Porträt
Beim Busfahren ist sie süss und nur sehr selten sauer

Melanie Mäusli ist das «Küken» der Grenchner Busfahrertruppe, und gehört als Frau zur Minderheit. Auch Schoggi hat die 22-jährige Melanie Mäusli auf ihren Touren durch die Region schon bekommen.

Patrick Furrer
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Seit eineinhalb Jahren arbeitet Melanie Mäusli beim BGU, und die Arbeit gefällt ihr

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Melanie Mäusli beim BGU, und die Arbeit gefällt ihr

Patrick Furrer

So ganz will die Plüsch-Schildkröte am Schlüsselanhänger nicht zu Melanie Mäusli passen. Reptilien werden ziemlich alt, die Archerin ist noch jung. Eine Schildkröte ist ebenso langsam wie unpünktlich, die hübsche Busfahrerin im Verkehr flink und zuverlässig. Und während sich eine Schildkröte gerne in ihren Panzer zurückzieht, ist Melanie Mäusli eine offene, aufgestellte Frau, die viel lächelt und nicht auf den Mund gefallen ist.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie beim Busbetrieb Grenchen und Umgebung. Mit 22 Jahren ist sie die Jüngste und noch Unerfahrenste im Team. Übrigens: Knapp 18 Prozent des Fahrerteams sind Frauen; bei den Solothurner Busbetrieben sind es nur rund 11 Prozent.

Eine «Süsse» sei sie, eine «Gmögige» und eine «Aufgestellte», sagen die Menschen, die sie schon länger kennen. Im grossen Bus sieht sie fast etwas verloren aus, aber Melanie Mäusli liebt es, grosse, klobige Fahrzeuge zu steuern. «Das ist eine Herausforderung», erklärt sie. Nicht, dass sie Probleme damit hätte, «aber weil der Verkehr täglich ändert, wird es auch nie richtig langweilig.» Dieses grosse «Schiff» durch den Verkehrsfluss zu manövrieren sei schon toll. Mit 20 Jahren hat sie bereits die Lastwagenprüfung gemacht, mit 21 dann die Busfahrerprüfung. Bloss: Davor hätte sie nicht einmal im Traum daran gedacht, Chauffeuse zu werden.

Der Busbetrieb in Zahlen

Der Busbetrieb Grenchen und Umgebung (BGU) ist seit 1975 eine Aktiengesellschaft, deren Anteile mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind. Der BGU bedient ein Streckennetz von rund 61 Kilometern in den Gemeinden Arch, Bettlach, Büren, Lengnau, Grenchen und Rüti. Das Unternehmen verfügt über gut 45 Vollzeitstellen und 23 Fahrzeuge. Ende 2009 wurde das Angebot um 30 Prozent ausgebaut; im Jahr 2010 wurde der Busbetrieb 1,7 Millionen Mal von Fahrgästen genutzt; im selben Jahr fuhren 256 Personen - knapp 6 Prozent - schwarz. Laut Geschäftsleiter Hans-Rudolf Zumstein verfügt das Fahrdienstteam derzeit über 33 Männer und 7 Frauen (knapp 18 Prozent). (fup)

Über den Vater im Betrieb

Gelernt hat Melanie Mäusli Malerin, sie bekam sogar einen Preis für einen der besten Abschlüsse. Lehrmeister Roland Zbinden aus Büren hat gute Erinnerungen an seine frühere Stiftin, sie sei manchmal zwar auch eine kleine Mimose gewesen. «Ich hätte auch nie gedacht, dass sie einmal mit einem so grossen Bus rumfährt. Ich staune, wie sie das geschafft hat.» Mäusli hatte nach dem Lehrabschluss verschiedene Malerjobs angenommen, eine längerfristige Stelle blieb saisonbedingt aber aus. «Das war nicht witzig, dauernd arbeitslos zu sein», erinnert sie sich.

