Boris Banga

Banga: «Ich habe mich schwergetan, zu kandidieren»

Boris Banga: «Mich stört das mangelnde Selbstbewusstsein. Denn eigentlich können wir stolz sein auf unsere Stadt.»

Boris Banga: «Mich stört das mangelnde Selbstbewusstsein. Denn eigentlich können wir stolz sein auf unsere Stadt.»

20 Jahre im Amt: Im Interview lobt Stadtpräsident Boris Banga «sein» Grenchen, übt Kritik an anderen, aber auch an sich selbst.

Boris Banga sitzt zurückgelehnt am grossen Sitzungstisch im Hôtel-de-Ville. Die Themenliste wurde dem Stadtpräsidenten vor dem Interview zugestellt. Er hat sich vorbereitet, liest sich die einzelnen Themenpunkte gleich selber vor. Auf die Zusatzfragen antwortet er offen, direkt und manchmal mit einem Augenzwinkern. Seit 1991 ist der gebürtige Basler Stadtpräsident von Grenchen, der zweitgrössten Gemeinde im Kanton Solothurn. Mit 61 Jahren will er jetzt nochmals in den Nationalrat, wo er bereits von 1995 bis 2007 aktiv war. Davor amtete er auch als Kantonsrat. Das vergangene Jahr war für den Stadtpräsidenten kein einfaches, und auch das laufende dürfte es nicht werden. Über die Vergangenheit zu reden, bereitet ihm keine Mühe, die aktuellen Vorwürfe wegen Führungsmängeln würde er hingegen lieber nicht ansprechen. Gefragt haben wir ihn trotzdem.

Boris Banga, zwei Jahrzehnte haben Sie als Stadtpräsident überblickt. Wo liegen heute die Stärken Grenchens?

Boris Banga: Die Uhrenindustrie ist unser Hauptmotor. Daneben verfügt Grenchen aber auch über zahlreiche Hightech-Unternehmen. Unser Spektrum ist grösser als vor 20 Jahren. Das wirkt wie ein Cluster, der weitere Betriebe anziehen kann. Und mit der A5, dem Flughafen und den beiden Bahnhöfen hat sich auch die verkehrstechnische Lage massiv verbessert. Im Gegensatz zu früher ist es heute einladend, wenn man von der Autobahn nach Grenchen kommt. Dass die öffentliche Hand investiert hat, hat auch Private nachziehen lassen – heute sind in der Innenstadt viele Gebäude renoviert. Rückblickend ist es grossartig, was alles passiert ist.

Und die Schwächen?

Am meisten stört mich das mangelnde Selbstbewusstsein. Vielleicht ist die damalige Uhrenkrise schuld. Dabei können wir stolz auf unsere Stadt sein.

Haben Sie sich in den 20 Jahren Ihrer Amtszeit persönlich verändert?

Ich bin ruhiger geworden, bin reifer geworden. Aber natürlich bin ich auch immer ein Mensch geblieben, der seine Schwächen und Fehler hat.

Fehler?

Ich bin ein ungeduldiger Zeitgenosse, und habe wohl teilweise zu wenig Nachsicht mit politischen Konkurrenten (lacht). Wenn man zwei Jahrzehnte lang dabei ist, kommen gewisse Themen eben immer wieder, und das ermüdet. Wir haben zum Beispiel zwei- oder dreimal über die politischen Strukturen debattiert...

Auch jetzt wieder, wenn es um Ihre Führungsspanne geht, oder darum, dass Sie nochmals in der Bundespolitik mitmischen möchten.

Ja, und für die Überprüfungen haben wir immer wieder relativ viel Geld ausgegeben. Letztlich hat sich wenig verändert. Ich bemühe mich, dass die Pferde nicht mehr so häufig mit mir durchgehen.

Ist die Politik rauer geworden?

