Balm bei Messen

Auch der «König» von Balm hauste in diesem bäuerlichen Palast

Der Wohnstock mit dem ausgeprägten Laubengang, der mit Ausnahme der Südseite rund ums Haus führt.

Der Wohnstock mit dem ausgeprägten Laubengang, der mit Ausnahme der Südseite rund ums Haus führt.

Am Haus an der Lüterswilstrasse 15 lässt sich die Entwicklung der bäuerlichen Oberschicht in Balm bei Messen ablesen.

Im Jahrbuch 2017 der Archäologie und Denkmalpflege erhält ein Haus in Balm bei Messen besondere Aufmerksamkeit. Im Kapitel «Ein Wohnstock der bäuerlichen Elite des 19. Jahrhunderts» beschreiben die Archivarin Barbara Studer Immenhauser und Denkmalpfleger Markus Schmid das Haus an der Lüterswilstrasse 15. In ihrer Bilanz schreiben die Autoren: «Hinter seiner Baugeschichte steht eine begüterte bäuerliche Bauherrschaft.»

Der Wohnstock in der heutigen Ausprägung dürfte gut 200 Jahre alt sein und wurde vermutlich an Stelle eines wesentlich älteren Gebäudes errichtet. Erstmals erwähnt wird das Gebäude bei einer Erbteilung 1759 der Familie von Niklaus Schlup. Der neue Besitzer starb früh und seine Frau musste das Stöckli an ihren Schwager Adam (I.), der den danebenliegenden Hof erbte, verkaufen. Vermutet wird, dass das Stöckli im Hinblick auf eine Heirat des Sohnes, ebenfalls mit Namen Adam (II.), und der damit verbundenen Erbteilung 1792 von den Eltern bezogen wurde, während der Hof an die jungen Eheleute ging. Wahrscheinlich wurde das Stöckli bei dieser Gelegenheit umfassend saniert. Von diesem «neuen Stock» sei aber heute nichts mehr erhalten, so die Autoren.

Macht für die bäuerliche Elite

Einige Jahre später, 1798, marschierte Napoleon in der Westschweiz ein. Er beendete die alleinige Herrschaft des städtischen Patriziats über die ländlichen Untertanen. Bereits ab 1803 wurden zwar die Rechte der zuvor regierenden Patrizier zu einem grossen Teil wieder hergestellt. Anders als vor 1798 wurden nun aber auch die ländlichen Eliten an der Macht beteiligt. Dazu gehörte die Familie Schlup aus Balm. Es erstaune angesichts dieser Situation nicht, dass sich Adam (II.) und Elisabeth Schlup-Rätz zu Beginn der 1810er- Jahre entschlossen, den erst knapp 20 Jahre zuvor durch Adams Eltern neu errichteten Stock bereits wieder vollkommen erneuern zu lassen. Damit konnten sie noch besser als zuvor ihren neuen Status nach aussen sichtbar machen. In dieser Phase dürften bereits die Lauben entstanden sein.

Adam (II.) Schlups Tochter Anna Maria heiratete 1824 den gleichaltrigen Müllersohn Niklaus Schlup aus Schnottwil. Sein Vater Jakob war der Sohn des «Messen-Bauers», der in Messen vier Bauernhöfe besass. Seine Mutter war die Tochter des Ammanns Schluep von Schnottwil. Obwohl sie alle Schlu(e)p hiessen, seien sie wahrscheinlich nicht direkt verwandt gewesen, so die Autoren. Sicher sei aber, dass durch die Heirat zwei reiche Familien aus der bäuerlichen Oberschicht des Bucheggbergs zusammenfanden. Der Stock ging in der Folge in den Besitz von Anna Maria über, welche mit Niklaus bald nach Balm zog, wo sie ihre früh verstorbene Mutter ersetzte. Bis 1871 wurde der Stock mehrmals massiv umgebaut. Der amtliche Schatzungswert stieg von 1835 (2580 Franken) bis 1853 (12'800 Franken) stark an. Belegen lassen sich die Umbauten auch mit den Malereien an der Ründe (Dachuntersicht) oder den Kacheln von in dieser Zeit eingebauten Öfen, die mit Inschriften des Besitzer-Ehepaares versehen sind.

Völlig ausgehöhlt

Auf Anna Maria und Niklaus folgte deren einziger Sohn Jakob als Besitzer des Stöcklis. Dieser besuchte die Sekundarschule in Büren. Ein absolutes Novum zu dieser Zeit, so die Autoren, das den hohen sozialen Status, den die Familie Schlup für sich beanspruchte, sichtbar machte. Den Besuch von Vorlesungen an der Universität Bern musste er aber wegen gesundheitlicher Beschwerden seines Vaters abbrechen. Er kehrte zurück nach Balm und half mit, den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Auf die Heirat mit Elisabeth Stuber, Tochter von Urs Stuber, Wirt und Landwirt von Aetigkofen, folgte in den 1860er- und 1870er-Jahren die letzte grosse Umbauphase des Wohnstocks. Jakob habe wahrscheinlich den Stock fast vollständig ausgehöhlt und sich einen stattlichen Landsitz gebaut. Er verlegte den Treppenaufgang ins Innere, verbreiterte die Lauben. Im Inneren dürfte erst mit diesem Umbau der stattliche Quergang, der eigentlich eher zu einem Pfarrhaus als zu einem Stock passt, angelegt worden sein. Es ist davon auszugehen, dass aufgrund dieser Umbauten der Wert des Stocks gemäss Hypothekenbuch von 12 800 Franken im Jahr 1853 auf 18'000 Franken im Jahr 1865 anstieg und 1879 noch einmal um einen Drittel auf 23'000 Franken erhöht wurde.

Der «König» von Balm

Dieser Jakob Schlup war im Sonderbundskrieg 1847 ein feuriger Anhänger der umstürzlerischen Freisinnigen, die im Jahr darauf die Annahme der Bundesverfassung erreichten. Damit legte er, so die Autoren, den Grundstein für eine beispiellose Karriere. Er war unter anderem 30 Jahre lang Ammann von Balm und half mit, diverse Infrastrukturobjekte und Neuerungen zu ermöglichen. So beschloss er 1895, die Gemeinde Balm ans Telefonnetz anzuschliessen. Er war Kantonsrat und Verfassungsrat. Im Übrigen war er Mitglied des Nationalbahn-Komitees. Er starb am 17. Oktober 1908 im Alter von 84 Jahren. Er war der unumstrittene «König» von Balm. Dass er sich mit dem Wohnstock eine «Residenz» geschaffen hatte, so die Autoren, die seiner sozialen Stellung entsprach und diese entsprechend betonte, erstaune nicht.

In den folgenden Jahren veränderten die jeweiligen Besitzer kaum etwas am Wohnstock. Ab 1957 soll der Wohnstock leer gestanden haben. 2012 bis 2016 wurde er von den neuen Besitzern umfassend und gemäss denkmalpflegerischen Vorgaben restauriert.

Meistgesehen

Artboard 1