Grenchen

43 zu 18 für den Freispruch: Wie viele Menschenleben ist der Schutz vor Terrorismus wert?

Szenenbild aus «Terror» von Ferdinand von Schirach.

Szenenbild aus «Terror» von Ferdinand von Schirach.

Einfach zurücklehnen und geniessen, galt diesmal nicht. Die Zuschauer im Parktheater Grenchen wurden Handelnde, indem sie über Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten entscheiden mussten.

Im Drama von Ferdinand von Schirach geht es um die grossen Fragen, um menschliche Würde und moralische Verpflichtung, darum, ob es gerechtfertigt ist, Menschen zu töten, um andere zu retten. Der Luftwaffen-Major Lars Koch ist angeklagt, weil er eine mit 164 Menschen besetzte Lufthansa-Maschine gegen den Willen seiner Vorgesetzten abgeschossen hat. Er tat dies im Wissen darüber, dass die Maschine von einem Terroristen gekapert wurde, der sie in ein mit 70 000 Zuschauern besetztes Stadion steuern wird. Schuldig oder nicht? Diese mehr als nur knifflige Frage müssen die Zuschauenden klären, denn je nachdem wird der Schluss des Stückes gespielt.

Was noch vor einigen Jahren als reine Fiktion abgetan worden wäre, erweist sich heute leider brandaktuell. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat im Februar 2006 entschieden, dass ein knapp zuvor in Kraft getretenes Gesetz zur Erhöhung der Luftsicherheit, das den Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeuges erlaubt, gegen das vom Grundgesetz garantierte Grundrecht auf Leben und gegen die Menschenwürde verstösst. Das wissen die Besucher. Verteidiger Biegler weist die Anwesenden aber auch darauf hin, dass die Bundesrichter die Frage, ob sich ein Soldat strafbar macht, wenn er das Flugzeug abschiesst, ausdrücklich nicht beantwortet haben. Für die Geschworenen wird die Urteilsfindung auch nicht einfacher, als sie erfahren, dass nichts unternommen wurde, um das Stadion zu evakuieren, obwohl die Zeit dazu wohl gereicht hätte. Der berührende Auftritt der Nebenklägerin, die ihren Mann bei der Tragödie verloren hat und von dem ihr nichts blieb als sein linker Schuh, hilft auch nicht wirklich aus dem Dilemma. Andererseits steht die Frage, ob man Terroristen nachgeben soll.

Wohl noch nie wurde im Foyer währen der Pause so viel diskutiert. Die Betroffenheit war greifbar. Die Anwesenden entschieden sich schliesslich mit 43 zu 18 Stimmen für Freispruch. Damit ist auch gesagt, dass leider nur wenige den Weg ins Parktheater fanden. Ob die Grenchnerinnen und Grenchner einfach nicht bereit sind, für gehaltvolle, «schwierige» Stücke. Oder gibt es andere Gründe (Wochentag)? Diese Frage muss offenbleiben. Klar ist hingegen, dass sie gleich befunden haben, wie die meisten Besucherinnen und Besucher des Dramas weltweit (über 60 Prozent Freispruch). Nur vereinzelt kam es überhaupt zu einem Schuldspruch. «Terror» ist ein Stück über gesellschaftliche, moralische und ethische Wertvorstellungen, über die unbequeme Frage nach Recht und Unrecht, darüber, ob Recht und Gerechtigkeit auch dasselbe sind. Entlarvend wohl der Schlusssatz des Richters: «Unser Recht ist offensichtlich nicht in der Lage, allen moralischen Bedenken Rechnung zu tragen.»

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