Diplomarbeit
Alte Mechanik und neue Technologie

Valentin Tischer hat eine Uhr mit revolutionärem Aufzug gebaut. Über 400 Einzelteile wurden insgesamt für die Uhr verbaut, bis auf wenige wurden alle Teile selber hergestellt. 2400 Arbeitsstunden wurden investiert.

Oliver Menge
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Solothurner Zeitung

«Wir hatten uns vorgenommen, für die Diplomarbeit von Grund auf eine mechanische Uhr zu bauen. Sie sollte wartungsarm und bedienungsfreundlich sein, das waren unsere Zielsetzungen», erzählt der knapp 20-jährige Bellacher Valentin Tischer, der soeben seine Ausbildung in der Uhrmacherschule Grenchen abgeschlossen hat. «Eine Uhr sollte entstehen, die sich selber aufzieht und die Energie dazu aus dem Umgebungslicht bezieht.» So beschreibt Tischer das Einzelstück, das bei ihm zu Hause einen vorläufigen Platz gefunden hat. Uhren, die mit Solarstrom laufen, gibt es auch andere, aber diese Uhr ist einzigartig: Die mechanische Uhr, die auf einer Kohlefaserkonstruktion ruht, zieht sich einmal pro Tag selber auf, die Energie dazu liefern 28 Solarzellen. Und dieser Selbst-Aufzug ist das Revolutionäre am ganzen Werk.

Über 400 Einzelteile wurden insgesamt für die Uhr verbaut, bis auf wenige wurden alle Teile selber hergestellt. 2400 Arbeitsstunden wurden investiert, Tischer und sein Diplomarbeitspartner Damian Wagner aus Zürich haben während rund zwei Jahren fast die ganze Freizeit und einen Grossteil ihrer Ferien geopfert, unzählige Entwürfe gezeichnet, komplizierte Berechnungen angestellt, bei Firmen um Sponsoring ersucht und günstige Preise für spezielle Arbeiten ausgehandelt.

Zielorientiert und hartnäckig

Valentin Tischer ist ein ruhiger und geduldiger Typ. Sich selber bezeichnet er als zielorientiert und hartnäckig. Die richtigen Eigenschaften, die es braucht, um als Uhrmacher die Ausbildung an der einzigen deutschsprachigen Uhrmacherschule der Schweiz erfolgreich abzuschliessen. Sein Vater hatte ihm schon früh die Berufswahl des Uhrmachers empfohlen, im Sinne «Lerne etwas Anständiges, auf dem du später aufbauen kannst.» Seine handwerklichen Fähigkeiten liegen ihm im Blut: Sein Vater ist Maschinentechniker, sein Grossvater war Schlosser und bereits sein Urgrossvater war Handwerker, er betrieb eine Schmiede. In der Familie der Mutter gab es mehrere Ingenieure. Tischer war bis zum Diplom interner Schüler, er verbrachte die ganzen vier Jahre seiner Lehre in der Schule und arbeitete dort in den Ateliers. Sein Hobby ist Kanufahren, er ist begeisterter Wildwasserfahrer und bestritt früher Rennen. «Während der letzten Jahre während der Diplomarbeit fehlte mir aber die Zeit dazu, denn ich habe fast jeden Abend bis 21 Uhr an der Uhr gearbeitet.»

Ambitiöses Ziel

Möglichst wenig Energie sollte nötig sein, um die komplizierte Aufzugsvorrichtung in Gang zu setzen. Also musste man spezielle Solarzellen aus Frankreich beschaffen, die auch bei einem Umgebungslicht von 200 Lux – das entspricht dem gedämpften Licht im Innern einer Wohnung oder eines Büros – noch genügend Energie produzieren, und nicht auf direktes Sonnenlicht angewiesen sind. Diese Energie musste gespeichert werden, da sie nur einmal pro Tag gebraucht wird. Batterien kamen nicht infrage, also verwendeten die Diplomanden Doppelschicht-Kondensatoren. Alle beweglichen Teile – vor allem die Zahnräder – mussten so konzipiert und gerechnet sein, dass möglichst wenig Energieverlust entstand, ebenso mussten die Oberflächen entsprechend behandelt, verzinkt oder verchromt werden.

Spezialisten halfen mit

Die Schaltung der 28 Solarzellen konzipierten die Uhrmacherlehrlinge zusammen mit einem Elektroingenieur. Die Zellen liefern eine Leistung von 3 Milliampère bei 2,5 Volt und laden, solange Licht da ist. Der Energiespeicher ist so konstruiert, dass pro Tag nur gerade 3,5 Stunden Licht nötig sind. Die Solarzellen liefern die Energie für einen Kleinst-Motor, der 864 Mal untersetzt ist – er stammt von einer Firma, die unter anderem auch Motoren fürs Marsmobil lieferte – der die Pendel hochzieht, wenn die komplizierte Konstruktion aus verschiedenen Gewichten die Schaltung dazu auslöst.

Das Gehäuse, auf dem die Solarzellen montiert sind, ist aus Kohlefasern. Bootsbauer Probst aus Derendingen stellte den beiden Diplomanden die Kohlefasermatten und seine Werkstatt zur Verfügung.

Die Uhr besteht hauptsächlich aus Stahl und Messing. Die Stahlteile wurden zum Teil vernickelt oder verchromt, das Messing vergoldet. Mehrere Firmen aus der Region erledigten diese Arbeiten zu günstigen Konditionen. Der reine Materialwert der Uhr beträgt ungefähr 20000 Franken. «Jetzt müsste man einfach noch unseren Stundenansatz bestimmen und dann mal 2400 rechnen», meint Tischer lachend, dann könne man den Preis abschätzen.

Eine Stelle habe er noch nicht in Aussicht, sagt Tischer, der aber bereits Praktikas bei namhaften Firmen, wie zum Beispiel bei Türler an der Bahnhofstrasse in Zürich absolviert hat. «Zuerst gehe ich in die USA, um mein Englisch aufzubessern, danach ins Militär». Bedenken, danach keinen Job zu finden, hat der junge Uhrmacher keine.

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