Das würde ich so nie sagen, denn ich weiss nicht, ob ich nicht selbst einfach eine dünnere Haut habe heute. Die Politik ist komplizierter geworden. Es gibt mehr Player, und es hat eine Zersplitterung stattgefunden. Mit zwei grossen und einer kleinen Partei hat man früher einfacher Kompromisse gefunden.

Dann war es einfacher als Stadtpräsident vor 20 Jahren?

Es war für alle einfacher. Letztlich ist es mir aber einfach wichtig, klarzustellen, dass man in der Gemeinde immer einen Konsens finden und eine Lösung haben muss. Das ist nicht Bundes- oder Kantonspolitik, wo man einfach eine Abstimmung lancieren kann und es dann gegessen ist. Mich dünkt, es wird heute in unserer Gemeinde weniger Sachpolitik betrieben. Andererseits sind Schwierigkeiten auch normal in einer Exekutive. Und wenn die Strukturen zersplittert sind, ist es klar, dass sich die Leute besser positionieren wollen. Dann kann es so aussehen, als ob es um Polemik geht.

Stichwort «positionieren». Sie werden wieder für den Nationalrat kandidieren. Was wollen Sie denn auf Bundesebene noch erreichen?

Auf Bundesebene ist es einfacher, gewisse Projekte durchzubringen. Beispiel A5: Als Nationalrat konnte ich die Rahmenbedingungen beeinflussen. Dass wir damals sämtliche Solothurner Parlamentarier und einen Teil der Berner zusammenführen konnten, half, das Problem der aus Kostengründen sistierten A5 zwischen Solothurn und Biel zu lösen. Als Stadtpräsident hätte ich nicht einmal eine Antwort erhalten.

Hätte es keinen Nationalrat Banga gegeben, gäbe es keine Autobahn?

Es ist nicht allein mein Verdienst. Aber es zeigt, was man als Nationalrat bewirken kann. Letztlich ist die A5 ein Kompromiss mit den Naturschützern. Da frage ich mich, warum ein Nationalrat Kurt Fluri nicht mehr Erfolg hat mit seinem Bähnli dort (Seilbahn Weissenstein, Anm. d. Red.). Aber das sollte man vielleicht nicht unbedingt schreiben.

Was sind die Projekte für den nächsten Nationalrat Boris Banga?

Ich habe da konkrete Vorstellungen. Einerseits ist mir die Verlängerung der Flughafenpiste ein grosses Anliegen, vor allem für die Geschäftsfliegerei. Zweitens hoffe ich auf genügend Gelder für unser Velodrom.

Eine Riesensache...

Damit hätten wir etwa fünf Fliegen auf einen Streich: Es gäbe nicht nur das Velodrom, sondern auch eine neue Osttribüne, ausserdem Infrastrukturen für die Leichtathleten. Die mia und das Schulturnen des BBZ hätten auch Platz. Und wir hätten – neben der tollen BMC von Andy Rihs – etwas von nationaler Bedeutung. Im Moment wird im Hintergrund viel gearbeitet – die Frage ist einfach, ob wir das Geld zusammenbringen.

Zurück zum Nationalrat: Die SVP will Doppelmandate verbieten. Was glauben Sie: Ist ein Doppelmandat problematisch?

Mit unserer Verkehrslage und den heutigen Kommunikationsmitteln ist das absolut machbar. Ich würde wahrscheinlich wieder viel Privatleben opfern. Deshalb habe ich mich auch schwergetan, zu kandidieren.

Aber Sie werden nicht mehr so viel in der Öffentlichkeit und bei den Vereinen präsent sein...

Es ist weniger die Öffentlichkeitsarbeit, die leiden könnte. Ich hätte weniger Zeit, mich den Geschäften persönlich zu widmen, und müsste mehr delegieren. In der Verwaltung habe ich aber sehr fähige Leute und unser System funktioniert.

Gab es nebst dem Positiven – der A5, dem Wakkerpreis, den beiden Museen und dem ZeitZentrum – auch Tiefpunkte?