Ihre Eltern arbeiteten damals bereits beide beim BGU, der Vater als Fahrdienstleiter, die Mutter als Kleinbusfahrerin. «Eines Tages meinte mein Vater, ob ich nicht im Büro aushelfen wolle, statt auf dem Sofa vor dem Fernseher rumzuliegen.» So kam sie mit dem Betrieb auf Tuchfühlung. Chauffeuse werden wollte sie aber noch nicht. Wieso sie ihre Meinung dann änderte, kann sie nicht mehr genau sagen. «Ich dachte einfach, dann mach ich das halt mal», sagt sie. «Und jetzt bin ich froh drum. Die Arbeit gefällt mir nämlich sehr. Und auch dass meine Eltern im gleichen Unternehmen arbeiten ‹fägt›.»

Zwar könne die Arbeit ausnahmsweise monoton sein, gerade, wenn man einen Tag lang immer dieselbe Schlaufe fahren muss. Aber der Kontakt mit den vielen Menschen freue sie im Gegenzug sehr – meistens jedenfalls. «Wenn die Leute freundlich sind, bin ich es auch», erklärt sie. Melanie Mäusli ist eine, die sich emotional meist sehr gut im Griff hat, sauer wird sie nur sehr selten. «Und wenn, dann nur innerlich, man muss ja schliesslich freundlich bleiben in diesem Job», sagt sie.

Die Schoggi und der Betrunkene

Schön sei es, wenn Leute ihr Komplimente machen, wie angenehm sie fahre. Herzig sei es auch, wenn ältere Passagiere ihr eine Schoggi mitbringen. Anstrengend werde es manchmal, wenn die Leute keine Distanz mehr kennen, sie immer wieder mit Reden versäumen und nicht wissen, wann es genug ist.

Einmal belästigte sie ein betrunkener Passagier und packte sie am Arm. Dank anderer Fahrgäste eskalierte die Situation aber nicht. «Angst habe ich trotz allem nie gehabt», sagt Mäusli. Ihr sei wohl im Job. Vor allem gefällt ihr, dass sie bereits auf eigenen Beinen steht. Sie wohnt mit ihrem Freund in Arch.

Süss mit drei Stück Zucker

Wenn Melanie Mäusli Frühschicht hat, muss sie um 4.50 Uhr im Bus sitzen. Meistens lasse sie den Wecker noch eine Dreiviertelstunde im «Snooze»-Modus klingeln, verrät sie, und erst im letzten Moment springt sie dann auf, wäscht sich, steigt in ihren Volvo S60 (auch kein kleines Wägelchen) und fährt zur Arbeit. Damit sie später nicht die Krise hat, brauche sie auch ihren treuen Morgen-Macchiato. «Mit drei Stück Zucker», lacht sie, «damit ich genügend Energie habe.» Denn zum Essen komme sie tagsüber nicht viel.

Im Team sei sie gut integriert, bestätigt ihr Teamchef Res Blatter. Eine ebenfalls jüngere Kollegin trifft sie auch ab und zu privat. Ansonsten sei sie einfach freundlich, aber professionell distanziert, sagt Melanie Mäusli. Sie sei einfach ein wenig scheu und zurückhaltend. «Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt», erklärt Mäusli. «Ich mache lieber einfach mein Ding.»

Nicht so alt wie eine Schildkräte

Ihr Ding, das ist jetzt eben das Busfahren. Aber nicht nur als Busfahrerin kommt sie gerne rum. Privat unternimmt sie mit Vorliebe Ausflüge in den Zoo, die Badi, oder sie geht wandern. Unternehmungslustig aber überlegt ist sie, könnte man sagen. Fröhlich, aber zurückhaltend; klein, aber mit einem Flair fürs Grosse.

Und Melanie Mäusli bleibt den Grenchnerinnen und Grenchnern noch lange erhalten, wenn es nach ihr geht. Sie könne sich sehr gut vorstellen, noch lange mit dem Bus durch Grenchens Strassen zu kurven. Vielleicht werde sie sogar alt als Busfahrerin. Wenn auch nicht ganz so alt, wie eine Schildkröte.