern, wann immer das möglich sei.

Im Vorwort schreiben die Autoren, dass Flugplätze oft über Flächen mit einer interessanten Biodiversität verfügten, die häufig weit grösser sei, als man annehmen könnte. Und dass diese sogar gefördert werden könne, indem man die von der Luftfahrt nicht genutzten Flächen, die sich für eine naturnahe Gestaltung eigneten, neu gestalte. «So können die Flugplatzhalter einen namhaften Beitrag zur Förderung und zum Schutz von Natur und Landschaft leisten.» Ein solches Vorgehen trage auch zu einem nuancierteren und positiven Image der Zivilluftfahrt bei – mit vernünftigen Investitionen.

«Diese Empfehlungen zur Förderung der Biodiversität und zum ökologischen Ausgleich auf Flugplätzen enthalten Informationen zu möglichen Formen der naturnahen Gestaltung auf Flugplätzen sowie zur Erhaltung und zur Entwicklung der Biodiversität und geben Hinweise zum Vorgehen bei der Planung (Erarbeitung eines Massnahmenplans) sowie zu den verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten», heisst es im Vorwort, unterzeichnet von Franziska Schwarz, Vizedirektorin des Bafu und Marcel Zuckschwerdt, Stellvertretender Direktor des Bazl.
Der ökologische Ausgleich biete die Möglichkeit, Biodiversität, aviatische Tätigkeiten und Spitzentechnologie zu vereinen. (om)