Stadtbummel Grenchen

Aufgelockerte Bewölkung nach der Coronakrise

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Erst war ich noch mittendrin im Lockdown, was so viel geheissen hat wie zu Hause bleiben, wenn möglich. Aber auch Zeit haben für alle Dinge, die man aufgeschoben hat, weil die Zeit fehlte oder weil man lieber an der Aare sass, anstatt Fenster zu putzen. Hörte man Radio, schaute man TV, fühlte man sich mittendrin in der Pandemie, in der Coronakrise, das Wort «Virus» war allgegenwärtig und eine gewisse Hilflosigkeit, ja Ermüdung stellte sich mit der Zeit denn doch ein.

Und auf einmal sind wir wieder gelockerter unterwegs. Sitzen in gebührendem Abstand voneinander an Beizentischen, flanieren über den Grenchner Märet, der auf einmal viel grosszügiger daherkommt als vorher, weil die einzelnen Marktstände ebenfalls Abstand halten müssen. Wir grüssen maskierte Bekannte, sofern wir sie denn erkennen, und stellen fest, dass eben doch noch nicht alles ist wie vorher. Und dass es gut sein kann, dass wir uns noch eine längere Zeit an diese «neue Normalität» gewöhnen müssen.

Wir hören nun vermehrt die Worte «Rezession», «Arbeitslosigkeit», «Insolvenz», «Kurzarbeit», «Existenzangst» «Milliardenhöhe» und begreifen langsam, dass alle diese Begriffe zur «neuen Normalität» gehören und dass es dagegen ebenfalls keine Impfung, geschweige denn ein wirksames Medikament gibt. Was ist denn nun übrig geblieben von meinem persönlichen Lockdown? Unzählige gelesene Bücher, die ich demnächst dem wieder geöffneten Bücherschrank zuführen will. Dreizehn angefangene kleine Collagen samt dazugehörenden Bilderrahmen, alle vor Jahren im Brocki gefunden. Eine Unmenge von Zetteln mit Notizen, Gedichten, Alltagsbeschreibungen und Kochrezepten.
Noch nie habe ich so häufig gekocht wie in den vergangenen Wochen, und ich muss gestehen, dass ich dabei viel gelernt habe. Nicht alles, was auf den Tisch kam, glich auch nur im Entferntesten dem Hochglanzbildli des abgebildeten Rezeptes. Einmal mehr ist mir klar geworden, dass man den Beruf des Kochs keinesfalls unterschätzen sollte.

Geblieben ist auch eine leise Hoffnung, dass wir aus dieser Krise etwas lernen, dass eine gesunde Verlangsamung uns nicht zwangsläufig ärmer, sondern eher gestärkter machen könnte, dass die grosse Solidaritätswelle mehr als ein schöner Traum gewesen ist. Mir ist aber auch völlig klar, dass alle, die im Moment von Existenzängsten geplagt sind, und das sind viele, sich nichts sehnlicher zurückwünschen als ihr altes Leben.

Ja, die Läden sind wieder geöffnet, wir sollten shoppen gehen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Wir sollten Kleider kaufen, um beispielsweise den Näherinnen in Bangladesch ein Mindesteinkommen zu ermöglichen. Wir sehen besser denn je, wie alles mit allem zusammenhängt in unserer digitalisierten Welt. Ein kleiner Teufelskreis also. Auch in Grenchen wird es in naher Zukunft wieder ein Geschäft weniger geben. Die hiesige Filiale von «Créasphère» wird geschlossen. Einen weiteren Laden mit ähnlichem Angebot gibt es in Grenchen nicht. Für die dortigen Verkäuferinnen heisst das Arbeitslosigkeit.

Und dann gibt es Demonstranten, Verschwörungstheoretiker, die uns weismachen wollen, wer Schuld trägt an dieser Krise, die schreiend ihre demokratischen Rechte zurückfordern. Ob sie wohl wissen, wie es sich anfühlt, in einer Diktatur leben zu müssen? Da versammeln sich Menschen aus allen Schichten, aber auch solche, die behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist, Aluhüte aufsetzen, die gegen Viren schützen sollen, kurz, da braut sich etwas zusammen, das mich weit mehr ängstigt als das Virus. «Herr, schick Hirn vom Himmel», möchte ich rufen. Wohl wissend jedoch, dass der «Herr» sehr wahrscheinlich genug zu tun hat mit denjenigen, die seine Hilfe wirklich brauchen.Brigitte Stettler

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