Neu gewählt

Angela Kummer: «Grenchner müssten mehr an ihre Stadt glauben»

Angela Kummer fühlt sich sehr wohl bei sich zu Hause.

Angela Kummer fühlt sich sehr wohl bei sich zu Hause.

Angela Kummer ist neu im Grenchner Gemeinderat. Die 31-jährige Historikerin hat sich einiges für ihr neues Engagement im Gemeinderat vorgenommen. Sie glaubt fest an die Uhrenstadt.

Angela Kummer, Sie wurden mit dem besten Resultat aller Neugewählten in den Grenchner Gemeinderat gewählt. Woher das Interesse an Politik?

Angela Kummer: Mich hat vor allem Welt- und Schweizer Geschichte schon zur Kantizeit interessiert. An der Uni Bern studierte ich Geschichte und Englisch und engagierte ich mich im Studentenrat. Dort machte ich meine ersten «politischen» Erfahrungen, allerdings war ich damals noch nicht Mitglied einer Partei. Nach meinem Studienabschluss konnte ich die Leitung des Kultur-Historischen Museums in Grenchen übernehmen. Das zu just der Zeit, als das Amt für Kultur aufgelöst und zum Standortmarketing umgebaut wurde. Als Kulturschaffende, als Angestellte – nicht von der Stadt, sondern von der Museumsstiftung – war ich direkt vom Wechsel betroffen. Niemand wusste, was dieser Wechsel für Folgen haben würde und ich befürchtete, dass nun alles nur noch in Richtung Marketing laufen würde. Also beschloss ich, der Kulturkommission beizutreten. Und das bedingte eine Parteimitgliedschaft. Die SP war die Naheliegendste.

Also war letztendlich Ihr Interesse am kulturellen Geschehen ausschlaggebend?

Ja, denn ich wollte mich von Anfang an für das kulturelle Geschehen in Grenchen engagieren. Ich bin also quasi reingerutscht, wie ich auch das Präsidium der Kulturkommission nicht gesucht habe. Aber ich habe mir lange überlegt, ob ich nicht als Parteilose den Schritt in die Gemeindepolitik machen soll, auch wenn ich keinen Moment daran zweifelte, dass die Linie der SP meiner Vorstellung am nächsten kommt.

Gab es noch andere Gründe als das kulturelle Engagement?


Ja natürlich: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, lebe hier und für mich ist klar, dass ich mich engagieren will. Ich war schon immer sehr vielseitig interessiert und kommunikativ und brauche den Austausch mit anderen Menschen. Mich interessieren auch neue Themen, in die ich mich gerne einarbeiten werde.

Was sind Ihre Erwartungen bezüglich der Arbeit im Gemeinderat?

Ich bin ein ehrgeiziger und ziemlich ungeduldiger Mensch. Und da kann ich jetzt noch nicht sagen, ob mich das relativ langsame Tempo in der Politik ausfüllt oder mich nicht frustriert.

Welches sind Ihre politischen Schwerpunkte für die nächsten Jahre in Bezug auf die Stadt Grenchen und ihre Bevölkerung?

Da gibt es einige Punkte: Ich möchte ganz generell erreichen, dass die Grenchnerinnen und Grenchner mehr an ihre Stadt glauben und zu ihr stehen. Ich stelle immer wieder bei vielen Leuten ein grosses Minderwertigkeitsgefühl fest. Ob es allerdings möglich ist, das Selbstwertgefühl mit politischen Mitteln zu verbessern, das bleibt offen. Weitere Visionen: Verkehrstechnisch könnte man mit einem Radfahrerkonzept und gewissen anderen Anreizen die Leute vermehrt dazu bewegen, öfters aufs Velo zu sitzen oder zu Fuss zu gehen. Das schafft vermehrt Begegnungen und steigert die Lebensqualität. Bei den öV-Anbindungen muss der Status quo gehalten werden. Ich werde mich auch stark für die Umgestaltung beim Bahnhof Süd einsetzen. Denn das ist eine Visitenkarte der Stadt.

Also wollen Sie – ganz im Sinne der SP – einfach viel Geld ausgeben?

Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass man die schon recht guten Angebote im Bereich «kinderfreundliche Stadt» weiter ausbaut und Grenchen als attraktive Wohnstadt nicht nur für einkommensschwache Familien, sondern auch für gut betuchte Zuzüger interessanter gestaltet. Damit würde man auch das Problem der Altersstruktur etwas entschärfen. Beispiel Kindergarten im Lingeriz: Hier hätte man ein Zeichen setzen sollen und mit eigentlich relativ wenig Geld eine Quartieraufwertung schaffen können. Die Bürgerlichen haben schon oft verhindert, dass Gelder für Projekte wie zum Beispiel einen Quartier-Sozialarbeiter gesprochen wurden. Das wäre meiner Meinung nach eine sehr gute Sache gewesen und es wäre wünschenswert, würde man diese Idee wieder aufnehmen – oder dann eben ein Zeichen, wie mit dem Kindergarten setzen.

