Geht man durch die Räumlichkeiten des Künstlerarchivs an der Wiesenstrasse 23, hat man den Eindruck, dass es mindestens ein Gebäude von der Grösse einer Fabrikhalle benötigt, um all das Material aufnehmen zu können, das dort eingelagert ist. Denn das Künstlerarchiv muss ausziehen bis Ende Jahr, so will das der neue Besitzer der Liegenschaft, der diese umfassend sanieren lassen will.

Zwei Stockwerke und ein Teil des Kellers sind belegt. Im Gang vor einer Reihe von Räumen stapeln sich Kartonkisten voller Bücher. Sie waren in einem der Zimmer eingelagert, wurden verpackt und die Gestelle, auf denen sie standen, demontiert. In weiteren Zimmern befinden sich Gestelle, Archivkasten mit Ansichtskarten, Regale mit Skulpturen und vielem mehr.

Der grösste Raum des Künstlerarchivs befindet sich dort, wo sich früher die Kantine einer Baufirma befand. Dort stehen die Bilder in grossen Gestellen, zum Teil gerahmt, zum Teil in Mappen. Im vorderen Teil des Raumes sind in grossen Metallschränken Tonträger – Schallplatten und CDs gelagert, aber auch Blechschachteln mit Filmrollen etc. Dort steht auch das Pult mit dem blauen Bürostuhl, der Arbeitsplatz von Toni Brechbühl, der sammelte, was es zeit seines Lebens zu sammeln gab. Hier befindet sich das Büro, wo die Werke fotografiert, katalogisiert und am Computer erfasst werden. Hier arbeiten auch die Vorstandsmitglieder Jürg Rüegsegger und Roland Schwob sowie Hanspeter Crivelli.

5423 Werke von 482 Künstlern

5423 Gemälde, Druckgrafiken und Skulpturen von insgesamt 482 Künstlern, dazu rund 2000 bis 5000 noch nicht erfasste Bilder, über 20'000 erfasste Post- und Ansichtskarten und gleich nochmals so viele noch nicht erfasste. Dazu 10 724 Bücher und 607 Kinderbücher, 3466 Abzeichen – Fasnachtsabzeichen und die gesamte Pro-Patria-Sammlung von 1.-August-Abzeichen, 602 Münzen, 105 Filme, 887 Tonträger und 303 Ex libris – eine ganze Menge Material, das an den neuen Standort gebracht werden muss.

Der befindet sich unterhalb des Werkhofs – sprichwörtlich. Denn es handelt sich um die unterirdische Zivilschutzanlage an der Lebernstrasse. Der ehemalige Sanitätsposten ist nicht mehr im Dispositiv des kantonalen Zivilschutzes enthalten, wird künftig nicht mehr verwendet und wurde quasi der Stadt «zurückgegeben».

Diese beschloss Anfang Jahr, dem Künstlerarchiv Grenchen KAG die Räumlichkeiten zu überlassen und dem Verein die Mietkosten im Sinne einer wiederkehrenden Unterstützung zu erlassen. Das KAG muss lediglich die Nebenkosten sowie die zu tätigenden Infrastrukturkosten und die Umzugskosten tragen.

Kosten von 72'000 Franken

Laut KAG-Präsident Thomas Schärli muss der Verein Künstlerarchiv Grenchen mit Kosten von insgesamt 72'000 Franken brutto rechnen (vgl. Box). Darin enthalten sind Infrastrukturleistungen wie elektrische oder sanitäre Installationen, Bodenbeläge in zweien der Räume, die künftig als Büro und Sitzungsraum verwendet werden, spezifische Einrichtungsarbeiten – Demontage und Montage von Regalen, Herstellung neuer Regale – und die eigentlichen Kosten für den Umzug.

Dies obwohl der Zivilschutz während eines Kurses letzte Woche mit angepackt und Anhänger um Anhänger Material von der Wiesenstrasse zur Lebernstrasse gebracht und dort verstaut hat. «Ist mal etwas anderes», meinte Yves Nussbaum, der seinen Zivilschutzdienst leistet. «Jahrelang haben wir immer wieder denselben Bach geputzt und dieselben Wiesen ausgeholzt und gemäht. Das hier macht wenigstens einmal Sinn».

Die neuen Räumlichkeiten sind zwar flächenmässig nicht grösser, als die bisherigen, aber einen leeren Raum könne man bedeutend besser möblieren, sagt Roland Schwob, der als ehemaliger Architekt die Pläne gezeichnet hat. Schon werden die ersten, am alten Ort demontierten, Gestelle wieder zusammengebaut, damit man die Kartons auspacken und die Bücher einräumen kann. Bei den Bildern werde es etwas komplizierter, meint Schwob, denn die alten Gestelle werde man nicht mehr verwenden können, man müsse vom Schreiner neue bauen lassen.

Gut geschützter Raum

«Die neuen Räumlichkeiten fürs Künstlerarchiv bieten viele Vorteile: Wir haben hier einen gut geschützten Raum. Die Gefahr, unsere Sammlung beispielsweise durch einen Brand zu verlieren, ist verglichen mit dem alten Standort minimal. Dazu kommt, dass wir auf, sagen wir mal, die nächsten 10 Jahre eine zugesicherte Bleibe haben, eventuell sogar länger», sagt Roland Schwob.

Aber man habe kein Tageslicht. Gerade für die fotografische Dokumentation der Bilder ein schwieriger Punkt, den Schwob noch irgendwie lösen muss. «Wir machen zwar keine Aufnahmen für Reproduktionen, auch keine hochaufgelösten Fotos. Aber dennoch wirkt sich das Kunstlicht aus auf den Fotos.»

Auch das Arbeiten unter Boden wird wohl nicht mit dem vorherigen Arbeitsplatz zu vergleichen sein. Dort konnte man seinen Blick über die jetzt noch unbebaute Wiese südlich des Viadukts schweifen lassen. Am neuen Ort gibt es verständlicherweise keine Fenster.

Feuchtigkeit reduzieren

Was man auch in den Griff kriegen muss, ist die Luftfeuchtigkeit: Zwar wurden alle Filter, die eine Zivilschutzanlage in einem Ernstfall zur sicheren Zufluchtsstätte machen, entfernt oder ausser Betrieb genommen. Auch die sogenannte Atomschleuse ist nicht mehr in Betrieb. Die Lüftung hingegen ist noch in Betrieb, über die auch geheizt wird. Zu Beginn des Umzugs musste man allerdings noch ein paar Tage lang Entfeuchter laufen lassen, um die Luftfeuchtigkeit auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren. Das wird wohl auch künftig nötig sein. «Aber über 60% sollten wir nicht kommen.»