Sie erhalten nach dem Anna-Göldi-Preis 2011 schon die 2. Auszeichnung für Ihr interreligöses Engagement. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Er kam für mich überraschend und ist eine sehr grosse Ehre. Insbesondere, weil er von seiner Anlage her über Religionsfragen hinaus weist und den Schwerpunkt beim zivilgesellschaftlichen Engagement setzt.

Wie steht es um den interreligiösen Dialog in der Schweiz heute?

Er ist gegenüber früher sehr viel wichtiger und breiter, auch relevanter geworden. Er wirkt impulsgebend für die Diskussion von vielen weiteren gesellschaftlichen Fragen und Problemen. Auch kann man sagen, dass heute niemand mehr seine Notwendigkeit infrage stellt. Kurz: der Dialog findet statt. Doch damit ist es noch nicht getan. Es genügt nicht, drei Leute an einen Tisch zu setzen. Die Sprache und der Ton des Dialogs sind ebenso wichtig wie der Inhalt. Und der Dialog muss gut moderiert sein.

Aufgrund von globalen Entwicklungen stellt man aber eine Verhärtung der Fronten zwischen dem Islam und dem Christentum fest. Ist das für Sie nicht frustrierend?

Nein. Man könnte genauso einen Arzt fragen, ob er nicht deprimiert werde, wenn er es mit lauter kranken Menschen zu tun hat. Ich fühle mich bestärkt, dass die Arbeit, die ich mache, eben nötig und sinnvoll ist. Vielleicht ist das sogar auch so in meiner Biografie angelegt (vgl. Kasten). Was mich mehr irritiert, ist, dass Leute versuchen, in diesen Dialog einzugreifen, die mit Religion eigentlich nichts am Hut haben, sondern diese nur instrumentalisieren für ihre Ziele.

Die sogenannten christlichen Werte ...

Ja, zum Beispiel. Sie werden oft benutzt, um Leute zu mobilisieren, dabei werden gar keine Werte verteidigt, sondern Ausgrenzung betrieben. Überhaupt sollte man Werte nicht mit einem religiösen Attribut versehen. Es gibt universale – nicht nur christliche – Werte, die in verschiedenen Religionen vorkommen.

Wie merken Sie bei Ihrer Arbeit die Verhärtung der Fronten? Wurde Ihre Homepage schon gehackt?

Ich habe keine eigene Homepage und auch keinen Blog. Die Homepage des Interreligiösen Think Tank hat mit Bedacht keine Kommentarfunktion. Es kommen aber gelegentlich negative Mails oder Telefone nach einer Fernsehsendung. Ich habe den Eindruck, dass insbesondere nach der Abstimmung über die Minarett-Initiative eine gewisse Enthemmung stattgefunden hat.

Was sind das für Leute, die reagieren?

Zunächst: ich erfahre auch viel Zuspruch von Menschen, die mich ermutigen und bestärken, meine Arbeit weiterzuführen. Bei den negativen Feedbacks sind es oft ältere Männer, die zuerst einmal Dampf ablassen. Nicht selten entwickelt sich dann am Telefon ein Gespräch, in dessen Verlauf ich feststelle, dass jemand seelische Verletzungen erfahren hat, für die er jetzt Schuldige sucht. Gerade in dieser Personengruppe leistet übrigens Samuel Althof, der den Fischhof-Preis mit mir teilt, Grosses. Er engagiert sich in der Gewaltprävention bei radikalisierten Szenen und Gruppen.

Was raten Sie, damit im interreligiösen Dialog nicht eine Eiszeit anbricht?

Die Antwort ist einfach: Weiter miteinander reden, anstatt sich zurückzuziehen. Sich gegenseitig kritische Fragen stellen, in einer einfühlsamen und respektvollen Art. Dies im gegenseitigen Bewusstsein, dass der Dialog eine Aufgabe ist, die durch nichts zu ersetzen ist. Wenn man aber der Gegenseite nur seine Ansichten einzutrichtern versucht, ist das kein Dialog.

Und hier in Grenchen. Findet hier dieser Dialog statt?

Zu wenig, aber immerhin bemühen sich gewisse Kreise immer wieder darum. Ich denke an Granges Mélanges, an die Veranstaltungen im Rahmen der Woche der Religionen oder auch an eine Frauentagung in der Klemenzkirche Bettlach, an welcher ich am (heutigen) Donnerstag teilnehme. Andererseits stelle ich in Grenchen auch eine gewisse Teilnahmslosigkeit fest, die bisweilen allerdings auch positive Effekte haben kann.

Wie muss man das verstehen?

Es gab unter der Grenchner Bevölkerung zum Beispiel keine wahrnehmbare Kontroverse um den Moscheebau. Die Menschen in unserer Stadt haben eine wohltuende Gelassenheit. Das ist nicht selbstverständlich und eine positive Facette dieser Stadt. Allerdings: Es gab hier auch ein sehr deutliches Ja zur Minarett-Initiative und Vereinzelte haben die Moschee bitter bekämpft. Deshalb denke ich auch, dass es hier mehr und fortdauernden Dialog braucht.

Welchen Islam wird man in der Grenchner Moschee predigen?

Die Muslime in Grenchen sind eine sehr heterogene Gruppe und eher nach ethnischen Gruppen organisiert. Das religiöse Interesse und die Partizipation sind sehr unterschiedlich. Es gibt keine Organisation, welche alle Muslime repräsentiert. Die albanisch-islamische Glaubensgemeinschaft, welche diese Moschee baut, halte ich für offen. Grenchen sollte mit Selbstbewusstsein und Freude darauf blicken, dass auf seinem Gemeindegebiet eine Moschee entsteht. Unsere Stadt wird damit auf positive Weise in den nationalen Fokus gerückt. Gretzenbach hat einen buddhistischen Tempel, Däniken einen Tempel für die Sikhs und Grenchen eine Moschee. Die «neuen» Religionen kommen nun auch baulich an. Unser Kanton und die Stadt Grenchen sind Sinnbild für eine friedlich gelebte Vielfalt.

Was raten Sie, damit es so bleibt?

Hinsichtlich der Moschee sollten die Verantwortlichen eine Kultur der offenen Türen pflegen und versuchen, möglichst viele Glaubensrichtungen zu integrieren. Dazu sollten sie auch nach aussen, zur Gesellschaft und zu anderen Religionen gute Beziehungen pflegen.

Sollten in der Schweiz Imame an Universitäten ausgebildet werden?

Unbedingt. Es macht auf Dauer keinen Sinn, wenn Leiter von muslimischen Gemeinden ihre Ausbildung fernab hiesiger Realitäten erlangen. Ich erlebe immer noch, dass Imame an interreligiöse Veranstaltungen geladen werden und dann wegen Mangel an Sprach- und Kulturkenntnissen ihre vermittelnde Aufgabe nicht wahrnehmen können. Das dient niemandem und schadet allen.