Japan
AKW Mühleberg: Wie sicher ist «Susan» wirklich?

Laut Kritikern kollabieren Notsysteme bei Wohlensee-Dammbruch. Vertreter der BKW behaupten jedoch, ihr Sicherheits- und Notstandsystem sie gegen das Allerschlimmste gewappet.

Samuel Thomi
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Der Kommandoraum im AKW Mühleberg. Für den Notfall steht ein gebunkerter Ersatz bereit.

Der Kommandoraum im AKW Mühleberg. Für den Notfall steht ein gebunkerter Ersatz bereit.

«Weltweit einmalig» sei das «Susan»-Notstandsystem im Atomkraftwerk Mühleberg, betonten Vertreter der BKW Energie AG am Donnerstag auf kurzfristig einberufenen Medien-Führungen durch das so genannte «selbstständige, unabhängige System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme». Würde das bernische AKW nach einem Bruch der Wohlensee-Staumauer überflutet, sollten während der ersten 3 Stunden zwei Batterien die Kühlung des Reaktors sicherstellen. Danach würde versucht, das Allerschlimmste – eine Kernschmelze – mit Strom aus den zwei «Susan»-Dieselgeneratoren zu verhindern. Im erst 1989 in Betrieb genommenen, strahlensicheren Bunker gibts dazu eine zweite Kommandozentrale. Mit «Susan» gehe man schon über bestehende Sicherheitsanforderungen hinaus, so die BKW. Dennoch könne man sich vorstellen, als Reaktion auf die Ereignisse in Japan, noch weiterzugehen.

Sicherheitsbeteuerungen?

Nichts von diesen Sicherheitsbeteuerungen hält Markus Kühni: «Die BKW verschliesst die Augen vor der Verkettung von Schäden.» Auf eigene Initiative hat der Berner ETH-Ingenieur in den letzten Monaten versucht, sich ein Bild der Umstände zu machen. Bei der BKW wie auch dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) biss das Mitglied von Fokus Anti Atom bislang auf Granit; ein Mal habe ihn das Ensi in Baden zu einem kurzen Gespräch empfangen. «Ich konnte längst nicht alle offenen Fragen klären», so Kühni. Er bleibe aber dran.

Öffentlich einsehbaren Akten zufolge drohen laut Kühni beim Bruch des Wohlensee-Dammes sämtliche Stromversorgungsmöglichkeiten des AKW wie Dominosteine zu fallen. Das Wasserkraftwerk, wo extra eine Notturbine installiert ist und eine Stromleitung zum AKW führt, dann die elektrischen Unterstationen im Talboden mit Anschluss ans Netz, das AKW-Maschinenhaus, wo die eigenen Turbinen Strom erzeugen – alles würde von der Flut erfasst und ausgeschaltet. Ab einer Welle von 4 Metern wird auch der offizielle Not-Generator im Betriebsgebäude überflutet. Laut Hermann Ineichen von der BKW-Unternehmensleitung sei schlimmstenfalls in 13 Minuten mit einer Flut bis 5 Meter zu rechnen.

Gegner bezweifeln das Sicherheitssystem

Dass nun «Susan» lang einspringt, daran zweifelt Kühni. Nach einem Dammbruch fliesse wohl nicht nur Wasser aareabwärts, «sondern auch Trümmer, viel Schlamm und lockeres Gestein». Damit sei die Chance sehr gross, dass die Kühlwasser-Auslassleitung im Aarebett, die von «Susan» zum Ansaugen von Kühlwasser umfunktioniert wird, verstopft. «Damit fehlt das Kühlwasser, die Not-Generatoren überhitzen, ‹Susan› fällt aus und es kommt – schlimmstenfalls – wie jetzt in Japan zur Kernschmelze.»

Laut Kühnis Recherche, die er aus aktuellem Anlass gestern vorzeitig an die Medien versandte, droht aber schon früher ernsthaft Gefahr. Die Leistung der «Susan»-Generatoren reiche nämlich nicht, um alle notwendigen Notsysteme zu versorgen. Etwa das Notabluftsystem; bei diesem sorgen Filter im Kamin beim Ablassen von Dämpfen dafür, dass gewisse radioaktive Stoffe zurückgehalten werden. «So droht bereits während des ‹Susan›-Betriebs Radioaktivität freigesetzt zu werden, wenn ein Druckabbau nötig wird.»

Aus diesen und weiteren Gründen wehrt sich Fokus Anti Atom nicht nur seit Jahren gegen ein neues AKW, sondern verlangte gestern einmal mehr die «sofortige, permanente Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg».

Die BKW wollte auch gestern nicht Stellung nehmen zum Papier von Kühni. «Bei solchen Fragen nehmen wir Rücksprache mit dem Ensi», so Sprecher Antonio Sommavilla; das Ensi habe ja schon Auskünfte erteilt.