Frühförderung
Alle Grenchner Kinder sollen die gleichen Chancen haben

Grenchen darf als einzige Stadt im Kanton beim Projekt Promokiz, das sich um die Frühförderung dreht, teilnehmen. Die Situationsanalyse liegt jetzt vor und wird dem Gemeinderat unterbreitet. Eine bestehende Lücke: Es fehlt eine Krabbelgruppe.

Oliver Menge
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Das Archivbild stammt aus dem Vorkindergarten, bei der Lancierung des Projekts «Primokiz» im Frühling des letzten Jahres.

Das Archivbild stammt aus dem Vorkindergarten, bei der Lancierung des Projekts «Primokiz» im Frühling des letzten Jahres.

Oliver Menge

Grenchen ist in vielerlei Hinsicht speziell. Als multikulturelle Stadt mit einem Drittel Ausländeranteil hat sie insbesondere im Bereich Kindergarten und Schule mit Problemen zu kämpfen: Viele Kinder haben keine oder ungenügende Deutschkenntnisse, zeigen problematisches Sozialverhalten oder weisen Entwicklungsdefizite oder Entwicklungsstörungen auf.

Die Stadt mass dem Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, im Folgenden «Frühe Förderung» genannt, seit je grosses Gewicht bei. «Das Angebot an familienergänzenden Betreuungs- und Förderangeboten, wie Vorkindergarten, Kindertagesstätten, Spielgruppen, Tageseltern und Krabbelgruppen ist gross, aber bis vor zwei Jahren redeten diese Akteure wenig bis nicht miteinander», sagt Maya Karlen, Leiterin der Schulverwaltung, Ressortleiterin «Frühe Förderung» und verantwortlich für das ausserschulische Angebot der Stadt.

Längst nicht alle Kinder im Vorschulalter kommen in den Genuss von Frühförderung, die Ursachen dafür seien vielfältig. Ein Konzept «Frühförderung», in dem alle Angebote unter einen gemeinsamen Nenner gebracht wurden, lag ebenfalls nicht vor. «Im Grunde geht es dabei nur um eines: Man will eine Chancengleichheit herstellen, indem man insbesondere Kinder aus sozial schwächeren Familien und Familien mit Migrationshintergrund entsprechend fördert.»

Halbzeit bei «Primokiz»

2012 wurde alle Schweizer Städte von der Jacobs Foundation angeschrieben, die sich die Frühe Förderung auf die Fahne geschrieben hat und das Projekt «Primokiz» lancierte (siehe Kasten). Grenchen bewarb sich und erhielt als einzige Stadt des Kantons die Zusage, am Projekt als eine von rund 20 Schweizer Städten teilzunehmen. 50 000 Franken standen während zweier Jahre zur Verfügung, um eine vertiefte Analyse der Situation zu machen, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln und dieses in der Folge umzusetzen.

Weichen bereits in frühester Kindheit stellen

Die 1989 gegründete Stiftung Jacobs Foundation ist international tätig und hat zum Ziel, Innovation in der Kinder- und Jugendentwicklung zu fördern. Man ist davon überzeugt, dass die Weichen für eine erfolgreiche soziale Entwicklung bereits in frühester Kindheit gestellt werden und will dort gezielt Unterstützung leisten. «Wir setzen uns dafür ein, das individuelle Potenzial von Kindern und Jugendlichen zu erkennen und zu stärken sowie ihre Fähigkeiten für das Arbeitsleben auf- und auszubauen», heisst es auf der Homepage der Stiftung. Für das Projekt «Primokiz – frühe Förderung lokal vernetzt» wurden sämtliche Schweizer Städte mit zwischen 10 000 und 50 000 Einwohnern angeschrieben. Sie konnten sich für eine Teilnahme bewerben. Mit den rund 2,2 Mio. Franken, die die Jacobs Foundation zur Verfügung stellt, können rund 20 Städte fachlich unterstützt und bis 2015 begleitet werden.

Das Projekt Primokiz sieht konkret Folgendes vor: Eine vertiefte Situationsanalyse wird mit der Unterstützung von externen Experten durchgeführt. Die Jacobs Foundation stellt dazu die notwendigen Unterlagen und eine Liste mit Experten zur Verfügung, auf der ersichtlich ist, auf welche Fachgebiete sie spezialisiert sind, um die Auswahl für die Verantwortlichen zu vereinfachen. Aufgrund dieser Situationsanalyse wird ein Konzept erstellt, das die Grundlage für eine Institutionalisierung der Frühförderung in der Stadt und der Finanzierung durch die öffentliche Hand bilden soll. (om)

Nach etwas mehr als der Hälfte der Zeit liegt nun der erste Teil, die Situationsanalyse, vor. Maya Karlen und Barbara Danz von der Schulverwaltung sowie die externe Expertin Ruth Calderon von rc consulta Bern haben ein wissenschaftliches Grundlagenpapier erarbeitet, das die Situation in der Stadt Grenchen beschreibt, analysiert, Problempunkte und Lücken in der Frühförderung aufzeigt und Massnahmen vorschlägt. Die Fachexpertin Ruth Calderon, welche von der Jacobs Foundation finanziert wurde, konnte einerseits ihr Fachwissen auf diesem Gebiet einbringen und andererseits auch auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die in anderen Städten gewonnen wurden. Ihre Begleitung sei von grossem Nutzen gewesen, sagt Maya Karlen.

