Ein strahlender Frühlingsmorgen im beschaulichen kleinen Hinterhof der Fortis-Fabrik beim Grenchner Nordbahnhof. Der neue Firmeneigentümer Jupp Philipp, ein Ostschweizer Unternehmer deutscher Herkunft, der Fortis letztes Jahr gekauft hat, beginnt den Arbeitstag mit einem Blick auf die Blumenwiese beim Hintereingang, bevors zu einer ersten Besprechung geht. Im Fabrikgebäude sieht es ebenfalls beschaulich aus. Denn seit hier Hunderte Uhrenarbeiter ein und aus gingen, ist viel Zeit verstrichen. Das zeigen die historischen Bilder im Flur, die an glorreiche Zeiten der innovativen Marke erinnern, die 1912 von Walter Vogt gegründet wurde.

Doch der beschauliche Eindruck täuscht. «Fortis ist seit der Gründung ein Familienunternehmen mit Macher-Geist. Wir haben seit vergangenem Herbst einige Projekte angepackt und haben auch noch allerhand vor», erläutert der jugendlich wirkende Firmenbesitzer (42). So sei konkret die Zahl der Beschäftigten von 8 auf 17 Personen gewachsen, wovon 13 am Standort Grenchen arbeiten, konkretisiert Geschäftsführer Lorenz Aebischer. Der erfahrene Uhren-Marketeer wurde ebenfalls letztes Jahr zu Fortis geholt, wo er zusammen mit Philipp die Marke wieder auf Kurs bringt.

Charakteristisches Design

So sei die Anzahl Modelle radikal verkleinert worden – von 64 auf noch 27. Ganz klar zum Ausdruck kommen soll, dass man mit Fortis eine Uhr mit Flieger- oder gar Weltraum-DNA erwirbt, oder auch eine Taucheruhr. Alles Uhren mit klar technischem Design und entsprechenden Zifferblättern und Anzeigen mit grossen, kontrastreichen Beschriftungen, die man in Sekundenbruchteilen erfassen kann. «Eben ein Zeitmesser mit Werkzeugcharakter», formuliert Philipp. Von Zifferblättern mit «Allerwelts-Design» wie der Terrestris-Linie habe man sich verabschiedet. «Wir können und wollen nicht jeden Geschmack zufriedenstellen», sagt Aebischer dazu.

Neustes Modell ist beispielsweise ein Chronograf für das Österreichische Weltraum-Forum, sinnigerweise «Amadee» genannt und in der typischen Fortis-Farbe schwarz, oder ein limitiertes Sondermodell zum 30-Jahre-Jubiläum des PC 7-Teams, mit dem man schon seit über zehn Jahren eine Partnerschaft pflegt. Die ersten 12 Stück des C.O.S.C.-zertifizierten Chronometers sind für die Piloten des PC 7-Teams reserviert, insgesamt werden 300 Stück hergestellt (Preis: 4500 Fr.) «Dieses Piloten-Werkzeug spiegelt die Werte des Kunstflugteams wider: Dynamik, Eleganz. Präzision», sagt der Fortis-Chef.

Das PC 7-Team wird übrigens am kommenden Heli-Weekend (während der mia) zu sehen sein. Fortis ist neu «Official Timekeeper» des Grossanlasses und wird dort auch seine Uhren präsentieren.

Die limitierte Uhr zum 30-jährigen Bestehen des PC 7-Teams, die «PC-7 Team Aeromaster Edition Chronograph», wurde gestern vorgestellt.

Fortis "PC-7 Team Aeromaster

Die limitierte Uhr zum 30-jährigen Bestehen des PC 7-Teams, die «PC-7 Team Aeromaster Edition Chronograph», wurde gestern vorgestellt.

