«Die Militärjustiz hatte lange kein Interesse, das tragische Generalstreik-Geschehen in Grenchen aufzuarbeiten. Wir fühlen uns diesen Toten verpflichtet.» Das sagte Lukas Walter, Präsident der Stiftung Museum Grenchen, einleitend zur Vernissage am Freitagabend. So viele Interessierte hatten sich im Kultur-Historischen Museum eingefunden, dass der Dachstock bis zum letzten Platz besetzt war und die Lüftung an ihre Grenzen kam. Es hat sich gelohnt. Die Ausführungen des Referenten, Peter Heim, waren so anschaulich und spannend, dass man die Hitze vergass.

Der Oltner Historiker und Lehrer machte nicht etwa die drei jungen Männer zum Thema, die Mitte November vor 100 Jahren vom Militär im Stadtzentrum von Grenchen getötet worden waren. Das überliess er der Ausstellung im zweiten Stock, die dem Publikum das Geschehen in Grenchen mit unterschiedlichen Zugängen erschliesst.

Elend und Reichtum

Peter Heim trug die Komponenten zusammen, die zur Eskalation führten, zum undenkbaren Ereignis, dass Schweizer Soldaten auf unbewaffnete Schweizer Bürger schossen: Da war einmal der Erste Weltkrieg, auf den die Schweiz schlecht vorbereitet war, zumal der Krieg einen über 25-jährigen Wirtschaftsaufschwung abwürgte. Bei Kriegsbeginn habe das eingekesselte Binnenland nur gerade über einen Getreidevorrat für zwei Monate verfügt. «Der Preis für Weizen stieg 1914-’16 um 47 Prozent. Das war eine verzweifelte Lage für die Konsumenten, besonders für die lohnabhängigen Angestellten und das waren drei Viertel der Bevölkerung.» Dann gab es die Profiteure, zu denen neben den Fabrikherren die Bauern gehört hätten, indem sie die Lebensmittelpreise in die Höhe trieben.

«Das Nebeneinander von Kriegsgewinn und Elend entlud sich in einer Welle von Streiks. Allein 1918 gab es 260, und der Spitzenreiter war der Leberberg», erzählte Peter Heim weiter. Als im letzten Kriegsjahr in Zürich sogar die Banker streikten, sei das Bürgertum in Panik geraten. Behörden und Parlament hätten Reformen verschleppt. General Ulrich Wille, «ein ganz scharfer Hund», habe auf energisches Durchgreifen gedrängt. Dann kam die Grippe, die in zwei Wellen wütete und das gesellschaftliche Leben lahmlegte.

Verheerende Eigendynamik

Das war der Hintergrund, erzählte der Referent, wirksam unterstützt von der Projektion zeitgenössischer Fotos. In diesem Umfeld habe das Oltener Aktionskomitee (OAK), die Leiter der Arbeiterschaft, versucht, das Leid der Bevölkerung durch Verhandlungen mit dem Bundesrat zu lindern. «Das Bürgertum redete vom OAK als ‘Oltner Sowjet’. Das war Chabis», sagte Heim. Das OAK habe keine kommunistische Revolution angestrebt, sondern habe sich gegen linksradikale Hitzköpfe wehren müssen.

«Die Drohung eines Generalstreiks sollte bloss ein Druckmittel sein», ist Peter Heim überzeugt. Doch beim Warnstreik am 9. November sei dem OAK die Leitung entglitten, und in den wichtigen Wirtschaftszentren ging der Streik ungeplant weiter. So auch in Grenchen, wo es zu Sachbeschädigungen und Sabotageakten kam, besonders am Zugverkehr. Auf Druck des Militärs wurden Waadtländer Truppen in die Uhrenstadt beordert. Deren Offiziere seien überfordert gewesen, zumal nicht einmal klar war wer das Oberkommando hatte. «Solothurner Truppen hätten nicht geschossen», nimmt Heim an. «In den nationalen Publikationen vermisse ich eine Darstellung des Geschehens in Grenchen. Grenchen hat die Schreckensbilder von damals nicht vergessen, und es hat Recht», schloss Peter Heim seinen Vortrag.

Ins gleiche Horn stiess Museumsleiterin Angela Kummer. Sie gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Aktivitäten zum 100-jährigen Gedenken in Olten, Solothurn, Grenchen und Biel die Diskussion zur Einordnung des Generalstreiks beleben und weitere Forschungsarbeiten anstossen mögen.

Die Sonderausstellung «Die verdrängte Tragödie – der Generalstreik in Grenchen» im Kultur-Historischen Museum dauert bis zum 3. April 2019. Öffnungszeiten:  Mi, Sa, So 14 – 17 Uhr. Gruppenführungen auf Anfrage.