Die Schüler und der Lehrer knien im Dojo und meditieren ungefähr eine Minute lang. Durch diesen Einstieg können sie den Alltag hinter sich lassen und sich mental ganz auf das Training einstellen. Nach zwei Zarei, Begrüssungen, geht es um das Üben verschiedenster Techniken des Aikido. Trainiert wird jeweils in Zweiergruppen, wobei ein Schüler die Rolle des Angreifers und der andere die Rolle des Verteidigenden einnimmt. Da wird als Ausweichmanöver eine Rolle vollführt, dort lässt man den Gegner über die eigene Schulter zu Boden fallen. John Luder, Mitglied des Aikido-Clubs Grenchen, praktiziert diese japanische Sportart seit rund fünfzehn Jahren und von da an hat ihn die Freude daran stets begleitet. Entdeckt hat er das Aikido durch einen Kurs.

Von Harmonie und richtiger Distanz

Gegründet wurde der Aikido-Club Grenchen vor rund 25 Jahren, er hat rund 20 Mitglieder, vom Jugendlichen bis hin zu älteren Kampfsportlern. Im Aikido steht die Technik und nicht die Kondition im Vordergrund. «Es ist somit keine allzu harte Sportart. Damit eignet sich diese Sportart auch für ältere Menschen», sagt Luder.
Ihn begeistert an diesem Selbstverteidigungssport, dass man sich mit wenig Kraft erfolgreich verteidigen und sich durch die richtige Technik der Kraft des Angreifers bedienen kann. «Wenn der Angreifer mit voller Kraft zuschlägt und man es schafft, auszuweichen, schadet sich der Angreifer mit seiner Kraft selber, da diese dann ins Leere geht.»

Doch damit man die Kraft des Gegners ausnutzen kann, müsse die Technik ganz genau sein. Dazu gehört auch die richtige Distanz zum Gegner. «Am Anfang steht man immer zu nah oder zu weit entfernt. Die richtige Distanz in den verschiedenen inszenierten Angriffen zu finden, ist etwas vom spannendsten im Aikido», so der Grenchner, der in der IT-Branche arbeitet. Die Angriffe werden durch verschieden lange Holzwaffen simuliert, so durch ein Messer, ein Schwert oder einen Stock, je nach Waffe braucht es eine andere Distanz.

Geht es um Sport, so spielt oft der Wettbewerbsgedanke eine wichtige Rolle. Beim Aikido hingegen gibt es diesen nicht. Dies hat mit der Auslegung des Aikido zu tun, welches im 20. Jahrhundert durch die Kombination verschiedenster Kampfkünste entwickelt wurde. Dabei rückte der Weg der Harmonie ins Zentrum. Im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten wie Judo und Karate wird im Aikido nicht aktiv das Ziel verfolgt, gegen jemanden anzutreten und gegen diesen zu gewinnen. Stattdessen geht es darum, im Einklang mit allem zu sein und durch seinen Übungspartner an sich arbeiten zu können.

Andere Ausstrahlung im Alltag

Mit Aikido kann man sich zum einen gegen Angriffe behaupten, zum anderen aber kann es auch dabei helfen, gar nicht erst angegriffen zu werden. Luder: «Wer Aikido beherrscht, bewegt sich anders in seinem Alltag und hat dadurch auch eine andere Ausstrahlung. Das schreckt potenzielle Angreifer ab. Natürlich gibt es aber auch Menschen, die diese Gelassenheit auch ohne Selbstverteidigungskenntnisse ausstrahlen.»

Luder schlüpft im Dojo in Grenchen immer wieder in die Rolle des Lehrers, wie alle Mitglieder, die einen Dan erreicht haben. Luder hat bisher den zweiten Dan gemeistert. Es gibt sechs Schülergrade (Kyuu). Dann trägt man einen weissen Trainingsanzug. Sobald man den ersten Dan erreicht, bindet man sich den schwarzen Gürtel um. Insgesamt gibt es zehn Dan-Stufen. Mit dem vierten Dan hat man das technische Programm abgeschlossen. Ab dem fünften muss positives Engagement im In- und Ausland zur Verbreitung des Aikido erfolgen, dazu zählt beispielsweise, die Gründung und Leitung eines Dojos. In Europa ist der achte Dan die bisher höchst erreichte Stufe. «Wer so viele Dan anstrebt, ist sozusagen schon von Klein auf dabei, Aikido zu praktizieren», weiss Luder. In Grenchen im Aikido Club ist der vierte Dan der Höchsterreichte, rund zwei Drittel der rund 20 Mitglieder haben einen Dan.

Luder selbst kann sich vorstellen, den dritten Dan zu absolvieren, aber er nimmt es ruhig und so wie es kommt. Um eine Prüfung zu bestehen, müssen die Techniken so genau wie möglich durchgeführt werden. Dabei sei auch spannend, dass Frauen oft die Techniken genauer nähmen als die Männer und diese deshalb oft auch früher besser beherrschten. «Das liegt wohl daran, dass die Frauen in der Regel weniger Kraft besitzen als die Männer. Werden sie angegriffen, müssen sie genauer in der Technik sein, um den Angriff abzuwehren. Die Männer hingegen können bei der Verteidigung bis zu einem gewissen Punkt noch mit ihrer Kraft kompensieren.»