Was erwarten Sie von der Kommunikation im Gemeinderat, insbesondere, da noch eine wichtige Wahl ansteht?

Egal, wie der zweite Wahlgang ausgeht: Der Gemeinderat und die ganze Bevölkerung muss danach vom Wahlkampf-Modus in einen Alltagsmodus umschalten. Alle müssen zusammen für die Stadt einstehen. Als Frischling habe ich damit kein Problem und setze auch grosse Hoffnung in die Neugewählten, dass von dort ein wenig frischer Wind kommt. Ich hoffe sehr, dass nicht ständig das Parteien-Geplänkel im Vordergrund steht, und möchte vor allem Sachpolitik betreiben. Stadtverwaltung und politische Behörde dürften aber auch etwas proaktiver kommunizieren. Wir arbeiten schliesslich für die ganze Bevölkerung und diese hat ein Anrecht darauf zu wissen, was läuft.

Im Lauf des Wahlkampfs kam auch das Gerücht auf, Angela Kummer wolle Stadtpräsidentin werden. Was sagen Sie dazu?

Ja, dieses Gerücht entstand tatsächlich (lacht laut). Aber ich weiss nicht, wer es in die Welt gesetzt hat.

Und entspricht es den Tatsachen?

Sagen wir es so: Ich schliesse es nicht aus. Aber ich kann mir auch vorstellen, auf meinem Lebensweg noch ganz andere Richtungen einzuschlagen. Ausserdem fühle ich mich mit 31 doch selber noch zu jung und müsste zuerst Dossiersicherheit gewinnen. Aber mit der nötigen Erfahrung würde ich es nicht komplett ausschliessen. Es könnte, muss aber nicht, eine Fortsetzung meines Engagements für die Stadt sein, der gegenüber ich mich verpflichtet fühle.

Warum das Engagement, die Verpflichtung? Haben Sie nicht doch Ambitionen auf das Amt?

Ich bin jemand, der gerne mitentscheidet und mitwirkt. Ich mag es nicht, wenn man über mich bestimmt und das kann einem geschehen, wenn man sich überhaupt nicht engagiert. Von daher, und weil ich meinen Lebensmittelpunkt in Grenchen habe, ist das Stadtpräsidium eine mögliche Option. Aber wie gesagt: Ich kann mir vorstellen, auch mal in einem grösseren Museum oder einem kantonalen oder städtischen Amt für Kultur ausserhalb Grenchens tätig zu sein. Mir geht es jetzt zuerst darum, als Gemeinderätin Fuss zu fassen, dort schauen, wie ich mich einbringen und was ich erreichen kann.

Sie sind als junge Mutter berufstätig, kulturell und politisch engagiert. Und jetzt auch noch gewählte Gemeinderätin. Wie gehen Sie mit dieser Mehrfachbelastung um?

Das Präsidium der Kulturkommission gebe ich ab, ebenso trete ich ganz aus der Kulturkommission aus. Ich bin mir durchaus bewusst, dass wenn man etwas Neues beginnt, man etwas anderes aufgeben muss. Wir haben auch einen guten Kandidaten fürs Präsidium gefunden und von dem her kann ich das Amt mit gutem Gewissen abgeben. Was die Mehrfachbelastung angeht: Bei einem Mann erübrigt sich in der Regel diese Frage. Bei einer Frau – insbesondere, wenn Kinder da sind – heisst es schnell einmal: «Geht denn das? Ist das nicht zu viel?» Ich bin zwar keine Feministin, aber wir leben im 21. Jahrhundert und es muss doch möglich sein, dass auch Frauen sich gewisse Freiräume nehmen, um sich politisch, in einem Verein oder sonst wo zu engagieren oder einem Hobby nachgehen.

Stichwort Hobby: Mit was beschäftigen Sie sich neben der politischen und beruflichen Tätigkeit?

Politik gehört sicher auch zu meinen Hobbys, denn ich habe viel Spass daran. Meine anderen Hobbys liegen eher im kulturellen Bereich: Ich spiele Querflöte in einem kleinen Ensemble, besuche sehr gerne Konzerte, Theater und Museen. Und weil ich doch eher einen Bürojob ausübe, gehe ich zum Ausgleich sehr viel laufen, schwimmen und wandern. Auch kann ich gut in unserem Garten abschalten: Jäten ist für mich keine Belastung, sondern Entspannung pur.

Stichwort Familie?

Mein Partner Adrian und ich sind seit 16 Jahren zusammen und haben aus diversen Gründen nicht geheiratet. Zum einen bin ich schon lange aus der Kirche ausgetreten, zum anderen: Warum heiraten, wenn es bis jetzt so gut gegangen ist? Wir leben eine moderne Partnerschaft. Als unsere Tochter geboren wurde, war für uns selbstverständlich, dass wir die häuslichen Aufgaben teilen. Und wir sind sehr glücklich mit unserem Familienmodell.

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