Die Tiefpunkte wurden alle durch den Kanton verursacht. Da wäre die Zerschlagung des Spitals Grenchens über Würstlipolitik, sprich: Salamitaktik. Auch der Wegzug der Ingenieurschule durch die Zusammenführung der Fachhochschulen traf mich.

Ein Sorgenkind dürfte auch das Lingeriz bleiben, oder?

Ich habe etwas dagegen, wenn man vom Sorgenfall Lingeriz spricht. Aus meiner Sicht gibt es Probleme in «Grenchen West». Im Lingeriz gibt es von der Villa bis zum Einfamilienhaus alles – da ist nicht einfach jeder ein Problemfall. Sicher: Es gibt einige kritische Wohnblöcke, die gibt es auch im Ruffini. Man müsste wieder dort weiterfahren, wo es letztmals politisch gescheitert ist. Es gab Ideen für Quartiertreffpunkte und eine Art Quartierkoordinator. Doch die Kredite wurden vom Gemeinderat abgelehnt. Was soll ich da noch machen? Die Pläne für die verschiedenen Quartiermassnahmen wie «Läbigs Lingeriz» warten in der Schublade.

Der Ausländeranteil in Grenchen ist wohl auch kein Aushängeschild, gerade in Bezug auf Wohnqualität in gewissen Quartieren.

Auch mit dieser Frage habe ich Mühe. Es geht um Menschen. Man kann die Situation nicht ändern, die Leute müssen integriert werden und faire Chancen erhalten. Gefragt sind auch die Liegenschaftsbesitzer, und da sind wir strenger als manch andere Gemeinde. Immerhin zahlt unser Sozialamt heute den Vermietern den Mietzins nicht mehr direkt. Das Geld geht an die Bezüger, und die müssen es dann an die Vermieter zahlen. Das hat einiges bewirkt bei den Hausbesitzern, die sich ihre Klientel besser aussuchen müssen. Ausserdem: Es gibt doch wirklich in jeder Gemeinde Dinge, die nicht so attraktiv sind.

Die Ansiedlung neuer Gewerbebetriebe läuft noch nicht wunschgemäss. Auch weil der Stadt attraktive Raum- und Landangebote fehlen?

Im Moment gibt es einen Boom: Erst kam Otto’s, dann Aldi, dann Lidl und jetzt noch die neue Landi. Dennoch wäre ich froh um ein vielfältigeres Angebot im Non-Food-Bereich. Einen Erfolg hatten wir sicher mit der Ansiedlung von Créasphère und Lockstoff. Die Wirtschaftsförderung und die Stadt pflegen zudem gute Kontakte. Aber zugegeben: Diese Detailketten benötigen spezifische, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Angebote, und man kann nicht etwas suchen, wenn man nichts anzubieten hat. Inzwischen gibt es auch ein, zwei Neubauprojekte, die aber noch nicht spruchreif sind.

Nach 20 Jahren werden Sie hart angegriffen. Die Mobbing-Vorwürfe lasten schwer.

Grundsätzlich will ich keinen grossen Kommentar abgeben. Als Vorgesetzter bin ich nicht der Einfachste. Aber diese Mobbingvorwürfe lasse ich nicht auf mir sitzen. Punkt. Ich habe Fehler. Solche aber nicht.

Würden Sie eine weitere Überprüfung der Führungsstrukturen unterstützen?

Ich wäre tatsächlich froh, wenn man überprüfen würde, ob man die Führungsspanne verkleinern kann. In den letzten Jahren wurde stets lamentiert, ich hätte eine viel zu grosse Führungsspanne. Zwar werden jetzt die Rettungsdienste zusammengeführt, allerdings sind mir fünf neue Schulleiter, die Schulverwaltung und eine Fachkommission unterstellt. Die letzten 20 Jahre hatte ich immer zwischen 10 und 13 Direktunterstellte – heute sind es deutlich mehr. Ich bin für alles offen, die Führungsspanne ist mir nicht so wichtig. Ich bin einer, der von Hierarchien nicht viel hält.

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