Grenchen/Bettlach
Auslaufmodell: Händler vermiesen den beliebten Bring- und Hol-Tag

Gut organisierte Händler von Gebrauchtwaren machen den Organisatoren das Leben schwer. In Grenchen machte man kurzen Prozess und schaffte den Bring- und Hol-Tag ab. In Bettlach will man ihn nochmals durchführen und nachher weiterschauen.

Oliver Menge
Drucken
Teilen

Eigentlich wäre es ja eine ganz gute Sache. Darin sind sich im Grunde alle einig. An einem bestimmten Tag kann man Dinge, welche man selber nicht mehr benötigt, an einen bestimmten Ort bringen, wo sie dann von Leuten, welche noch Verwendung dafür finden, wieder abgeholt werden können. Ein einfaches Prinzip von Recycling, könnte man meinen, das in der Region in etlichen Gemeinden durchgeführt wird.

Mehr und mehr steht aber an manchen dieser Bring- und Hol-Tage vor allem das Geschäft im Vordergrund, welches manche mit den nicht mehr benötigten Dingen machen möchten. Denn längst sind es nicht mehr nur Einheimische, welche die Sachen für eine «Zweitverwertung» abholen, sondern Auswärtige, die das vermutlich als reines Geschäft im grossen Stil betreiben, erklärt Andreas Baumgartner, der seit etlichen Jahren für den Bettlacher Bring- und Hol-Tag zuständig ist.

«Es ist gewaltig, was da an Material zusammenkommt. Für einige Leute ist es wahrscheinlich auch eine billige Art der Entsorgung.» Nebst Büchern, Spielsachen, Küchenutensilien und Gebrauchsgegenständen finden sich auch ab und zu skurrile Dinge: «Einer wollte mal seine Waffen bringen, die haben wir aber nicht angenommen, wir haben ihn an ein Waffengeschäft verwiesen,» so Baumgartner.

So oder so, gewisse Regeln gebe es: «Sachen, die defekt sind, nehmen wir nicht. Mist, der offensichtlich für niemanden mehr einen Wert hat, nehmen wir nicht. Wir wollen intakte Waren, die eventuell noch jemand gebrauchen kann. Und manchmal sind richtige Antiquitäten dabei.»

Zu Stosszeiten wirds eng

Der Bettlacher Bring- und Hol-Tag erfreut sich grosser Beliebtheit. Zu Stosszeiten sind manchmal gegen hundert Personen beim Werkhof und «schneuggen» im Angebot. Darunter viele Auswärtige. «Da tauchen regelmässig dieselben Köpfe auf», weiss Baumgartner. «Einer kommt regelmässig seit Jahren, mit Fribourger Kennzeichen am Lieferwagen. Der schichtet dann seinen Haufen auf, holt den Wagen und lädt das Zeugs ein. Auch Autos mit französischen Nummernschildern habe ich regelmässig gesehen. Oder Leute aus Osteuropa, welche die Dinge einsammeln und sie mit Sicherheit dorthin verkaufen.»

Brockenstuben: Wohin mit dem Zeug? Wo findet man Gebrauchtes?

Wer schon mal eine Wohnung räumen lassen musste, der weiss, dass manche Brockenstuben und Abholdienste längst nicht mehr alles mitnehmen. Möbel, Polstermöbel, Betten, Schränke und sonstige sperrige Dinge werden oft stehen gelassen, weil diese Abholer nicht damit rechnen, sie weiterverkaufen zu können. Kleinere Dinge, Küchenutensilien, komplette Sets von Gläsern oder Geschirr sind eher gefragt.

Mehr Glück hat man zum Beispiel auch mit Kinderkleidern und Spielsachen, für die es immer wieder spezielle Börsen gibt. Auch für getragene Kleider bieten sich diverse Secondhand-Shops an. Ansonsten lohnt es sich, mit einer der Brockenstuben in Grenchen und Umgebung Kontakt aufzunehmen und nachzufragen.