Die Situationsanalyse wird nun dem Gemeinderat an der nächsten Sitzung vorgestellt mit dem Ziel, dass dieser das weitere Vorgehen – die Erstellung eines Konzepts – gutheisst. Die Studie wurde ausserdem vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in einem Gutachten als vorbildlich, gut strukturiert und einfach verständlich beurteilt. Das Institut empfiehlt, die gewonnenen Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

«Bei der Erarbeitung dieser Studie war vor allem der Weg bis hierhin wichtig», sagt Maya Karlen. Man habe alle Akteure einbeziehen können, und das sei sehr geschätzt worden. «Beim ersten Vernetzungstreffen, das schon vor ‹Primokiz› stattfand, ging es noch darum, dass sich die involvierten Personen erst einmal kennen lernen. Beim zweiten Vernetzungstreffen wurden die Akteure über unser Projekt informiert und schon erste Infos eingeholt.»

In der Folge wurden schriftliche Umfragen durchgeführt. Es folgte ein runder Tisch, an dem gezielt Punkte besprochen wurden, die sich bereits als erste, einfache Massnahmen zur Verbesserung herauskristallisierten. Die Schulverwaltung gibt beispielsweise eine jährlich aktualisierte Broschüre heraus. «Grenchen für Kinder und Jugendliche» listet sämtliche Angebote mit Adressen und Kontaktpersonen für Kinder ab ca 3 Monaten bis zum Ende der Schulzeit auf. Nun wurde deutlich, dass man diese an und für sich gute Broschüre nicht etwa überarbeiten, aber breiter streuen muss. Neu wurde sie deshalb auch den letzten «Schulnachrichten» beigelegt und wird bei Fachstellen und Kinderärzten aufgelegt.

Grosses Angebot, einige Lücken

Das Angebot an früher Förderung in Grenchen sei umfassend: «Die Situationsanalyse hat aber auch gezeigt, dass gewisse Lücken bestehen. Beispielsweise fehlt eine Krabbelgruppe. Eine Institution, bei der auch Elternteile beteiligt sind. Oder Begegnungszentren, wo sich Eltern auch gegenseitig über Angebote informieren können», so Karlen. Nur gerade zwei Familien in Grenchen seien Mitglieder im Verein Tagesfamilien Kanton Solothurn. Ein grösseres Angebot an Tagesfamilien als Ergänzung zu Kitas sei wünschenswert. Allerdings gebe es hier einen grossen Graubereich, insbesondere bei ausländischen Familien, welche die Betreuung der Kinder innerhalb der eigenen Familie organisierten und damit eine Frühförderung hinsichtlich Sprach- und Deutschkompetenz verpassen.

Die Studie zeigt, dass Information und Kommunikation auch in Zukunft wichtiges Thema bleiben und die Vernetzung eine zentrale Rolle spielt. «Nicht alle Kinder mit Förderbedarf werden erreicht. Es gibt noch immer solche, die mit Entwicklungs- und Erfahrungsdefiziten in den Kindergarten eintreten, sei es bei Alltagskompetenzen, Sprachkenntnissen oder Sozialkompetenzen. Rund ein Drittel der Kinder werden ein Jahr vor Eintritt in den Kindergarten nicht in einer Institution gefördert.» Das liege zu einem Teil daran, dass die sogenannte Frühförderkette – die verschiedenen Angebote von der Geburt an bis zum Eintritt in den Kindergarten – irgendwo unterbrochen werde.

«Sprachliche Hindernisse oder kulturbedingte Schwierigkeiten machen es zum Teil schwierig, die Eltern zu erreichen. Die Mütter- und Väterberatung spielt eine zentrale Rolle, weil dort alle Kinder erfasst und die Eltern informiert werden können», erklärt Karlen. Gerade bei der Information der Eltern bestehe Handlungsbedarf. Beispielsweise wäre es in einem Begegnungszentrum oder Familienzentrum einfacher, den Eltern die Angebote näherzubringen.

Ein wichtiger Punkt sei auch, die Vernetzung der verschiedenen Akteure zu institutionalisieren und zu «entpersonalisieren». «Bis jetzt bin ich als Person einzige Koordinationsstelle, ohne direkten Auftrag», sagt Maya Karlen. Das Ziel wäre es, eine zentrale Stelle zu schaffen, welche eine Liste der aktuellen Angebote und Fachstellen führt, Netzwerktreffen organisiert, die Zuweisung und die Übergänge zwischen den Angeboten gestaltet und so die Frühförderkette sicherstellt, Zugangshindernisse feststellt und beseitigt, und Angebote plant und evaluiert. Damit aber ein entsprechendes Konzept erarbeitet werden kann, muss der Gemeinderat zuerst seinen Segen geben. Das würde nichts kosten, denn Maya Karlen würde dies neben ihrem «normalen» Job machen und die zugezogenen Fachpersonen werden von der Jacobs Foundation bezahlt.

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