Vor Anna Hänzi liegen viele bunte Stricksachen: kleine, hellblaue Kinderfinken, eine knallrote Wollmütze, eine Decke in den Farben gelb, grün, rot und rosa, eine hellblaue Echarpe, Stulpen in verschiedenen Farben. Ein kleiner Stoffhase mit Glöckchen um den Hals, den man als Osterdeko ins Nestchen legen kann.

Anna Hänzi strickt und näht fürs Leben gern. Aber nicht nur zum Vergnügen, die Sachen sind auch für den Verkauf bestimmt, erzählt die rüstige 95-jährige Dame.

Ein Erbe der Grossmutter

«Das hab ich von meiner Grossmutter geerbt», erzählt sie. Diese war nämlich Handarbeitslehrerin in Kappel, Sankt Gallen, dort, wo auch Anna Hänzi herstammt. Sie wuchs auf einem Bauernhof auf, zusammen mit ihren sieben Geschwistern. Ihre Grossmutter lehrte sie stricken und nähen. Aber ihr Vater sei gar nicht begeistert gewesen von der Idee der Grossmutter. Er wollte, dass sie Bäuerin werde. «Diesen Weg wollte ich aber nicht einschlagen, also bin ich abgehauen, einfach, sobald ich konnte.»

Sie flüchtete mit 17 nach Schmerikon zu ihrer Firmgotte, die ihr dabei helfen wollte, ihren Traum zu verwirklichen. «Dann wurde aber doch nichts daraus, ich musste arbeiten gehen, wurde zu einem Grossbauern geschickt.» Dort habe sie mit den Pferden auf dem Feld gearbeitet. Eigentlich habe ihr das ganz gut gefallen, erzählt Anna Hänzi. Aber nach einer Blinddarmentzündung habe sie sich nach neuer Arbeit umsehen müssen und sei in der Schoggifabrik Meilen gelandet. «Dort habe ich lange gearbeitet, alles Mögliche gemacht. Es hat mir gut gefallen, vor allem konnten wir Arbeiterinnen manchmal abends Resten der Schokolade nach Hause nehmen.»

Irgendwann heiratete sie in St. Gallen ihren ersten Mann, der aber kurz darauf verstarb. Sie kam nach Grenchen, wo sie ihren zweiten Mann kennenlernte. Das Ehepaar lebte in Lengnau, zog zwei Kinder auf, einen Sohn, der in Baden lebt, und eine Tochter, welche heute in Solothurn zu Hause ist.

Im Krieg Kartoffeln angebaut

Anna Hänzi hat zwei Weltkriege miterlebt: Den Ersten Weltkrieg verbrachte sie in Walde, Ricken und St. Gallen, während des Zweiten Weltkriegs pflanzte sie im eigenen Garten in Lengnau Kartoffeln an, so wie die meisten Leute. «Wir mussten das Wasser für den Garten aus einem Seeli holen», erzählt sie.

Vor einiger Zeit starb ihr Mann, der jahrelang bei Spar Brillenfritz gearbeitet hatte. Anna Hänzi lebte alleine in ihrem Haus, bis eine Hirnblutung vor fünf Jahren den Eintritt ins Alterszentrum Kastels nötig machte.

Auf eigene Rechnung

Seither strickt sie wieder vermehrt. Und sie ist produktiv dabei: «Eine Kinderkappe stricke ich an einem Morgen», sagt sie stolz. Die Stricksachen werden auf verschiedenen Kanälen verkauft: Einerseits nimmt das Alterszentrum Kastels bei verschiedenen Märkten teil und verkauft dort die Bastelarbeiten der Bewohnerinnen und Bewohner. Da Anna Hänzi aber auf eigene Rechnung arbeitet, werden ihre Stricksachen separat angeboten. Dazu kommt der Verkauf an Private.

Anna Hänzi war auch eine leidenschaftliche und erfolgreiche Keglerin. In ihrem Zimmer stehen einige Preise, die sie bei Turnieren gewonnen hat. «Ich war aktives Mitglied im Kegelklub Lengnau, wir trafen uns immer im ‹Hirschen›.» Hänzi spielte gut, aber sie spielte nie gerne gegen die Solothurner, erzählt sie.

Auch nach der aktiven Zeit trafen sich die Mitglieder des Kegelklubs regelmässig ein paar Mal im Monat. «Früher waren wir alle 14 Tage im ‹Hirschen›, jetzt nur noch ein paar Mal im Jahr. Aber wenn es geht, gehe ich immer noch zu den Treffen.»