Grenchen
Beim Kochklub Büchsenchuchi kommt keine Büchsenkost auf den Tisch

Zwölf Lehrer gehen seit 30 Jahren zusammen auf gastronomische Entdeckungsreisen. Im «Lehrerkochklub Büchsenchuchi» gibt es eine einzige Frau: «Chef» Gaby Keller ist für den Einkauf verantwortlich und gibt Tips. Das Menu bestimmen die Herren.

Brigit Leuenberger
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Beim Zubereiten der Menüs wird auch ab und zu politisiert oder über schulische Themen diskutiert.

Beim Zubereiten der Menüs wird auch ab und zu politisiert oder über schulische Themen diskutiert.

Grenchen

Hauswirtschaftslehrerin Gaby Keller packt Weingläser aus. Nicht für die Schülerinnen und Schüler. Natürlich nicht. An diesem lauen Freitagabend sind es ausschliesslich Lehrer, die die Hauswirtschaftsküche im Schulhaus Halden betreten dürfen. Und nicht irgendwelche. Der Lehrerkochklub Büchsenchuchi ist ein eingefleischtes Grüppchen. Zwölf Lehrer, darunter fünf Pensionäre, gehören ihm an.

Die meisten sind seit der Gründung vor 30 Jahren dabei. Nur gerade drei Ab- beziehungsweise Zugänge hat die Büchsenchuchi in drei Jahrzehnten zu verzeichnen. «Nicht jeder passt zu uns», lautet der kurze Kommentar, dazu ein schalkhaftes Lachen auf den Gesichtern der Anwesenden.

Das Originaldokument, das Franz Henzi vorlegt, ist auf den 7. Dezember 1983 datiert. «Sehr geehrter Herr Schuldirektor, wie Ihnen bereits mündlich mitgeteilt wurde, wollen zehn Grenchner Lehrer sich pro Monat einmal treffen, um gemeinsam mit der Hauswirtschaftslehrerin Frl. Beatrix Schumacher die Geheimnisse der edlen Kochkunst zu entdecken.»

Der Rand des Dokumentes ist von einer Blättergirlande eingefasst. Das Schriftbild lässt auf den Einsatz einer Schreibmaschine rückschliessen. «Wir hoffen sehr, dass Sie uns diese Bitte erfüllen können und danken Ihnen für Ihr Entgegenkommen bestens.» Unterschrieben von Rolf Steiner. Auch er ist immer noch im Kochklub mit dabei.

Wie die Frauen

Unterdessen ist der Wein entkorkt und die Gruppe vollzählig. Schürzen werden umgebunden, Neuigkeiten ausgetauscht. Das mit Siebdruck im Brustbereich angebrachte Emblem ist bei den meisten verblichen. «Büchsenchuchi» steht darauf. Passend dazu eine geöffnete leere Dose. «Den Namen fanden wir damals originell», resümiert Franz Henzi. Man habe sich damit selbst ein wenig auf die Schippe nehmen wollen.

«Zur damaligen Zeit konnten die meisten Männer nicht wirklich kochen, maximal den Inhalt einer Dose wärmen.» Wiederum untermalt das vielseitige Gelächter in der Runde das Gesagte. So sei bei einem gemeinsamen Abendessen die Idee der Kochgruppe entstanden. «Wir dachten uns, was unsere Frauen können, können wir ja wohl auch lernen», erinnert sich Marcel Stuber. Und so schritten die Herren zur Tat.

«Der Name war aber nicht gerade hilfreich und wurde uns mehr als einmal zum Verhängnis», sagt Rolf Steiner. So sei bei den diversen öffentlichen Anlässen, bei denen das «Büchsenchuchi»-Team in den vergangenen drei Jahrzehnten gekocht hat – etwa dem Bibliotheksfest, dem Haldenfest oder der Triennale – öfter der Verdacht entstanden, dass das, was die Köche aus ihren Töpfen zauberten, tatsächlich nur Büchsenkost sei. «Da mussten wir uns dann jeweils schon wehren», betont Rolf Steiner.

Vierseitiger Speiseplan

Gaby Keller hat unterdessen zwei vorgängige Lehrerinnen abgelöst. «Chef» steht auf ihrer Schürze, und genau dies legitimiert sie, als einzige Frau der Büchsenchuchi anzugehören. Sie macht den Einkauf und gibt Tipps fürs Kochen und den Gebrauch der Küchenutensilien. Das Menü stellt sie allerdings nicht zusammen. Dafür ist im Turnus jeweils einer der zwölf Hobbyköche verantwortlich. An diesem Abend ist es Franz Henzi, der die Rezepte bereit und bereits einmal zur Probe gekocht hat. «Sommeranfang-Gurkensalat» ist der Einstieg in den vierteiligen Speiseplan. Darauf folgen «Eier im Töpfchen mit Pilzen», «Hackbraten mit Liebstöckel und Kartoffel-Selleriestock» und zum Abschluss ein «Himbeer Calypso».

Gekocht wird in zwei Gruppen, oder besser Mannschaften, denn «ein bisschen Wettbewerb muss natürlich sein», erklärt Roland Grolimund. Dabei gehen die Lehrer nicht etwa zimperlich miteinander um. «Man muss schon eine dicke Haut haben und etwas aushalten können, wenn man bei uns dabei ist», sind sich die Kollegen einig. Und dabei wird längst nicht nur über Geschmack, Würze, Biss und Konsistenz des Gekochten gestritten.

An jenen Abenden in der Schulküche werden politische, und vor allem schulische Themen auf den Tisch gebracht, scharf diskutiert und bis zur Unkenntlichkeit auseinandergenommen. «Wir sind öfters im Unfrieden auseinandergegangen, und manchmal ist es dann nicht mehr so lustig», sagt Franz Henzi. Und doch hätten sie sich in all den Jahren immer wieder auf den gemeinsamen Abend einmal im Monat gefreut, um von neuem gemeinsam in den Töpfen zu rühren, Wein zu trinken und über Gott und die Welt zu reden.

Die Weingläser sind nun aber erstmals leer und die Arbeit ruft, damit es an jenem Abend auch mal was zu essen gibt. Schnell haben die Männer die Arbeiten in ihren Mannschaften verteilt. Der eine knetet das Hackfleisch, der andere vermengt die Himbeeren mit der Meringue, der Dritte hackt die Kräuter.

An einem «Best of» werden einmal pro Jahr die besten Rezepte zusammengestellt und noch einmal gekocht. «Und dann laden wir manchmal auch unsere Frauen ein», sagt Marcel Stuber.

Doch sei es längst selbstverständlich, dass die Hobbyköche auch zu Haus die Kochkelle schwingen und mit Pfannen hantieren. «Nicht täglich, aber doch regelmässig und bestimmt so gut wie die Frauen», sagt Franz Henzi.

Und wieder verbindet das schalkhafte Lachen einvernehmlich die leicht gealterten Lehrerkollegen.