Grenchen
«Ausländer sind nicht das einzige Problem bei der Sozialhilfe»

Die Sozialhilfequote Grenchens ist um etwa die Hälfte kleiner, als die von Biel, obwohl sich beide Städte von der Bevölkerungsstruktur her sehr ähnlich sind. Sozialamtschef Kurt Boner findet die Erklärung hierfür in einer Vielzahl von Gründen.

Andreas Toggweiler
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Kurt Boner, Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg: «Am westlichen Jurasüdfuss ist die Sozialhilfequote generell höher.»

Kurt Boner, Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg: «Am westlichen Jurasüdfuss ist die Sozialhilfequote generell höher.»

Hansjörg Sahli

Grenchen ist auch 2013 wieder bevölkerungsmässig gewachsen. Wie viele Neuzuzüger allerdings Unterstützung vom Sozialamt brauchen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Klar ist aber: Grenchen hat für seine Bevölkerungsstruktur eine relativ geringe Sozialhilfequote.

Dies zeigt ein vergleichender Bericht, den die Stadt Biel im Dezember veröffentlicht hat. Als Stadt mit der höchsten Sozialhilfequote der Schweiz (über 12 Prozent der Einwohner werden unterstützt) liess man die Faktoren, die dazu führten, untersuchen und stellte Vergleiche mit anderen Städten und Gemeinden in der Region an, darunter auch Grenchen.

Obwohl Biel ein Mehrfaches grösser ist, zeigen sich in verschiedenen Bereichen Parallelen: Beim Ausländeranteil, beim Leerwohnungsbestand, beim Ausbildungsstand der Einwohner oder bei der Arbeitslosenquote weisen die beiden Jurasüdfussstädte ähnlich hohe Werte aus.

Industrielles Umfeld prägend

Nicht jedoch bei der Sozialhilfequote: Diese ist in Grenchen mit 6,6 Prozent praktisch nur halb so gross wie in Biel mit 12,5 Prozent. «Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2011 und sind in Grenchen inzwischen wohl einiges höher», gibt Kurt Boner, Chef der Sozialen Dienste Oberer Leberberg (SDOL), zu bedenken. Trotzdem ist der Unterschied signifikant.

Die Sozialhilfequote 2011 im Vergleich

Die Sozialhilfequote 2011 im Vergleich

Guido Savian

Boner betont, dass die Sozialhilfequote am westlichen Jurasüdfuss generell höher sei. «Dies hängt mit dem industriellen Umfeld zusammen, wo relativ viele Ungelernte beschäftigt werden, dem hohen Leerstand bei Mietwohnungen und dem hohen Ausländeranteil. Das geht alles meistens Hand in Hand.»

Während in Biel allerdings viele (französischsprachige) Schwarzafrikaner leben, kommen die Grenchner Ausländer tendenziell aus dem Balkan und der Türkei. Auch sammeln sich vorläufig Aufgenommene in der Region, wie die Ecoplan-Studie zeigt.

Andere «Behördenkultur»

Wenn all diese Faktoren in Biel und Grenchen ähnlich sind, warum sind dann die Sozialhilfequoten so unterschiedlich? «Der Ausländeranteil hat jedenfalls allein keinen Einfluss», betont Boner.

Als massgebend beurteilt er eine andere (Behörden-) Kultur im Umgang mit «Kunden» des Sozialamts. Es brauche eine stärkere Ausrichtung auf die individuellen Lebenssituationen und eine Konzentration auf besonders gefährdete Gruppen. «Zweimal hinzuschauen, lohnt sich meistens.»

Und was sieht man da? «Unser spezielles Augenmerk gilt Jugendlichen und jungen Erwachsenen.» Es genüge nicht, nur eine Tagesstruktur (z. B. ein Beschäftigungsprogramm) zu vermitteln.

«Sie brauchen vor allem Bildung und soziale Fähigkeiten, damit sie überhaupt im Arbeitsmarkt Fuss fassen können.» Grenchen verfüge über eine gut entwickelte Frühförderung der Kinder, was sich präventiv auszahle.

Ältere Arbeitnehmer, welche keine Stelle mehr finden, seien hingegen in einer Sozialfirma gut aufgehoben, wo sie noch eine gewisse Wertschöpfung erzielen könnten.

Keine «Giesskanne»

Grenchen richtet zudem im Unterschied zu Biel keine Gelder direkt an Wohnungsvermieter aus. Die Liegenschaftseigentümer müssen sich selber um die Bonität ihrer Mieter kümmern, was auch präventiv wirke.

In Grenchen sieht Boner zudem das Problem vernachlässigter Liegenschaften verhältnismässig geringer «Bei den einschlägigen Liegenschaften gibt es immer noch gut gemangte.»

«Keine flächendeckende Ausschüttung von Leistungen und ein gewisses Gegenleistungsprinzip, das sind meine Hauptanliegen bei der Sozialhilfe», betont Boner, der neu auch Präsident der Konferenz der Solothurner Sozialregionen (Regionale Sozialämter) ist.

«Wir haben in den SDOL auch innerhalb der Solothurner Sozialregionen vergleichsweise tiefe Kosten», erklärt Boner. Auch die hohe Fluktuation in der Sozialhilfe sei ein weiteres Qualitätsmerkmal.

Ein gewisses Problem bei den Sozialregionen sieht Boner darin, «dass kein oder wenig Anreiz besteht, es besser zu machen, weil die Kosten auf die Gesamtheit der Gemeinden verteilt werden.»

Auch der Einwohnergemeindeverband (VSEG) sei gefordert, die Sozialregionen enger und verbindlicher zu begleiten. Erste ermutigende Gespräche hätten bereits stattgefunden.

Initiative als Weckruf

Zuletzt: Wie steht Boner zur Zuwanderungs-Initiative der SVP? – «Ich habe erwähnt, dass das Merkmal Ausländer nicht das einzige Problem bei der Sozialhilfe ist», betont er. Allerdings habe man in der Schweiz eine Phase von relativ ungebremster Einwanderung hinter sich.

«Dabei wurde vergessen, dass wir die Einwanderung nicht nur quantitativ zu steuern haben, sondern durchaus auch im qualitativen Bereich.» Es gebe aber Probleme, welche es so oder so anzuschauen gelte.

Darunter den Familiennachzug, der zu einem Zustrom von Ungebildeten, bis hin zu Analphabeten, führe. Dass solche Personen bald einmal in der Sozialhilfe landen können, ist naheliegend. «Wenn die Diskussion über die Initiative hilft, das zu thematisieren, ist das ein willkommener Weckruf», so Boner.