Ausgewählte Händler

Auch die Partnerschaft mit der russischen Weltraumagentur werde weiter gepflegt, bestätigt Philipp. Man werde die bestehenden Kooperationen weiterführen und auch neue suchen. Ebenso wichtig sei der Kontakt zum Fachhandel, welcher weiterhin der wichtigste Vertriebskanal darstellen soll. Dabei komme aber Klasse vor Masse. «Wir sind Uhren-Enthusiasten und suchen Zusammenarbeit mit Händlern, die diesen Enthusiasmus für unsere Marke teilen.» Ein gutes Dutzend Händler in der Schweiz hätten inzwischen ihr Engagement unter Beweis gestellt, darunter Baumgartner in Aarberg.

In Deutschland werde die Marke von rund 100 Händlern geführt. «Eine schöne Uhr ist etwas Sinnliches, das man vor dem Kauf berühren will», zeigt sich Philipp überzeugt vom Verkauf im Fachhandel. Trotz Traditionen will man aber auch den Anschluss ans Digital-Zeitalter nicht verpassen. Bis Ende Jahr soll auch die Website ein Facelifting erhalten.

Stolz zeigt man sich auch im neuen Katalog, der demnächst erscheint. Die Uhrenmodelle wurden dafür neu fotografiert und ins beste Licht gerückt. Und last but not least will man auch im altehrwürdigen Fabrikgebäude Hand anlegen. Das angejahrte Uhrenatelier im Hochparterre wird demnächst umgebaut und von Philipps Ehefrau (sie hat Architektur studiert) gestaltet. Mehrere kleine Räume werden zu einem grosszügigen Saal zusammengefasst. «We need more Space», heisse ja ein aktueller Firmenslogan.

Und man stelle sich vor: Einem Uhrmacher über die Schulter blicken, das ist in der Uhrenstadt bisher absolut unmöglich. Vielleicht bald einmal bei Fortis? – Philipp lacht. «Vielleicht, aber noch nicht gleich morgen.»

Woher die Uhrwerke nehmen?

Alles in allem: Das neue Fortis-Team zeigt sich optimistisch und geht dynamisch in die Zukunft. Selbst die Baselworld sei künftig wieder eine Option, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Was aber zurzeit (noch) nicht der Fall sei. «Die Probleme begannen, als sich die Genfer Messe von Basel abspaltete. Die weltweiten Händler kommen einfach nicht zweimal in die Schweiz, um einzukaufen», meint Aebischer.

Ganz sorgenfrei ist man nicht. Stichwort ist die auslaufende Lieferverpflichtung der ETA für Uhrwerke, die bei Fortis verbaut werden. «Wir werden leider hier völlig im Dunkeln gelassen, ob und wie viele Werke wir künftig beziehen können. Das verunsichert, ist sogar etwas frustrierend», meint Philipp. Gerade weil man doch in Grenchen gemeinsame Wurzeln habe.

Wie wär es mit einer Kooperation mit dem ernstlich angeschlagenen Konkurrenten auf der anderen Seite der Bahnlinie? Eterna stellt nämlich als eine der wenigen eigene Uhrwerke her. Betrieblich würde dies durchaus Sinn machen, räumt Philipp ein, auch wenn die Eterna-Werke aufgrund des Preisniveaus nur für einzelne Fortis-Zeitmesser geeignet wären. Ein Hindernis dürfte zudem die unberechenbare Unternehmenspolitik der Eterna-Besitzer sein – auch wenn sich Philipp dazu nicht äussern mag.

Infos willkommen

Zu guter Letzt: entrümpeln kann man auch buchstäblich. «Auf dem Dachboden haben wir allerhand historisches Material, darunter alte Fotos, gefunden», erzählt Jupp Philipp. «Doch es wäre auch noch schön, wenn sich jemand fände, der dazu etwas sagen kann. Wir wissen beispielsweise gar nicht, wie viele Leute an den drei Fortis-Standorten in der Region einst gearbeitet haben. Wer historisches (Bild-)Material oder Informationen zu Fortis hat, darf sich somit gerne an der Lindenstrasse melden und vielleicht damit zur geplanten neuen Firmengeschichte einen Beitrag leisten.