Am 28. Februar feierte Kurt Güggi seinen Letzten beim Werkhof Grenchen. Im Juli wären genau dreissig Jahre vergangen, seit Güggi bei der Stadt begonnen hat zu arbeiten. Vorher war der gelernte Metzger 13 Jahre lang bei der Howeg angestellt. «Damals war alles ganz anders als heute», sagt der 64-Jährige, der fast zur selben Zeit wie der langjährige ehemalige Werkhofchef Rolf Winzenried begann, beim Werkhof zu arbeiten. Güggi war die ersten vier Jahre hinten auf dem «Ghüderwagen».

Die Kehrichtabfuhr sammelte vier Mal pro Woche den Kehricht ein. Güggi war zudem jeweils am Montag im Schlachthof an der Schlachthofstrasse Waagemeister. Nicht etwa als Nebenjob: Die Anstellung in seinem angestammten Beruf war Bestandteil seiner Anstellung bei der Stadt. Denn damals waren es noch sechs Metzger aus Grenchen und Umgebung, die jeweils montags im stadteigenen Schlachthof Tiere schlachteten.

Nach 4 Jahren wechselte Güggi 1992 ins Cockpit des Wagens. «Ich hatte bis dahin schon mehrere Monate als Ferienablösung hinter dem Steuer verbracht.» Einmal pro Monat gab es eine separate Sperrgutabfuhr, eine separate Glasabfuhr und Eisenabfuhr. Sogar Bauschutt konnte einmal pro Monat gratis entsorgt werden. Glas wurde nach Sutz Lattrigen gebracht, wo man Glassand daraus herstellte, ein beliebter Baustoff, der zum Beispiel als Fundation für Gartenplatten verwendet wurde.

Oder man mischte das Glas bei der Zementherstellung bei. Die Grünabfuhr wurde erst 1993 separat abgeführt – vorher waren Grünabfälle aus Garten und Haushalt Bestandteil des normalen Kehrichts. «Besonders die Grünabfälle wogen schwer zur Hauptsaison, wenn alle ihren Rasen mähten. Noch heute werden im Frühsommer gegen 70 Tonnen Grünabfälle pro Woche in die Kompostieranlage hinter der Kläranlage gebracht. «Bevor diese Anlage in Betrieb war, kippten wir die Grünabfälle in eine Grube in Lommiswil.»

Wohlriechend gibt es nicht

«Am schlimmsten stinken die Grünabfälle», sagt Güggi. Zwar auch nur im Sommer, wenn es warm sei, dann dafür aber so richtig. Ganz besonders schlimm sei es noch heute, wenn Leute ihre Speisereste in der Grünabfuhr entsorgten. Das ziehe Fliegen an und so weiter – die Details wolle er dem Leser ersparen. «Es stinkt etwa dreimal mehr als normaler Abfall. Früher hatte ich einen Wagen ohne Klimaanlage, da hat es bis nach vorne gestunken und die Leute auf der Strasse haben sich die Nase zugehalten, wenn wir vorbeifuhren.» An einen Gast vor dem «Baracoa» erinnere er sich besonders gut, der jedes Mal, wenn der Kehrichtwagen zu sehen war, seinen Drink mit einem Bierdeckel abdeckte und sich die Nase zuhielt.

Kurt Güggi hört nach fast 30 Jahren als «Chüderwagen»-Fahrer in Grenchen auf: «Die Grünabfuhr ist schlimmer als der normale Abfall», sagt er.

Kurt Güggi blickt zurück

Kurt Güggis Kehrichtwagen war der mit den drei Kurt: Güggi Kurt am Steuer, Gygi Kurt und Stucki Kurt hinten auf dem Wagen, ein fixes Team. «Der eine ist nun seit etwa zehn Jahren, der andere seit drei Jahren pensioniert. Und jetzt verlässt der letzte Kurt die Müllabfuhr», sagt Güggi schmunzelnd.

