Eine kleine Ansammlung skurriler Menschen hat den Eichholzhügel in Besitz genommen und wohnt dort in einer Wohnwagensiedlung. Ein Dorf ausserhalb der Gesellschaft mit eigenen Regeln und einem eigenen Lebensgefühl, das nicht gängigen Gesellschaftsformen entspricht.

Da gibt es die liebenswerte junge Frau, die sich um ihre Pflanzen sorgt, mit ihnen spricht, sie hegt und pflegt und sich auch innerhalb der bunt gemischten Gruppe immer für Eintracht, Liebe und Verständnis einsetzt. Oder den Punk, rebellisch mit auf die Spitze getriebenem machohaftem Verhalten, der davon überzeugt ist, der einzige wahre Mann der Siedlung zu sein, seine Aggressionen auslebt, seine Wut auf die ganze Welt immer zur Schau trägt. Er lebt mit einem jungen, naiven Mädchen, das ihm absolut hörig ist und ständig an einem Lolli lutscht, in einem der Wagen.

Oder das Mädchen, das aus einem «heilen» Elternhaus und den gesellschaftlichen Normen ausbricht, um unter den «Ausgestiegenen» einen Hauch vermeintlicher Freiheit zu erhaschen – und gleich in die nächsten Abhängigkeiten geworfen wird. Oder den Poeten und Philosophen, der es vorzieht, den ganzen Tag auf der faulen Haut zu liegen und «nachzudenken», statt zu arbeiten, für sein Verhalten aber immer eine passende Begründung liefert. Auch der ältere Mann, immer mit Flasche und Peace-Zeichen, fehlt nicht, oder das Säuferpaar, etwas durch den Wind aber doch äusserst liebenswert. Und nicht zuletzt die etwas irre Frau, die eine ganze Reihe von Plastiksäcken an ein Seil gebunden hat, in denen sie irgendetwas eingefangen hat, in Rätseln spricht und dunkle Vorahnungen hat, die sich in der Regel bewahrheiten.

Dies sind nur einige der Figuren aus «Näbu», dem neuen Stück der Freilichtspiele Grenchen, geschrieben und inszeniert von Iris Minder.

Heile Welt und harte Realität

«Näbu» erzählt die Geschichte dieser skurrilen und liebenswerten Menschen, die plötzlich mit der harten Realität konfrontiert werden und befürchten müssen, ihre Existenz und ihre Heimat zu verlieren: Spekulanten, korrupte Politiker und unfreundliche Polizisten wollen sie vertreiben und am Ort der Siedlung ein Luxusresort aufbauen. Angst und ungute Gefühle stören das «wohlige» Lebensgefühl des bunten Völkchens. Als ein Mädchen verschwindet und alles auf einen Mord hindeutet, kommen die Dinge ins Rollen. Einige der Bewohner werden von der Polizei verdächtigt – und die kleine Familie beginnt, sich gegenseitig zu misstrauen. Ein kalter Nebel zieht durch die Wohnwagen und bedroht die kleine Gesellschaft. Mehr soll hier nicht verraten werden, aber für Spannung und Action ist gesorgt.

Nicht zuletzt bietet das Stück ein Wiedersehen mit Darstellern, die entweder schon bei früheren Produktionen der Freilichtspiele mitgewirkt haben oder die in ganz anderem Zusammenhang zu sehen waren. So verwandelt sich unter anderem Tom Muster, der im Kultur-Historischen Museum als «Herr Gschwind» durch die Geschichte der Uhrenbarone führte, in den knüppelharten und doch irgendwie verletzlichen Punk «Wolf».

Minder ist «beruhigt»

Noch steht man mitten in den Proben. Noch läuft nicht alles nach Plan. Regisseurin Iris Minder ist dennoch zufrieden nach dem Durchlauf: «Ich bin beruhigt», meint sie in ihrer Kritik. Gröbere Pannen gab es keine, der Text sitzt weitgehend, wenn die Souffleuse auch ein paar Mal weiterhelfen musste.

Jetzt wird in den verbleibenden Proben bis zur Premiere am 19. Juni an Feinheiten geschliffen, die Positionen der 22 Protagonisten im Szenenbild korrigiert, individuelle Fehler ausgemerzt. Dazu kommen die technischen Einrichtungen, denn die Schauspielerinnen und Schauspieler werden mit Drahtlosmikros ausgerüstet, damit sie vom Publikum gut zu verstehen sind. Gleichzeitig wird die Bühne ausgeleuchtet und das Bühnenbild für gewisse Spezialeffekte vorbereitet. Und nicht zuletzt wird die Live-Band «Les Rubis» ins Stück eingebaut – bis jetzt steht erst ihre Bühne, ein weiterer, umgebauter Wohnwagen.

Bis zur Premiere dauert es noch 10 Tage, in denen jeder Einzelne an seinen Auftritten feilen und seinen Text vertiefen kann. Dazu kommen Musikproben für die gemeinsam vorgetragenen Lieder, die jetzt im Durchlauf nur angedeutet wurden.

Eines wurde schon jetzt deutlich: Die Protagonisten fühlen sich wohl in ihren Rollen, bringen diese glaubhaft über die Bühne und sind mit viel Spielfreude bei der Sache. Das Stück über die Wohnwagensiedlung – die es in realer Form bisher nur in den Nachbarsstädten Biel und Solothurn gab, aber nicht in Grenchen – wird mit Sicherheit auch dieses Jahr das Grenchner Publikum in Scharen zum Eichholzhügel locken.

«Näbu» wird am 19. Juni uraufgeführt. Weitere Spieldaten und Vorverkauf unter www.freilichtspiele-grenchen.ch