Als wir an der Stierenberg-Chilbi waren, packte mich unvermittelt die Wanderlust. Warum nicht zu Fuss zurück in die Stadt an diesem schönen Spätsommermorgen. An die Reaktion meiner nicht mehr ganz jungen Kniegelenke beim nicht ganz unerheblichen Abwärtslaufen dachte ich da noch nicht. Diese riefen sich dann von selber in Erinnerung. Zum Glück konnten wir unterwegs in den Bus einsteigen.

Wenn man weiss wo. Eine Haltestellentafel sucht man nämlich für die meisten Busstationen auf der Bergstrasse vergebens. Man muss schon wissen, wo der Bettlerank, das Wäsmeli oder der Fuchsboden liegen, wenn man da auf den Bus warten will. Es sind Busstationen für Insider, sozusagen. Richtig Harry-Potter-mässig. Probleme habe es allerdings deswegen noch nie gegeben, versichert man beim BGU. Denn meistens steige dort nur jemand aus, nicht ein.

Man weiss es ja nicht erst seit dem ominösen Film. Grenchner bleiben gerne unter sich. Und man weiss hier schon, wo was ist. Beispielsweise, dass sich im Holzpavillon auf dem Marktplatz hinter der neu grasgrün gestrichenen Pendeltür ein Pissoir befindet, das weiss offenbar jeder Grenchner. Aber für so grundlegende Bedürfnisse könnte man vielleicht den Auswärtigen zumindest einen Tipp geben, wenn man es schon nicht anschreibt. Vielleicht die Tür gelb streichen, statt grün?

Apropos Marktplatz. Haben Sie die neuen Versuchsstühle schon ausprobiert? Ja, wirklich, ein löblicher Versuch. Aber irgendwie wurden die Stuhlpaare so eng zusammengekettet, dass man sich etwas komisch vorkommt. Entweder man sitzt nebeneinander, so nah beisammen wie in einem Billigflieger, oder man wendet sich beim Reden den Rücken zu. Also ziemlich gewöhnungsbedürftig. Wer vis-à-vis sitzen möchte, muss schon zwei Stuhlpaare bemühen. Oder ein gemischtes Doppel bilden. Vielleicht ist das ja die Idee dahinter? Also Grenchnerinnen und Grenchner: Rottet Euch zusammen und geniesst das neue Wir-Gefühl.

Dies wird sich hoffentlich in einer Woche am Grenchner Fest einstellen. Die Schaufenster laden schon zur Zeitreise in die Fünfziger ein. Ja damals, als die Welt noch in Ordnung war und Grenchen wahrhaft goldige Zeiten erlebte, als es nur zweierlei Leute gab, Mann und Frau, jeder wusste, was er zu tun hatte und die Leute nicht im Internet das Maul verrissen, wenn der BGU einen Tag lang durch die Bettlachstrasse fuhr.

Ja, kein Witz. Diese Dünnhäutigkeit bei allerkleinsten Komforteinbussen heute, wo wir ja scheints in einer so toleranten Zeit leben. Ältere Grenchner, welche noch die Uhrenkrise der 70er erlebt haben, fragten sich zu Recht: Was machen solche Leute, wenn mal richtige Probleme auf sie zukommen?

Resilienz nennen Fachleute die Fähigkeit von Menschen, mit Situationen umzugehen, wo es nicht nach ihrem «Gring» läuft. Könnte es sein, dass wir das heute verlernt haben? Da könnten Grenchner, die in den 50ern schon erwachsen waren, sicher auch einiges erzählen. Von der Wohnungsnot, als man in halb fertige Häuser einzog, von den damaligen Löhnen und Arbeitszeiten, sozialer Kontrolle und strenger Disziplin. Und wie man offenbar trotzdem das Leben ziemlich gut geniessen konnte.