Was einst die Telefonkabine war, ist heute der WLAN-Hotspot. Alle sind seit Jahren mit dem Handy unterwegs, deshalb sind die meisten Telefonkabinen bereits verschwunden. In Grenchen will Swisscom die letzten dieser Publifone im Frühling abmontieren lassen. Nun sucht die Stadt Freiwillige, die Telefonkabinen als offene Bücherschränke betreiben, und Sponsoren, die Verlegung und Umbau der Kabinen bezahlen.

Grenchen: einst 31 Publifone

Im Jahr 2000 gab es nach Angabe von Swisscom 31 Publifone in der Stadt. Fünf Sechstel sind seither abgebaut worden, zuletzt jene bei der Migros und der Post. Nun warten die letzten fünf Telefonkabinen auf den Abriss. Sie befinden sich am Nordbahnhof (zwei Zellen), am Südbahnhof, beim McDonald’s an der Leimenstrasse und an der Bielstrasse. Genutzt werden können sie mit Tax- und Kreditkarte sowie (ausser jene am Südbahnhof) mit Bargeld in Form von Franken und Euro.

Neben den öffentlichen Publifonen (Telefonzellen an zentralen Plätzen) hat Swisscom stets auch private Münzautomaten betrieben, im Auftrag von Hotels, Restaurants, Spitälern und Schulen. Doch diese sind in Grenchen bereits vor Jahren verschwunden.

Abschied im Mai

Swisscom ist aus der Verpflichtung entlassen, Publifone betreiben zu müssen. Mit dem Jahreswechsel ist der entsprechende Bundesratsbeschluss in Kraft getreten. Für die Publifone in Grenchen schlägt die letzte Stunde voraussichtlich im Mai, wie Swisscom-Sprecherin Annina Merk erklärt. Dabei setzt die Firma auf eine rollende Planung. Entsprechend dürften die letzten funktionstüchtigen Telefonkabinen an grossen Bahnhöfen wie Zürich anzutreffen sein, für wie lange, stehe allerdings nicht fest.

Swisscom bietet den Standortgemeinden an, die Häuschen für kulturelle Zwecke umzunutzen. Eine Reihe von Städten hat die Gelegenheit wahrgenommen, sogenannte offene Bücherschränke einzurichten, Stationen zum Austausch von Literatur.

Suche nach geeigneten Plätzen

Ob und unter welchen Bedingungen sich diese Idee in Grenchen verwirklichen lässt, steht noch nicht fest. Stadtschreiberin Luzia Meister ist im Gespräch mit der Literarischen Gesellschaft, der Brockenstube der Gemeinnützigen Gesellschaft sowie interessierten Privatpersonen, die es sich vorstellen können, sich für ein solches Projekt zu engagieren.

«Die Telefonzellen müssen nicht zwingend an dem Platz bleiben, an dem sie heute sind. Damit ein offener Bücherschrank Wirkung entfaltet, muss er an einem zentralen Platz stehen und einsehbar sein. Eine Sitzgelegenheit wäre fein, damit die Leute sich hinsetzen und in den Büchern blättern können», sagt die Stadtschreiberin. Als mögliche Orte für offene Bücherschränke sieht sie den Marktplatz, zum Beispiel beim Restaurant Passage, und die Umgebung des Spielplatzes im Lingeriz. Für weitere Vorschläge hat sie ein offenes Ohr.

Startkapital und Engagement

Eine Telefonkabine kann nicht einfach losgeschraubt, auf einen Lastwagen verladen und anderswo abgesetzt werden. Für die dauerhafte Montage an einem neuen Ort braucht es eine Baubewilligung. Für die Umnutzung zu offenen Bücherschränken braucht es ferner Geld für den Bau von Fundamenten und den Einbau von Regalen.

Einmal installiert, benötigt ein solcher Bücherschrank aber auch Aufsicht und Pflege. «Sonst besteht die Gefahr, dass er als Müllhalde missbraucht wird oder als Depot für unerwünschte Bücher, zum Beispiel solche mit extremistischen Inhalten», ist sich Luzia Meister bewusst.