Was zurzeit gefragt ist, zeigt ein Blick in die Auslage, zum Beispiel in der Brockenstube der Gemeinnützigen Gesellschaft Grenchen an der Bündengasse: «Wir haben viele Kleinmöbel, Geschirr, Bilder, Spiegel, Lampen, Tisch- und Bettwäsche und Nippsachen», sagt die Leiterin Anne-Lise Widmer. Ab und zu finde man auch edle Stücke, «wobei diese werden in der Regel nicht alt bei uns», sagt sie. Vor allem Kleinmöbel aus speziellem Holz oder echte 50er-Jahre-Stücke seien sehr gefragt. «Aber das Meiste sind Dinge für den Alltagsgebrauch, wie Pfannen und Lampen, welche wir oft an Jüngere verkaufen, die keine Lust auf Ikea-Interieur haben.» Der Erlös aus dem Verkauf kommt vollumfänglich gemeinnützigen Zwecken zugute. (om)

Zimperlich werde da jeweils nicht miteinander umgesprungen, manchmal müssten die Verantwortlichen sogar Schlägereien verhindern. «Der Run auf die angelieferten Sachen ist riesig. Man muss darauf achten, dass die Dinge nicht schon direkt aus den Kofferräumen der Autos ‹weggestohlen›, sondern zumindest auf einen der Tische gestellt werden. Aber dann laufen die Personen, die man vorher in die Schranken verwiesen hat, einem einfach hinterher. Und kaum hat man den Gegenstand hingestellt, wird er wieder weggetragen.»

Er habe vor einigen Jahren damit begonnen, den «Bösen» zu spielen. «Ich jage die Schnäppchenjäger weg. Alles soll auf den Markt, für jedermann zugänglich.»

Was nicht weggeht, wird am Ende des Tags entsorgt. «Jeweils ca. um 14 Uhr beginnen wir mit Triage: Metall, Glas, Elektroschrott, Kehricht. Werner Stämpfli, unser Kehrichttransporteur, macht den Ghüdertransport seit Jahren gratis. Wir bezahlen nur die Abfallmenge, knappe 2 Tonnen, je nachdem wie viele Möbel dabei sind.»

Zukunft ist fraglich

Die Infrastruktur und Organisation übernimmt die Gemeinde. Die Feuerwehr stellt das Personal, regelt den Verkehr und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Das kostet: Rund 4000 Franken muss Bettlach für den einmal im Jahr stattfindenden Bring- und HolTag aufbringen. Dass es in der dafür zuständigen Kommission zu Diskussionen darüber kommt, ob man den Tag auch in Zukunft durchführen will, ist unter diesen Gesichtspunkten verständlich. Insbesondere, weil man in den Nachbargemeinden dieselben Probleme hat und bereits reagierte.

Grenchen machte an der letzten Gemeinderatssitzung kurzen Prozess und beerdigte den Bring- und Hol-Tag diskussionslos. Stadtbaumeister Claude Barbey begründete den Vorschlag der Baudirektion damit, dass die seit 1994 regelmässig durchgeführte Aktion beim Werkhof ihren Zweck nicht mehr erfülle und von Gruppen missbraucht werde, welche alles brauchbare Material sofort abtransportierten. Übrig bleibe nur noch schlechte Ware. «So macht es keinen Sinn mehr», meinte Barbey. Brauchbares werde jetzt vielmehr im Internet verhökert.

In Bettlach will man den Bring- und Hol-Tag in diesem Jahr nochmals durchführen, und zwar am zweiten Septemberwochenende. «Danach werden wir die ganze Sache nochmals überdenken. Denn der Gemeinde bringt es im Grunde nichts – ausser Kosten und Umtrieben.» Und für die Bevölkerung bestünden genügend andere Möglichkeiten, ihre nicht mehr gebrauchten Dinge zu entsorgen, sei es beim Werkhof oder bei einer der regionalen Brockenstuben.

Aktuelle Nachrichten