«Steigen Sie aus, das machen wir noch mal!» Sein Tonfall ist bestimmt, aber höflich. «Sehen Sie, was hier draufliegt?» Ernst Kündig zeigt auf den Beifahrersitz seines silbergrauen Mitsubishi: eine schwarze Plastikfolie, an den Enden mit Spannzügen befestigt. «Setzen sie sich so hin, dass Ihre Beine draussen bleiben», sagt er mit fast militärischer Strenge. Man gehorcht, ohne Fragen zu stellen. «Nun heben Sie Ihre Beine an und wenden Ihren Oberkörper nach innen.» Gesagt, getan. Das «Füdli» rutscht um 45 Grad von rechts nach links. Fast automatisch. «Gute Idee, nicht?», sagt Kündig stolz. «Viele haben nämlich Probleme beim Einsteigen. Der Plastik hilft.»

Sind wir nun bereit für die Fahrt? «Nein. Zuerst meine Regeln für Sie!» Kündig lässt den Mitsubishi anrollen. «Nie über die Krankheit reden. Kein Therapiegeschwafel.» Langsam fährt der 77-Jährige auf den Kreisel am Bahnhof Grenchen Süd zu. «Wenn die Fahrgäste selber einsteigen können, lasse ich sie machen.» Die kleinen Erfolgserlebnisse seien wichtig. «Wenn sie selber können, aber nicht wollen, dann muss man ein bisschen befehlen. Stets freundlich.»

4957 Fahrten fürs Rote Kreuz

Es ist definitiv nicht Ernst Kündigs erster Einsatz; so gewieft und überlegt geht er alles an. Seit März 2002 fährt er für die Regionalstelle Grenchen des Schweizerischen Roten Kreuzes Kanton Solothurn (SRK) – bis heute 4957 Mal. «Er gehört zu unserem Team, wie der Senf zur Wurst. Ohne Kündig wird’s schwierig», sagt Sandra Crausaz, Einsatzleiterin des Fahrdienstes. Jede Fahrt hat Kündig mit Bleistift in einem grünen Fahrtenbuch festgehalten. Dieses liegt hinten auf dem Rücksitz. Vorne, zwischen Armaturenbrett und Windschutzscheibe, klemmt die offizielle SRK-Freiwilligenkarte, die ihm erlaubt, auf Behindertenparkplätzen zu parkieren. Auf der Heckscheibe kleben zwei rote Kreuze. Kündig zeigt Flagge.

«Wenn Herr Aebi kommt, müssen Sie nach hinten. Die Patienten fahren immer vorne mit», sagt Kündig. Wieder mit bestimmtem Tonfall. Er bemerkt den fragenden Blick und gibt die Antwort: «Kommt vom Militär. Ich war Adjutant Unteroffizier. Hilft auch beim Fahrdienst.» Kündig hält in einem Quartier im nördlichen Teil von Grenchen. Er lehnt sich zurück, wartet. «Dauert nur einen Moment.»

Keine zwei Minuten später: Fahrgast Aebi öffnet die Tür. Elegant gleitet er auf den Beifahrersitz. Er kennt den Folien-Trick, denn schon seit fast einem Monat, dreimal pro Woche, nimmt er in diesem Auto Platz und lässt sich ins Bürgerspital Solothurn fahren. Sprachrehabilitation. Vor einiger Zeit hat er einen Hirnschlag erlitten. Kündig weiss nicht alles darüber. «Ich sage ja, nie über die Krankheit reden.»

Kündig passt sich dem Fahrgast an

«Jetzt klappts schon richtig gut mit dem Einsteigen», lobt Kündig seinen Fahrgast. In den Rückspiegel schauend, fügt er an: «Am Anfang machte das noch grosse Probleme.» Kündig fährt los. Heute über die Autobahn, wegen des Verkehrs. Während der Fahrt unterhalten sich Kündig und Aebi wenig. Trotzdem ist die Stimmung entspannt. Wenn Aebi fragt, antwortet Kündig. Wenn Kündig fragt, antwortet Aebi. Der Fahrer passt sich dem Fahrgast an. Das sei Kündigs Art, sagt seine Einsatzleiterin Sandra Crausaz. «Er hat das richtige Gespür, wann Humor, Trost oder auch verständnisvolles Schweigen angebracht ist.»

«Es gibt auch solche, die reden für zwei», sagt Kündig. «Und wissen Sie, als Fahrer beim SRK können Sie nicht weglaufen, da müssen Sie einfach zuhören.» Er lacht. Auch wenn er die Sache manchmal mit Humor angeht, man merkt: Den Fahrdienst würde er gegen nichts eintauschen. Für Kündig ist es der Reiz, jeden Tag aufzustehen und zu wissen, dass er eine sinnvolle Aufgabe hat. Vielen Leuten fehle dies im Alter, weshalb sie dann in ein Loch fallen. «Abgesehen davon ist es unglaublich interessant, was alte Leute alles zu erzählen haben», sagt der 77-Jährige.

Was kommt danach?

Ernst Kündig ist einer von 30 SRK-Freiwilligenfahrern der Regionalstelle Grenchen und mit Jahrgang 1936 der Älteste. Ab 80 Jahren ist automatisch Schluss mit Fahrdienst. Für Kündig steht dieser Schritt also schon in wenigen Jahren an. «Ich habe auch schon darüber nachgedacht, was ich danach machen werde», sagt er und hält kurz inne.

Mit selbstbewusster Stimme erzählt er dann eine Geschichte aus seinem Leben: «Wissen Sie, mein Vater war invalid. Er hatte eine Ganzbeinorthese, eine Beinstütze. Trotzdem fuhr er mit dem Velo durch die ganze Schweiz.» Man müsse sich im Leben halt zu helfen wissen, sagt Ernst Kündig mit einem schelmischen Lächeln. «Es gibt ja diese ‹Hüsli-Töffs›, die mit dem Dach. Ich kann mir gut vorstellen, ab 90 mit so einem einkaufen zu gehen.»