Eigentlich wartet man schon länger auf den Spatenstich zur Sanierung des Sportstadions des Turnvereins Grenchen. Im Sommer letztes Jahr gab Robert Gilomen, Ressortleiter Stadion beim TV Grenchen, bekannt, dass es nun endlich vorwärtsgehe (siehe Box). Doch nun drohen neue Erkenntnisse das ganze Projekt zu gefährden. Man hat im Boden Schlacke gefunden, die Schwermetalle enthält.

Nun drohen die Kosten aus dem Ruder zu laufen, noch bevor der erste Bagger aufgefahren ist. Denn nach ersten Berechnungen von rund 400'000 Franken, welche die Sanierung des Bodens kosten soll, ist man laut Gilomen inzwischen schon bei über einer Million Franken angelangt, die zu den Gesamtkosten von 3,35 Miollionen Franken kommen könnten.

Wieso diese Kostensteigerung und weshalb erfährt man erst jetzt davon?
Von der Schlacke wusste man schon lange. Der TV Grenchen hatte die Baubewilligung bereits 2014 erhalten, sagt Gilomen auf Anfrage. Damals waren die Gesetze betreffend Boden und Belastungen noch nicht so streng wie heute. Erst ab 2016 galten verschärfte Bestimmungen.

Das Ingenierbüro BSB + Partner war offenbar der Meinung, dieser neuen und strengeren Gesetzgebung Rechnung tragen zu müssen und beauftragte die Firma SolGeo mit der Untersuchung. Diese wiederum beauftragte die Lysser Firma Wessling AG, welche im letzten Jahr die Untersuchungen durchführte und zu diesem Zweck zehn Baggerschlitze auf der Aussenbahn öffnete.

Man wurde fündig: Eine 8 bis 10 Zentimeter dicke Schicht aus Schlacke wurde untersucht, die beim Bau der Anlage in den 30er-Jahren miteingebaut wurde. Dies als Fundament unter den technischen Sportanlagen, das heisst konkret unter den Hoch- und Weitsprunganlagen sowie unter der Aschenbahn, im Bereich der im Krieg erstellten Bahnen 1 bis 4. Diese Schlacke ist lokal zum Teil hochbelastet, mit den Schwermetallen Antimon, Arsen, Blei, Kupfer, Kadmium und Zink. Dazu kommen organische und reaktive Kohlenstoffe sowie geringe Mengen an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und Benzo(a)pyren. Eine Einwirkung auf das Grundwasser wird von den Geologen mit Sicherheit ausgeschlossen.

Aber: Wie Gilomen erklärt, wurden einige Leute in der Steuerungsgruppe des TVG nervös. Man befürchtete juristische Probleme und– was noch mehr wiegt – wichtige Sponsoren würden abspringen oder erst gar nicht einsteigen, wenn hier nicht alles wirklich sauber abgewickelt wird – sprich: Die belasteten Materialien müssen ihrer Meinung nach komplett entsorgt werden, auch wenn das offenbar mit der bestehenden Baubewilligung nicht nötig wäre. Das kostet. Und wer soll das bezahlen?

Kanton zahlt nicht in jedem Fall

Der Kanton führt eine Karte mit belasteten Standorten, das sogenannte Altlasten-Kataster. Das Turnerstadion taucht auf diesem Kataster nicht auf, wie etwa benachbarte Gebäude an der Sportstrasse. Dabei handle es sich um eine «juristische Haarspalterei», erklärt Karl Stransky vom Amt für Umwelt, Abteilung Boden. Von «Altlasten« spreche man nur, wenn es sich um Chemikalien oder schädliche Stoffe handle, die an einem Betriebsstandort, einer als solcher definierten Deponie oder durch einen Unfall in den Boden gelangt seien.

Der Einbau von Schlacke war in den 30er-Jahren allgemein üblich. Dabei handle es sich streng genommen um die Einlagerung von Abfall, und das werde eben nicht im Altlastenkataster eingetragen, so Stransky. Und folglich beteilige sich der Kanton auch nicht an der Entsorgung. Das bestätigt auch Thilo Arlt vom Amt für Umwelt, Abteilung Abfall: Der Kanton ist nur dann zuständig, wenn ein Eintrag im Altlasten-Kataster besteht. Dann beteiligt er sich auch an den Kosten – Beispiel Stadtmist in Solothurn. Dort bezahlen im Fall einer Sanierung nicht nur die Stadt, sondern auch Bund und Kanton. Im Fall des Turnerstadions Grenchen liege die Verantwortung alleine beim Bauherrn und Grundbesitzer, dem TV Grenchen, der als einziger Turnverein der Schweiz sein eigenes Stadion besitzt.

Viel Terrain wird verschoben

Der Boden im Stadion fällt von Nord nach Süd um rund eineinhalb Meter ab und muss ausnivelliert werden. Etliche Tonnen Material sollen mit GPS-gestützten Baggern verschoben werden. Material, in dem eine grosse Menge an Schlacke vorhanden ist – man rechnet mit 1 100 Kubikmeter Aushubmaterial mit einem Gewicht von rund 2000 Tonnen. Schlacke, deren Herkunft nicht genau bestimmbar ist. Drei Unternehmen kommen als «Lieferanten» infrage: Die SBB, die Eisenwerke der von Roll in Gerlafingen und die Städtischen Werke Grenchen.

Der TV Grenchen verfügt über Unterlagen, in denen der Baubeschrieb aus dem Jahr 1938 genauestens festgehalten ist. Dort tauchen die drei genannten Unternehmen als Lieferanten auf, allerdings ohne genauere Angaben, wer wie viel Schlacke geliefert hatte. Bei allen fiel im Produktionsprozess Schlacke an. Zum Beispiel bei der Herstellung von Gas aus Holzkohle. Rund 100 Meter Luftlinie entfernt befand sich das alte Gaswerk der Stadt Grenchen.

Braucht es Entsorgungskonzept?

Ob und wie viel Material nun der TV Grenchen fachgerecht entsorgen lassen muss, ist noch offen. Die bei einem Rückbau anfallenden Materialien seien gemäss den Vorgaben der Verordnung über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen gesetzeskonform zu entsorgen und ein Entsorgungskonzept müsse erstellt werden, heisst es im Untersuchungsbericht der SolGeo. Aber beim Amt für Umwelt sieht man das etwas pragmatischer: Man könnte auf die vollständige Entfernung der Schlacke verzichten.

Die «billigere» Variante würde vorsehen, einen Teil oder gar alle Rückstände dort zu belassen, wo sie sind, sie nur innerhalb des Stadions zu verschieben. Gilomen hat in dieser Sache den Chef des Amtes für Umwelt kontaktiert und wurde offenbar vom Abteilungsleiter Boden Martin Brehmer in diesem Sinne orientiert. Laut Gilomen sei das für die Fachleute des Amtes für Umwelt ein gangbarer Weg, der die Zusatzkosten in einem erträglichen Rahmen belassen würde.

Kosten, an denen sich offenbar auch die Stadt beteiligen würde, wie Stadtpräsident François Scheidegger gegenüber Gilomen signalisiert habe. Gilomen sprach denn auch mit allen Unterlagen auf der Baudirektion vor. Und Stadtbaumeisterin Drazenka Dragila-Salis meinte auf Anfrage, dass man zuerst einmal Akteneinsicht haben müsse und dann wahrscheinlich am runden Tisch mit allen Beteiligten zusammensitzen werde. Dann werde man sehen, was zu geschehen habe und wer was bezahlen müsse. Mit anderen Worten: So schnell dürfte der Spatenstich nun doch nicht über die Bühne gehen.