Sie hätten viele lustige, aber auch bewegende Momente erlebt. So habe die erhöhte Position manchen Blick auf Schönheiten ermöglicht, die dem Auge sonst verborgen blieben. Aber auch bewegende Momente hätten sie erlebt: «Einmal riefen mich die Kollegen nach hinten. Beim Entsorgen von Grünabfällen entdeckten sie, dass sich da etwas bewegt. Eine Frau hatte beim Misten ihrer Kaninchenställe nicht bemerkt, dass ein Kaninchen Junge geworfen und gut versteckt hatte. Wir konnten die Winzlinge der Mutter zurückgeben, und der Frau war das gar nicht recht.»

Sackgebühr hat viel verändert

«Als 93 die Sackgebühr eingeführt wurde, hatte die Grenchner Bevölkerung nochmals die Gelegenheit, eine gewissen Zeit lang ihr Sperrgut gratis zu entsorgen.» Güggis Route im Süden und Westen der Stadt führte unter anderem ins Miba-Quartier. «Als wir in die Karl Mathystrasse einbogen, hatte man das Gefühl, am Eingang einer Schlucht zu stehen: Links und rechts türmten sich die Haufen mit Dingen, die ihre Besitzer noch schnell loswerden wollten.» Ganze Kinderzimmereinrichtungen und Schlafzimmer lagen am Strassenrand, die Leute hätten ihre Estriche und Keller komplett ausgeräumt. «Darunter waren auch Sachen, die man sicher noch gut hätte gebrauchen können», erinnert sich Güggi. Sie hätten mehrere Tage lang bis um 22 Uhr das Sperrgut aufgeladen, bis der Wagen voll war. Dann ab zum Leeren und ihn auf ein Neues wieder gefüllt. «Die Leute wussten damals einfach nicht, wie teuer die Kehrichtabfuhr künftig werden würde, sie hatten Angst, zu tief ins Portemonnaie greifen zu müssen, und wollten noch schnell ihr Gerümpel loswerden.»

Inzwischen sei alles viel besser geregelt, die separaten Sperrgutabfuhren gibt es nicht mehr, auf alles klebt man jetzt Marken. Zwar stehe an gewissen neuralgischen Punkten, wie der Freimatt oder im Lingeriz, aber auch an gewissen Abschnitten im Zentrum und an der Centralstrasse manchmal wochenlang Sperrgut draussen, ohne Marken. «Das müssen wir dann einfach ein paar Wochen später holen gehen, weil man keine Besitzer ausfindig machen kann.» Eine eigentliche Müllpolizei wie in grösseren Städten gebe es nicht in Grenchen. «Aber doch versuchen wir, die Absender des Mülls ausfindig zu machen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Bei Sofas, Schränken, Matratzen und Betten ist das halt nicht so einfach.» Früher hätten die Abwarte die Marken draufgeklebt. Aber mancherorts, wie bei der Freimatt, gebe es niemanden mehr, der in den Liegenschaften zum Rechten sehe. «Dann bleibt das Zeugs halt draussen liegen, bis wir es dann doch holen müssen, weil wir Reklamationen erhalten.» Happige Bussen gebe es nur für das illegale Entsorgen von Müll in freier Natur.

Fast 45 Mal rund um die Erde

Bei dieser Art von Fahrzeugen misst man die Kilometerleistung nicht nach effektiv gefahrenen Kilometern. Denn da kommen pro Jahr nur gerade 10 000 Kilometer im Schnitt zusammen. Kehrichtwagen werden nach Stunden-Kilometern beurteilt, weil der Wagen oft steht oder sich langsam fortbewegt. Güggi hat nach dieser Rechnung gegen 2 Millionen Kilometer absolviert. Und bis hin zur neusten, aktuellen Fahrzeuggeneration erledigte Güggi Wartungs- und Servicearbeiten ebenfalls selbstständig. Das neuste Modell benötigt nur noch einen Service pro Jahr, den die Chauffeure nicht mehr selber machen können.