An der Ecke Jurastrasse/Maria-Schürerstrasse sollen zwei Einfamilienhäuser gebaut werden. Vor etwas mehr als einer Woche begann man mit dem Aushub. Als Erstes wurde der Humus abgetragen, und da stellte man fest, dass diese Parzelle schon früher einmal «bewohnt» war, genauer gesagt im 2. Jahrhundert nach Christus.

Man stiess nämlich auf Mauerreste. Also wurde die Kantonsarchäologie aktiv und begann mit Ausgrabungen. Man fand eine etwas mehr als 5 Meter lange, ca 60 Zentimeter breite und an gewissen Stellen über einen Meter hohe Mauer aus gebrochenen Steinen.

Rückblende: Im Juli 2011 fand man auf der westlichen Seite der Maria- Schürer-Strasse Überreste eines römischen Ökonomiegebäudes aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. Mirjam Wullschleger, Leiterin der römischen Abteilung bei der Kantonsarchäologie, hatte nach der Auswertung der Ausgrabung, bei der man interessante Fundstücke wie Fibeln, ein römisches Klappmesser und Hundeskelette ans Licht brachte, die Vermutung geäussert, dass man vielleicht im benachbarten Gebiet auf das Haupthaus stossen könnte, also die römische Villa, die villa rustica, zu der das Ökonomiegebäude gehörte.

Und da man wusste, dass östlich der Maria-Schürer-Strasse gebaut werden würde, behielt man das Gebiet im Auge. Zumal schon bekannt war, dass bereits im Jahr 1911 beim Bau des Landwirtschaftsgebäudes Ris Mauern und Fundamente aus römischer Zeit gefunden worden waren.

Zweck des Gebäudes unbekannt

«Höchstwahrscheinlich handelt es sich beim neusten Fund auch nicht um das Haupthaus», erklärt Mirjam Wullschleger, und Grabungsleiterin Simone Mayer ergänzt, dass man bis jetzt nicht sagen könne, um was für ein Gebäude es sich hier handle.

«Aber wir wissen, dass es hier noch einen älteren Horizont gibt, also das Gebiet schon in der frühen Römerzeit besiedelt war», so Wullschleger. Gewisse Fundstücke jedenfalls weisen darauf hin.

So hat man unter anderem ausserhalb des Gebäudes eine Fibel – eine Art Sicherheitsnadel, mit der Gewänder zusammengehalten wurden – gefunden, die eher dem 1. Jh. n. Chr. zuzurechnen sei.

Im Innern des Gebäudes hingegen stiess man auf zwei Fibeln jüngeren Datums, wahrscheinlich aus dem 2. Jh. n. Chr., und eine Münze. Diese Fundstücke müssen aber zuerst komplett freigelegt werden, bevor man Näheres darüber sagen könne.

Erstmals stehende Mauer

«Das wirklich Überraschende hier ist allerdings die Tatsache, dass wir hier erstmals aufgehendes Mauerwerk gefunden haben, also eine etwas höhere Mauer», so Mirjam Wullschleger. Vor vier Jahren war man nämlich «nur» auf Fundamente gestossen.

Allerdings: Die Freilegung der Mauer erweist sich alles andere als einfach, denn die Zwischenräume der Steine sind mit lockerem Schwemmmaterial aufgefüllt. Der Mörtel oder Lehm, mit dem die Steine ursprünglich zusammengebaut wurden, ist längst herausgeschwemmt.

«Es ist fast so, wie bei dem Spiel ‹Jenga›, bei dem man vorsichtig Hölzchen herausziehen muss, ohne das Ganze zusammenstürzen zu lassen», sagt Archäologe Fabio Tortoli schmunzelnd. Hier sei es ähnlich: Bewege man den falschen Stein, drohen grössere Teile der Mauer einzustürzen.

An der östlichen Ecke jedenfalls hat sich schon ein grösserer Riss gebildet und Grabungsleiterin Simone Mayer hofft, dass Zeichner Francesco Boucard diesen Teil der Mauer noch rechtzeitig erfassen kann, bevor die eine Ecke komplett wegbricht.

Grabungstechniker Martin Bösch jedenfalls gibt sich alle erdenkliche Mühe, nicht zu viel Material aus den Zwischenräumen zu entfernen, weil jedes Steinchen eines zu viel sein könnte.

Von dieser gut sichtbaren Mauer verlaufen rechtwinklig in Richtung Norden dunklere, gerade Verfärbungen, die darauf schliessen lassen, dass hier beispielsweise Holzbalken gelegen haben.

«Es ist gut möglich, dass das Gebäude nur im südlichen Teil auf eine Mauer gestützt war und die Seitenwände westlich und östlich nur auf Holzbalken auf gebaut waren», so die Grabungsleiterin.

Aber auch entlang der südlichen Mauer gibt es innen und aussen deutliche Verfärbungen und sogar Überreste von Holz. Man könne aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich hier um eine Art Verschalung der Mauer oder um die Überreste eines noch älteren Gebäudes handle.

Suche mit Metalldetektor

Im nördlichen Teil, entlang der Böschung vor einem Block, der in den 60er-Jahren gebaut wurde, ist der Zeichner damit beschäftigt, die verschiedenen Erdschichten zu erfassen.

Unter der Humusschicht befindet sich eine Schicht, in der viele Ziegelbruchstücke gefunden wurden, allerdings auch solche aus neuerer Zeit. «Es gab sogar solche mit dem Stempel einer Ziegelei aus der Nähe», sagt Simone Mayer lachend.

Ob dahinter eine weitere Mauer liegt, also der nördliche Abschluss des Gebäudes, bleibt offen, denn so weit kann man nicht graben.

Fabio Tortoli trägt vor der nördlichen Begrenzung Schicht um Schicht des Untergrunds ab, nachdem er mit einem Metalldetektor nach weiteren Schmuckstücken oder Münzen gesucht hat.

Noch etwa bis zum Montag werden die Experten der Kantonsarchäologie vor Ort bleiben und weitergraben. Insbesondere im Innern des Gebäudes will man noch in die Tiefe graben und die tatsächliche Höhe der Mauer feststellen.

Danach fahren die Bagger auf und werden den Aushub für die Einfamilienhäuser vornehmen. «Archäologie ist eben keine abschliessende Wissenschaft: Wir müssen uns mit dem begnügen, was erhalten geblieben ist», erklärt Mirjam Wullschleger.

Wo aber liegt denn jetzt die Villa? «Gut möglich, dass sie sich da befindet, wo jetzt die Blöcke stehen, also nordöstlich des jetzigen Fundortes. Auch möglich, dass sie sich östlich von hier im Garten des Grundstücks Ris befindet, denn wir wissen zwar, dass man damals 1911 Mauerreste gefunden hat, aber wir wissen nicht, was für welche.»

Das Geheimnis über den römischen Gutshof ist also doch noch nicht ganz gelüftet.