«Selber schuld», denke ich, als die Seitentür des Flugzeuges aufgeht und die ersten Leute herausspringen. Das war schon vor mehr als 20 Jahren so, als das Bungee Jumping aufkam. Wer machte damals den Erlebnisbericht und sprang mit dem Gummiseil um die Füsse ins Nirvana? Dass ich auf der Redaktion den Ruf habe, jede Dummheit mitzumachen, muss ich mir selber zuschreiben. Warum habe ich auch nur das Foto ins Facebook gestellt, wie ich im Pantanal ein Krokodil beim Schwanz gepackt habe? Und dann auch noch verschwiegen, dass der einheimische Führer das Tier mit einem Stück Fleisch abgelenkt hatte. Klar, wen die Redaktion als Freiwilligen zum Fallschirmspringen schickt.

Dann geht alles sehr schnell. Kaum gestartet sind wir mit dem neuen Flugzeug von Skydive schon über den Wolken angelangt. Hier ist es fast so bequem, wie in einem Linienflug von Skywork, nur dass keine Drinks serviert werden. Können wir mit dem PAC nicht noch ein paar Runden drehen? Die Wandfluh sieht von hier oben so schön aus. Unten in Grenchen werden die Leute sicher nichts dagegen haben, denn das neue Flugzeug der Fallschirmspringer ist bedeutend leiser als das alte.

Aber es gibt kein Zurück. Ich sitze auf einer Türschwelle, 3800 Meter über Grenchen, und meine Füsse baumeln im Himmel. Wenn ich hinunterschaue, dann sehe ich Google Earth, soweit das Auge reicht. Festgezurrt bin ich an Toby Zumsteg hinter mir. Wieviele Sprünge hat Toby schon gemacht? Mehr als 4000. Und er lebt noch. Noch viel wichtiger: Er sieht aus, als ob er Freude am Leben hat.

Ich habe Toby zugesehen, wie er den Fallschirm gefaltet hat. Das war sehr sorgfältig. Als er unsere Ausrüstungen zusammen verschlaufte, hat er alles doppelt und dreifach überprüft. Ich entschliesse mich also, zu vertrauen. Na dann, dann werde ich eben meinem Ruf als «abverheitem Chuck Norris» wieder einmal gerecht. Ich schaue in die Sonne und stürze mich in den Abgrund.

Meinen Schrei der Panik dürfte man sogar noch unten auf dem Flugplatz gehört haben. Der freie Fall ist unerträglich, bis sich nach einigen Sekunden ein seltsames Sicherheitsgefühl einstellt: Bei 200 Stundenkilometer ist der Luftwiderstand so gross, dass man wie auf Kissen liegt. Zeit, sich umzuschauen. Der Blick schweift vom Neuenburgersee bis zu den Alpen. Nur die Tribüne im Stadion Brühl wird seltsamerweise rasant grösser. Mit einem Klopfen auf die Schultern kündigt Toby Zumsteg an, dass er jetzt den Fallschirm öffnen wird.

Der Fallschirm greift und die Erleichterung ist unbeschreiblich. Toby gibt mir die Leinen in die Hand und ich darf selber ein wenig steuern. Dann übernimmt er wieder die Kontrolle. Die Landung ist sanft und präzise beim Kreuz im Rasen neben dem Häuschen von Skydive, wo ich mit Gratulationen empfangen werde.

Mit festem Boden unter den Füssen werden die Gedanken geordneter. Drei Dinge muss ein Mann im Leben tun, sagt ein geflügeltes Wort: Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen. Manche fügen als Viertes noch «ein Buch schreiben» hinzu. Einen Fallschirmsprung mit Skydive in diese Liste aufzunehmen, ist sicher auch kein Fehler.